Ein Schicksal, mehrere Verfahren – Seite 1

Als Hava Samar* im Spätsommer 2018 durch die leeren Straßen von Eisenhüttenstadt zum brandenburgischen Ankunftszentrum für Flüchtlinge fährt, glaubt sie, endlich angekommen zu sein. Fast zwei Jahre lang hat die Afghanin auf diesen Moment gewartet. Ihr letztes Geld hatte sie einem Schlepper gegeben, damit er ihre 16-jährige Tochter Nasrin nach Deutschland bringt. Sie selbst war mit ihrem jüngeren Sohn in einem überfüllten griechischen Flüchtlingslager zurückgeblieben. Zwei Jahre, in denen ihre Tochter in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge in Brandenburg lebte, während sie selbst in Griechenland ausharrte. Jetzt sollte sie Nasrin endlich wiedersehen, sie wollten ein neues gemeinsames Leben beginnen. 

Doch vier Wochen später ist alles vorbei: Hava Samar darf nicht in Deutschland bleiben. Mutter und Tochter teilen zwar dasselbe Schicksal voller Gewalt, dieselbe Verfolgungsgeschichte, werden in ihrer afghanischen Heimat von denselben Männern bedroht. Doch Menschen im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) trafen zwei vollkommen entgegengesetzte Entscheidungen: Nasrin erkannten sie als Flüchtling an. Der Asylantrag ihrer Mutter wird abgelehnt. 

Viel spricht dafür, dass Hava Samar Opfer eines strukturellen Problems geworden ist, das durch die verschärfte Asylpolitik der vergangenen Jahre entstanden ist. Der Kern dieses Problems liegt in der Kombination extrem beschleunigter Asylverfahren und der Unterbringung der Geflüchteten in Sammelunterkünften fernab städtischer Zentren.

Diese beiden Mechanismen zeigen sich deutlich in den sogenannten Ankerzentren, deren Eröffnung Bundesinnenminister Horst Seehofer Mitte vergangenen Jahres verkündete und die es zunächst nur in Bayern, Sachsen und im Saarland gab. Ähnliche Zentren existierten aber auch vorher schon in anderen Bundesländern. Auch das sogenannte Ankunftszentrum in Eisenhüttenstadt, in das Hava Samar kam, gehört dazu. Ihnen allen ist gemeinsam, dass dort Asylsuchende durch sehr schnelle Verfahren geschleust werden und währenddessen in großen, oft abgelegenen Einrichtungen leben – nicht eingesperrt, aber weitgehend isoliert vom Rest der Gesellschaft. Wer abgelehnt wird, das ist die Idee, soll künftig direkt aus diesen Zentren abgeschoben werden. Wer anerkannt wird, kann umziehen. Ziel dieser Verfahren ist es, Effizienz und Ordnung in die Asylverfahren zu bringen, die nach der Ankunft vieler Geflüchteter 2015 oft chaotisch und langwierig waren.

Ob das gelingt, ist fraglich. Einen Effekt haben die Verfahren in diesen Zentren definitiv: Für Asylsuchende wird es immer schwieriger, in diesem für sie existenziellen Verfahren ihre Rechte auf Information, Beratung und Unterstützung wahrzunehmen – wenn sie sie überhaupt kennen.

Nasrin war vorbereitet

Als Hava Samars Tochter Nasrin Ende 2016 nach Deutschland kam, herrschte in den Außenstellen des Bamf Chaos, 1,2 Millionen Flüchtlinge waren seit 2015 ins Land gekommen. Auf den Schreibtischen der Entscheider türmten sich Akten, ständig wurden neue Leute eingestellt, um die Asylanträge der Neuankömmlinge zu bearbeiten. Auf einem solchen Aktenberg landete Nasrins Antrag. 

Nasrin lebt heute in einer Einrichtung für Jugendliche in Frankfurt/Oder und geht in die 10. Klasse einer Berufsschule. In den schmucklosen Räumen eines Jugendhilfevereins erzählt sie, wie es ihr damals erging. Eine zurückhaltende junge Frau, die Jeans zum modisch gewickelten rosa Kopftuch trägt. 

Nasrin hatte einen schweren Start in Deutschland. Sie litt unter der Trennung von der Mutter, schlief schlecht, hatte psychische Probleme. Aber weil sie alleine kam und noch nicht erwachsen war, unterstützten Sozialarbeiter sie von Anfang an. Sie konnte in der betreuten Wohnung leben, die Sozialarbeiter halfen ihr im Alltag und erklärten ihr, was im Asylverfahren von ihr erwartet würde. Es dauerte monatelang, bis ihr Asylantrag bearbeitet wurde. Das zehrte an den Nerven. Aber es hatte auch einen entscheidenden Vorteil: Nasrin hatte Zeit, sich auf ihren Anhörungstermin vorzubereiten. Und als es soweit war, begleitete sie ein Vormund. 

