Hohe Mieten, dreiste Vermieter, dazu die Angst, sich eine Wohnung bald nicht mehr leisten zu können: Der Mietmarkt bereitet dieser Tage vielen Menschen Sorgen und beschäftigt auch die Politik mehr denn je. Im Schwerpunkt "Mieten am Limit" beleuchtet ZEIT ONLINE die verschiedenen Facetten der Krise – mit Reportagen, Datenanalysen und Interviews.

So langsam wird Elif klar, was passiert ist. Die vergangenen Wochen waren turbulent und sie ist in einer Situation gelandet, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Wir laufen durch einen gepflegten Kiez in Berlin, es ist ein kalter Herbsttag. Rechts und links Altbauten mit Stuck, dazwischen freistehende Stadtvillen mit verwunschenen Vorgärten. Die Straßen sind sauber und unauffällig, die Passanten auch.

Es ist nicht das hippe, raue Szeneberlin, auch nicht der begehrte Prenzlauer Berg oder das reiche Zehlendorf. Es ist eine Gegend, die Jugendliche wohl langweilig finden würden, Familien dafür umso erstrebenswerter. Es ist Elifs ehemaliges Viertel. 

Sie schiebt einen teuren Kinderwagen, die langen, blondierten Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die Augen geschminkt, die Nägel lackiert. Eine ältere Dame kommt uns entgegen, "hallo, wie schön!", grüßt und linst in den Kinderwagen. Es ist eine von Elifs ehemaligen Kundinnen. Bis zum Mutterschutz hatte Elif einen kleinen Salon für Kosmetik und Fußpflege, die meisten Kundinnen kamen aus der Nachbarschaft. "Geht's gut?" fragt die Frau und Elif lächelt: "Ja, ja."  

Das stimmt nicht. Dass es ihr nicht gut geht, sollen nur nicht alle wissen; deshalb nennen wir auch weder ihren richtigen Namen noch den ihres Mannes oder ihres alten Viertels. Vor zwei Monaten wurden die 28-jährige Elif, ihr Mann Adnan und ihr Baby Emre aus ihrer Zweizimmerwohnung geworfen. Zwangsräumung. Emre war da fünf Monate alt.

Vor einem zitronengelb gestrichenen Altbau bleibt Elif stehen, ihr altes Haus. "Am Anfang bin ich manchmal automatisch von der U-Bahn-Station in meine alte Straße eingebogen." Das Baby quengelt, wir gehen weiter. Ausziehen, ohne woanders wieder einzuziehen – "schon echt komisch", sagt sie. Seit der Räumung ist die Familie wohnungslos.

Die Gruppe der Wohnungslosen verändert sich

678.000 Menschen waren im Jahr 2018 in Deutschland wohnungslos, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Nur ein kleiner Teil von ihnen, etwa 48.000, lebt auf der Straße. Die meisten wohnen in Heimen, Notunterkünften oder kommen bei Bekannten und Verwandten unter. Manche ziehen von Sofa zu Sofa, monatelang.

Auffällig ist: Die Gruppe der Wohnungslosen verändert sich. Seit einigen Jahren gibt es darunter immer mehr Familien und immer mehr Berufstätige. Menschen, die ihre Wohnungen noch vor zehn Jahren vermutlich nicht so schnell verloren hätten, weil man ihnen mit Kindern einen gewissen Schutz zugestanden hätte. Oder weil ihre Einkommen auch bei einem Umzug noch für eine kleine eigene Wohnung gereicht hätten. Auf dem heutigen Mietmarkt sieht das anders aus.

"Ein Wohnungsloser"

Zwei Monate vorher, in einer Berliner Beratungsstelle der Caritas, Fachbereich ambulante Wohnungshilfe. Ein Mann hastet über den Flur, er ist spät dran und verschwindet im Büro der Dienststellenleitung. Es ist Adnan, 33, Elifs Mann. Als er wieder rauskommt lacht er. Obwohl ihm eigentlich zum Heulen zumute ist. "Darf ich vorstellen? Ein Wohnungsloser."

Bis zur Zwangsräumung seiner Wohnung sind es nur noch wenige Tage. Und bis jetzt haben Elif und Adnan keine Idee, wo sie mit ihrem kleinen Sohn hinziehen sollen. Das Sozialamt hat die Familie an die Caritas verwiesen. "Der Vermieter will das echt durchziehen. Obwohl wir ein Baby haben", sagt Adnan. Er spricht hektisch, ist nervös. Ein sportlicher Mann, gepflegtes Outfit, Haare, als käme er frisch vom Frisör. "Dass ich mal hier lande", sagt er. Adnan war wie seine Frau selbstständig, er führte ein kleines Café. "Wir hatten ein super Leben", sagt er.