Julia Bredl (32) ist in dem Handwerksbetrieb ihres Großvaters und Vaters aufgewachsen. Ihnen nachzueifern und selbst Handwerkerin zu werden, war ihr Traum. Deshalb machte sie erst eine Ausbildung zur Dachspenglerin, dann eine weitere Ausbildung zur Anlagenmechanikerin für Sanitär- und Heizungstechnik und schließlich ihren Meister. Ihr Arbeitsalltag kostet Kraft: Sie verlegt Rohre, verbaut Heizungen, repariert Toiletten, Waschbecken und schleppt schwere Badarmaturen. Bredl arbeitet in einer Branche, die von Männern dominiert wird, sie ist meist die einzige Frau auf der Baustelle. Im Interview erzählt sie, welche Probleme sie meistern muss und wie sie auf dumme Sprüche ihrer Kollegen reagiert.

ZEIT ONLINE: Frau Bredl, Sie sind meist die einzige Frau auf der Baustelle. Was können Sie definitiv besser als ein Mann?

Bredl: Ich gehe anders an Konflikte ran als meine männlichen Kollegen. Wenn es ein Problem gibt, werden manche Kollegen aggressiv oder schreien rum. Ich versuche, zu reden und Verständnis zu zeigen. Wenn ich dabei bin, kommunizieren meine Kollegen auch untereinander anders. Alles ist ruhiger, entspannter und disziplinierter. Ich glaube, ich wirke deeskalierend.

ZEIT ONLINE: In welchen Situationen stoßen Sie im Alltag an Ihre Grenzen?

Bredl: Bevor ich Sanitär- und Heizungsinstallateurin wurde, habe ich eine Lehre zur Dachspenglerin gemacht. Ich stand auf dem Dach und wollte den Falz an einem Blechdach lösen, aber der war so fest zugedrückt, dass ich ihn nicht aufgebracht habe. Irgendwann war ich wirklich verzweifelt, weil ich mir auch die Blöße vor meinen Kollegen nicht geben wollte, dass ich es nicht schaffe. Aber ich habe gelernt, dazu zu stehen, dass ich weniger Kraft habe als ein Mann. Wenn ich heute ein Gewinde aufdrehen soll, das schon seit Jahren fest verschraubt und vielleicht eingerostet ist, dann merke ich schnell, dass ich es allein nicht schaffen kann. Aber dafür arbeite ich ja im Team und die Kollegen helfen mir gern.

ZEIT ONLINE: Als Frau in einer Männerbranche sind Sie immer eine Besonderheit. Wie reagieren Ihre Kollegen und Kunden auf Sie? 

Bredl: Ich sehe recht jung aus, deswegen werde ich oft belächelt und nicht ernst genommen. Ich muss mich immer erst beweisen, sowohl bei den Kunden als auch bei den Kollegen. Manche Kunden sind ziemlich verunsichert, wenn ich mich als Handwerkerin bei ihnen vorstelle. Ich sehe ihnen an, dass sie an meinem Können zweifeln und mir nicht zutrauen, dass ich eine Badewanne genauso gut einbauen kann wie andere. Wenn ich dann anfange zu arbeiten, werde ich ganz genau beobachtet. Aber sobald die Kunden merken, dass ich genauso viel weiß und fachlich nicht hintenanstehe, ist das Feedback immer positiv. Bei den Kollegen ist es ähnlich, nur dass von denen manchmal auch blöde Sprüche kommen.

ZEIT ONLINE: Was war der dümmste Spruch, den Sie abbekommen haben?

Bredl: Der kam von einem Kollegen auf der Baustelle. Er hat mich gefragt, ob er mal ein Rohr bei mir verlegen darf. Das ist natürlich unfassbar dumm, aber ich nehme das nicht persönlich. Ich bin sehr schlagfertig, auf einen blöden Spruch habe ich schnell die passende Antwort. Und das reicht meistens auch schon. Die Männer wissen dann, dass ich mir so was nicht gefallen lasse, und ich trage ihnen das nicht nach. Mit den Kunden ist es ein bisschen schwieriger.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Bredl: Ich kann meine Kunden ja nicht anblaffen, wenn ich merke, dass ich nicht respektiert werde. Im schlimmsten Fall bin ich sonst den Auftrag los. Manche Kunden brauchen einfach ein bisschen, um mit mir warm zu werden. Erst letzte Woche wollte ein Kunde, dass wir ihm eine neue Heizung einbauen. Ich habe ihm angesehen, dass er eigentlich nicht mit mir sprechen wollte, weil er dachte, dass ich die Sekretärin bin und deswegen keine Ahnung habe. Als ich ihm dann aber gesagt habe, dass ich auch Meisterin bin und weiß, was ich tue, hat sich sein Verhalten komplett geändert. Jetzt will er sich nur noch von mir beraten lassen.