Nasrin berichtete der Bamf-Entscheiderin, dass die Familie in Afghanistan in permanenter Angst gelebt habe, seit ihr Vater, ein Sicherheitsbeamter, 2003 von den Taliban ermordet worden war. Ihre Mutter hatte danach nicht wieder geheiratet und in einer Fabrik unter deutsch-afghanischer Leitung gearbeitet, um die Familie zu ernähren. Das habe einflussreichen Männern in ihrem Heimatort nicht gepasst. Die Mutter zog mit ihren Kindern in die Provinzhauptstadt. Doch der Onkel, bei dem sie dort unterkamen, sei ebenfalls ermordet worden. Immer wieder seien sie danach bedroht worden. Taliban-Anhänger in der Nachbarschaft hätten versucht, Nasrins jüngere Brüder dazu zu zwingen, sich zu Dschihadisten ausbilden zu lassen. 

Mehrere ältere Männer hätten sie heiraten wollen – gegen ihren Willen, erzählte Nasrin. Auf dem Schulweg sei sie verfolgt worden. Irgendwann habe sie sich nicht mehr in die Schule getraut. Die Mutter habe ihre Stelle verloren, weil auch ihre Arbeitgeber bedroht worden seien. "Wir hatten keine Ruhe, sondern ständig Angst", wird Nasrin im Anhörungsprotokoll zitiert, das ZEIT ONLINE vorliegt. 

"Ich brauche meine Mutter"

Zum Schluss der Anhörung wurde Nasrin gefragt, ob sie noch etwas hinzufügen wolle. Sie zögerte, es war ihr unangenehm. Kurz vor der endgültigen Flucht habe ein Mann, der Nasrin seit Längerem nachgestellt hatte, sie allein zu Hause überrascht. Er habe sie geschlagen und gedroht, ihrer Mutter etwas anzutun, wenn sie sich nicht vor ihm ausziehe. Dann habe er sie mit seinem Handy gefilmt. Mit dem Video habe er sie erpressen und zur Heirat zwingen wollen. Noch als sie schon in Deutschland war, schickte er ihr Drohungen, die sie der Bamf-Entscheiderin zeigen konnte.

Einer der letzten Sätze Nasrins in ihrer Anhörung lautete: "Ich brauche meine Mutter." Denn ihre Mutter war es, die die Tochter davon abhielt, sich selbst etwas anzutun. Sie beschloss, mit Nasrin und deren beiden jüngeren Brüdern zu fliehen. Im Iran griff die Polizei einen der Jungen auf und schob ihn nach Afghanistan ab. Die Mutter und die Geschwister gelangten über die Türkei nach Griechenland.
Nach der Anhörung dauerte es abermals Monate, bis Nasrin eine Antwort vom Bamf erhielt. Doch Mitte 2018 kam die erlösende Nachricht: Nasrin wurde der Flüchtlingsstatus zuerkannt. 

Weil Nasrin nun offiziell anerkannt war, durften ihre Mutter und ihr kleiner Bruder ihr nachreisen – ganz legal und per Flugzeug. Nach ihrer Landung sollten sie sich im Eisenhüttenstädter Ankunftszentrum melden.

Anhörung nach einer Woche

Doch als Hava Samar mit ihrem Sohn in der ehemaligen Kaserne ankam, warteten schlechte Nachrichten auf sie. Nasrin war einen Tag, bevor der positive Bescheid bei ihr einging, 18 Jahre alt geworden. Der Anspruch auf Familiennachzug war damit verfallen. Hava Samar musste nun einen eigenen Asylantrag für sich und ihren Sohn stellen. 

Doch im Gegensatz zu Nasrin, die monatelang auf ihre Anhörung hatte warten müssen und sich vorbereiten konnte, ging bei Hava Samar alles ganz schnell: Weniger als eine Woche nach ihrer Ankunft in Deutschland wurde sie zur mündlichen Anhörung beim Bamf geladen. Sie wusste so gut wie nichts über das Asylverfahren. Lediglich einen mehrsprachigen Informationsflyer des Bamf hatte ihr jemand kurz nach ihrer Ankunft in die Hand gedrückt. Doch die 43-Jährige ist Analphabetin. 

