Milena und Bianca waren noch nicht geboren, als die NSU-Terroristen im Jahr 2000 nach Zwickau zogen. Von dort aus planten sie Überfälle, Anschläge und Morde im Westen des Landes. Ihre Opfer: zehn Menschen.   

Für die Zwickauer Schülerinnen, 15 und 16 Jahre alt, ist das Geschichte, fern und nah zugleich. Im Unterricht haben sie zum ersten Mal erfahren, dass die Rechtsextremisten Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos elf Jahre lang unerkannt in ihrer Heimatstadt lebten. Bis zum 4. November 2011, als ihr Unterschlupf in der Frühlingsstraße gesprengt wurde. Zuvor lebte das Trio in verschiedenen Wohnungen. In Straßen und Vierteln, die die beiden Mädchen gut kennen, unter Nachbarn, die auch ihre eigenen Nachbarn sein könnten. "Es war ein bedrückendes Gefühl mitzubekommen, dass sie hier so lange ein völlig normales Leben hatten", sagt Bianca. "Dass von ihren Taten niemand etwas mitbekam."

Für die Teenager ist das nicht nur ein Kapitel Schulstoff. Sie wollen mehr wissen. Wie die NSU-Täter in der Stadt verstrickt waren. Wie rechtsextreme Strukturen bis heute in Zwickau verankert sind. Wie der Umgang mit dem NSU-Erbe aussieht. Ihre Erfahrung: In ihrem Bekanntenkreis gibt es kaum Wissen darüber. "Alle, die ich in meinem Alter kenne, haben sich kaum mit dem NSU beschäftigt", erzählt Milena. "Bei mir ist ein Mädchen in der Klasse, die weiß immerhin die Namen der Täter", sagt Bianca. "Aber bei den meisten anderen besteht kein richtiges Interesse."

Seit einigen Jahren gibt es in Zwickau die NSU-Geschichtswerkstatt, eine Schülerinitiative, begleitet von Sozialarbeitern, derzeit arbeiten sieben Jugendliche mit, auch Milena und Bianca. Sie waren schon beim NSU-Prozess in München, haben zig Akten und Dokumente gelesen. Das Anliegen: recherchieren und dokumentieren. Die Täter und ihre Zwickauer Verbindungen zeigen. Ihre Opfer sichtbar machen. Und auf Fragen hinweisen, die ihrer Meinung nach bei der NSU-Aufarbeitung noch offen sind.

Rechtsextreme Strukturen bleiben

Das Material wird von diesem Sonntag an in einem leer stehenden Geschäft auf der Zwickauer Einkaufsstraße gezeigt. Zehn Tage lang ist das Dokumentationszentrum geöffnet. Passanten sollen sich informieren. Schulklassen werden für Workshops erwartet. Das Thema soll mitten in der Stadtgesellschaft platziert werden, das ist die Erwartung des Betreuers Jörg Banitz. "Da liegen noch so viele Dinge brach. Der NSU ist nur die Spitze des Eisbergs", sagt er. "Rechtsextreme Strukturen gibt es bis heute in Zwickau. Und die Akteure treten wieder selbstbewusster auf."

Banitz, 54 Jahre, stammt aus Zwickau. Seit dem Mauerfall arbeitet er hier als Sozialarbeiter, inzwischen im soziokulturellen Zentrum Alter Gasometer. Rechtsextremismus ist für ihn ein ewiger Begleiter. Schon kurz nach dem Mauerfall hat er in einem Zwickauer Plattenbaugebiet den Jugendclub Spinnwebe mit gegründet. Das Viertel war damals ein Brennpunkt, mehr und mehr Neonazis tauchten auf. "Sie suchten auch in der Spinnwebe Anschluss, wollten Proberäume für ihre Bands haben. Das haben wir nicht zugelassen. Wir wollten den Club nicht von Rechtsradikalen kapern lassen", erzählt er. Das sei gelungen, doch aufbrechen konnten die Sozialarbeiter die rechtsextremen Strukturen nicht. "Gegen die schnelle Radikalisierung kamen wir nicht an."

Ralf Marschner ist ein Rechtsextremist, der Jörg Banitz schon vor 30 Jahren im Jugendclub auffiel und der nun auch in der NSU-Geschichtswerkstatt eine Rolle spielt. Marschner war damals ein Vernetzungspunkt. Er organisierte Rechtsrockkonzerte, betrieb Läden mit Szeneklamotten, soll an Überfällen beteiligt gewesen sein, etwa auf ein Zwickauer Asylbewerberheim. Später wurde bekannt, dass Marschner ab 1992 zehn Jahre lang als V-Mann mit dem Decknamen Primus für den Bundesverfassungsschutz gearbeitet hat. Außerdem werden ihm Kontakte mit den Tätern des NSU vorgeworfen. Beim Münchner NSU-Prozess wurde Marschner nicht als Zeuge vorgeladen. Seit einigen Jahren lebt er in der Schweiz. "Auch zu Marschners Biografie sind noch viele Fragen offen", sagt Jörg Banitz.

Viele sagten nur: "Wir sind besorgte Bürger"

Der Sozialarbeiter verfolgt viele Lebensläufe seit Jahrzehnten. Im Zwickauer Landkreis gebe es schätzungsweise etwa 250 Rechtsextremisten. "Dazu ein Mobilisierungspotenzial von etwa 200, 300 Leuten, also Sympathisanten, die Inhalte und Interessen miteinander teilen." Viele Strukturen hätten sich verfestigt. "Die Jugendlichen aus den Neunzigerjahren sind heute erwachsen. Das ist nun die Elterngeneration, die ihre Kinder oft im selben Geist erzieht." Manches sei anders als früher. "Hier gibt es keine offenen Glatzentreffs mit Baseballschlägern mehr." Aber immer noch Zwickauer Kneipen, in denen sich Rechtsextremisten treffen, zum Beispiel einen Dartclub, zur Adresse gehört die Hausnummer 88. "Rechtsextremisten treten heute äußerlich nicht mehr so klar erkennbar als Nazis auf", sagt Banitz. "Aber sie haben immer noch das gleiche Gedankengut. Und viele Akteure sagen heute: Wir sind besorgte Bürger."

Das NSU-Dokumentationszentrum arbeitet mit einem Chemnitzer Verein zusammen, der rechtsextreme Spuren in der eigenen Stadt untersucht und sein Material beisteuert. Recherchen zu den Zwickauer Wohnorten und Verstrickungen der NSU-Täter werden gezeigt. Außerdem Porträts der Opfer und ihre Lebensläufe, die Geschichten von Halit Yozgat, Mehmet Kubaşık, Theodoros Boulgarides und den anderen. Die Umkleidekabinen des ehemaligen Modegeschäfts werden zu "Filterblasen" umgebaut, darin stecken Verschwörungstheorien, die heute rechtsextreme Netzwerke mobilisieren. "Wir arbeiten mit belegbaren Fakten", sagt Banitz. Auf Fragebögen sollen die Besucher entscheiden: "Sind die Urteile des NSU-Prozesses angemessen? Unterstützen Sie die Trio-These? Verfassungsschutz abschaffen – Ja oder Nein?"