So saß Hava Samar völlig unvorbereitet einem Entscheider des Bamf gegenüber. Gehorsam beantwortete sie seine Fragen, am Ende unterschrieb sie widerspruchslos das Protokoll. Drei Wochen später kam der Bescheid: abgelehnt. Hava Samar sollte Deutschland innerhalb von 30 Tagen verlassen, sonst drohe ihr die Abschiebung. Im Bescheid des Bamf, der ZEIT ONLINE vorliegt, steht, sie habe keine überzeugenden Angaben zu individuellen Fluchtgründen gemacht.

Nicht alles gesagt

Wie kann das sein? Mutter und Tochter sind gemeinsam aus Afghanistan geflohen, und glaubt man Nasrin, dann droht beiden bei einer Rückkehr ein vergleichbares Grauen. Doch das Bamf argumentiert in solchen Fällen, eine ähnliche Geschichte sei kein Garant für denselben Schutzstatus. Es zähle immer der Einzelfall. 

Was aber unterscheidet die Einzelfälle von Nasrin und Hava Samar? 

Es ist aufschlussreich, die Aussagen, die Hava Samar laut Bamf-Bescheid in ihrer Anhörung gemacht hat, mit denen ihrer Tochter Nasrin ein Jahr zuvor zu vergleichen.

Viele der Ereignisse, die Nasrin beschrieben hatte, scheint ihre Mutter mit keinem Wort erwähnt zu haben. Im Bescheid heißt es, die Mutter habe "im Wesentlichen" angegeben, wegen der Probleme ihrer Tochter mit einem Mann das Land verlassen zu haben. Über die Gewalt gegen sich selbst sprach sie offenbar nicht, auch nicht über die Drohungen von Nasrins Peiniger, der Mutter, etwas anzutun, oder über die versuchte Rekrutierung ihrer minderjährigen Söhne. 

Politik und Behörden haben neue Probleme geschaffen

Im Vergleich zu den Schilderungen ihrer Tochter lesen sich Hava Samars Ausführungen beinahe harmlos: "Bei einer Rückkehr nach Afghanistan befürchte die Antragstellerin […], dass ihr Leben dort als alleinstehende Frau sicherlich nicht besser werden würde." Nicht einmal die Fürsorge für Nasrin brachte sie als möglichen Grund für ein Bleiberecht an. "Ein zu berücksichtigendes Abhängigkeitsverhältnis zu der Tochter […] wurde von der Antragstellerin nicht vorgetragen." Der Bescheid ist gespickt mit Formulierungen, Hava Samar habe dieses oder jenes "nicht vorgetragen" oder "nicht geltend gemacht". 

Statt über ihre individuellen Fluchtgründe scheint sie über die unsichere Lage und den Vormarsch der Taliban in ihrer Heimatregion gesprochen zu haben – obwohl solche individuellen Einschätzungen für die Anhörung weitgehend irrelevant sind. Denn die Entscheider verlassen sich bei der Beurteilung der jeweiligen Sicherheitslage auf sogenannte interne Herkunftsländer-Leitsätze und Dienstanweisungen. Alles deutet darauf hin, dass Hava Samar zum Zeitpunkt der Anhörung keine Vorstellung davon hatte, welche Aspekte ihrer Geschichte für das Asylverfahren wichtig sind und welche Bedeutung das Gespräch für ihren Aufenthalt in Deutschland hat. 

Nach EU-Recht müssen Asylsuchende in allen Phasen ihres Verfahrens die Möglichkeit haben, eine individuelle Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. Faktisch hängt dagegen selbst die Frage, ob sie auch nur über die Grundlagen des Asylverfahrens informiert werden, vom Ort und vom Zufall ab. Je nach Bundesland und Aufnahmeeinrichtung ist die Beratung anders oder womöglich gar nicht vorhanden. Viele Antragstellerinnen und Antragsteller stolpern völlig unvorbereitet in ihr Verfahren hinein. Und die Beschleunigung der Verfahren in den Ankunfts- und Ankerzentren hat diese Situation noch verschärft. Ein Richter des Bundesverwaltungsgerichts sagte im Mai als Sachverständiger vor dem Innenausschuss des Bundestages zur Qualität der Asylverfahren in Deutschland: "Rechtsschutz als Lotterie ist eines Rechtsstaats unwürdig."

Nasrin ist überzeugt, dass ihre Mutter noch am Morgen ihrer Anhörung nicht wusste, welche Bedeutung dieser Tag für sie haben würde. Sie habe der Mutter eingebläut, ihr Bescheid zu sagen, wenn sie den Termin ihrer Anhörung wisse. "Aber als wir morgens telefoniert haben, sagte sie nur, dass sie noch ein Interview habe", erinnert sich Nasrin. "Interviews" hatte Hava Samar in diesen ersten Tagen viele. Zwischen ihrer Ankunft und der Anhörung lagen drei Werktage. Sie verbrachte sie damit, auf dem weitläufigen Gelände zwischen den ehemaligen Kasernenbauten von Termin zu Termin zu eilen: Registrierung, medizinische Untersuchung, Sicherheitscheck, Antragstellung, Gespräch zum Dublin-Verfahren. Sie habe einfach den Überblick verloren, glaubt Nasrin. Hava Samar selbst sagt: "Als ich hier angekommen bin, wollte ich mich an die ganzen schlimmen Sachen, die in Afghanistan passiert sind, nicht nochmal erinnern."

Die Schutzquote sinkt

Spricht man mit Asylrechtsanwälten, sagen viele, ohne Beratung vor der Anhörung verringere sich die Chance von Flüchtlingen erheblich, in Deutschland Schutz gewährt zu bekommen. Zahlen für 2018, die die Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion veröffentlicht hat, zeigen, dass Asylsuchende an sieben Bamf-Standorten über alle Nationalitäten hinweg die schlechtesten Chancen auf einen Schutzstatus haben. Neben den vier bayerischen Ankerzentren Zirndorf, Manching, Regensburg und Schweinfurt gehören die Zentren in Eisenhüttenstadt (Brandenburg) und Chemnitz (Sachsen) dazu. Beide zählt das Bundesinnenministerium (BMI) seit 2019 offiziell zu den Ankerzentren – auch wenn die brandenburgische Landesregierung sich gegen dieses Label wehrt.

Mit am deutlichsten unter dem Durchschnitt lag die Schutzquote am Frankfurter Flughafen. Das dort seit 1993 praktizierte und seither heftig umstrittene Flughafenverfahren gilt als Vorbild für Seehofers Anker-Konzept. Oft fällt die Entscheidung dort innerhalb weniger Wochen, manchmal Tage. Währenddessen dürfen die Menschen den Transitbereich des Flughafens nicht verlassen.

Es ist paradox: Vor vier Jahren wünschten sich alle schnellere Asylverfahren –  Behörden und alle Parteien –, um die große Zahl von Asylanträgen schneller bewältigen zu können. Heute zeigt sich: Politik und Behörden haben neue Probleme geschaffen – für die Geflüchteten und für den Rechtsstaat. 

Der Bericht wurde nie veröffentlicht

Vor allem die knapp bemessene Zeit vor der mündlichen Anhörung wird vielen zum Verhängnis. Die Anhörung ist das Herzstück des gesamten Asylverfahrens. Die wenigen Stunden, in denen die Antragsteller den Entscheidern des Bamf gegenübersitzen, sind ihre einzige Chance, ihre Fluchtgeschichte zu erzählen und das Bundesamt von ihrer Schutzbedürftigkeit zu überzeugen. Was am Ende nicht im Anhörungsprotokoll steht, wird bei der Entscheidung nicht berücksichtigt. Wer in der Anhörung nicht überzeugt, wichtige Punkte auslässt oder sich in Widersprüche verwickelt, hat kaum Chancen, die Fehler später zu korrigieren. 

Keine unabhängige Beratung

Hava Samar fehlte vor ihrer Anhörung vieles: Zeit zur Orientierung, Unterstützung, Beratung. Zwar bieten Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes im Ankunftszentrum Eisenhüttenstadt Beratungen an, doch Hava Samar trafen sie vor deren Anhörung nicht. Andere unabhängige Stellen berieten nicht auf dem Gelände. Studentische Rechtsberater der Refugee Law Clinic, die an vielen Orten Deutschlands ehrenamtlich Lücken in der Beratungsstruktur füllt, hatten sich im vergangenen Jahr darum bemüht, wurden aber als unqualifiziert abgelehnt. Nur eine kleine Abordnung der Zeugen Jehovas steht regelmäßig vor dem Metalltor und verteilt Gratisbibeln und warme Worte. 

Auch in der näheren Umgebung des Ankunftszentrums, das zwischen einem Kiefernwäldchen und vereinzelten Wohnblocks am Stadtrand von Eisenhüttenstadt liegt, gibt es kaum Anlaufstellen für die Asylbewerberinnen und Asylbewerber. Um die Isolation aufzubrechen, bietet der Berliner Verein Komm Mit e.V. seit Anfang 2019 zweimal pro Woche Beratungen in einer nahen Kirchengemeinde an. Fragt man dort nach, heißt es aber: So gut wie niemand finde vor der Anhörung den Weg zu ihnen. Die meisten kämen erst mit ihrem Ablehnungsbescheid. 

An einer Pinnwand des provisorischen Beratungsbüros hängen die Kontaktdaten einiger Anwaltskanzleien, die die Berater empfehlen. Alle Adressen sind in Berlin. Obwohl in Eisenhüttenstadt die zentrale Flüchtlingsaufnahme für das ganze Bundesland untergebracht ist, sucht man auf Asylrecht spezialisierte Anwaltskanzleien dort vergeblich.

Zeit und Vertrauen

Aus Sicht des Hamburger Anwalts Heiko Habbe, der Asylsuchende berät, ist Hava Samars Fall typisch. Wenn Betroffene nicht wüssten, welche Aspekte ihrer Fluchtgeschichte für das Bamf von Bedeutung seien, dann ließen sie wichtige Teile aus. "Weil sie sie für irrelevant oder selbstverständlich halten – oder weil sie sich schämen." Frauen, die Opfer von Vergewaltigung geworden seien, erzählten fast nie von sich aus davon. Eine gute Beratung müsse sich deshalb die Zeit nehmen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und dann die individuelle Fluchtgeschichte zu klären. 

Die Bundesregierung ist sich des Problems durchaus bewusst. Im Koalitionsvertrag ist die Einführung einer "flächendeckenden, unabhängigen Asylverfahrensberatung" vorgesehen. Sie gilt als Zugeständnis der Union an die SPD – eine Gegenleistung dafür, dass sich insbesondere die CSU mit ihrem Modell der Ankerzentren durchgesetzt hatte. Schnelle und zentralisierte Verfahren gegen garantierten Zugang zu qualifizierter, unabhängiger Beratung. 

Auch das Bamf scheint der Idee ursprünglich positiv gegenübergestanden zu haben: Noch 2017 hatte dessen Forschungszentrum zusammen mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR in einem Pilotprojekt getestet, wie eine flächendeckende Beratung durch die Wohlfahrtsverbände eingeführt werden könnte. Im Abschlussbericht hieß es damals: Wenn die Beratung noch vor der Anhörung beginne, könne sie "die Qualität der im Asylverfahren getroffenen Entscheidungen" verbessern und "die Effizienz des Behördenverfahrens steigern". Es ging dabei explizit um eine unabhängige Beratung. Doch der Bericht wurde nie veröffentlicht.

Beratung durch das Bamf selbst

Stattdessen testet das Innenministerium in mittlerweile 17 Ankerzentren und "funktionsgleichen" Einrichtungen eine Asylverfahrensberatung durch das Bamf selbst. Dafür werden Entscheider für etwa ein halbes Jahr von ihren Aufgaben freigestellt. In dieser Zeit bieten sie Gruppenberatungen zum Ablauf des Asylverfahrens an. Um die individuellen Verfolgungsgeschichten der Menschen geht es dabei nicht. Dafür müssen sie Extra-Termine beantragen. "Staatliche unabhängige" Beratung nennt man das im Ministerium.

Asylverfahren sind keine Gerichtsprozesse, aber ähnlich wie Angeklagte vor Gericht stehen die Antragsteller mit dem Bamf einer Institution gegenüber, deren Aufgabe es ist, ihre Aussagen in Zweifel zu ziehen und über deren Glaubwürdigkeit zu richten. Wie man von Unabhängigkeit sprechen kann, wenn in den Ankerzentren dieselbe Behörde auch ihre Verteidigung übernehmen soll, erschließt sich nicht. Das Innenministerium, das die Entscheidung getroffen hat, trägt zur Aufklärung nicht bei. Eine Anfrage von ZEIT ONLINE dazu beantwortet das Ministerium auch auf wiederholte Nachfrage nicht.

Zusammen wohnen dürfen sie immer noch nicht

Asylanwalt Habbe unterstellt bösen Willen: "Dass das Bamf unter Führung eines Hardliners und loyalen CSU-Mannes die im Koalitionsvertrag vorgesehene Beratung jetzt kapert, ist empörend." Habbe spielt an auf Hans-Eckhard Sommer, der das Bamf seit Juni 2018 leitet und zuvor jahrelang im bayerischen Innenministerium für Ausländer- und Asylrecht zuständig war. Sommer sorgte zuletzt für Aufsehen, als er sagte, die Zahl der Menschen, die in Deutschland Asyl beantragten, sei zu hoch und die meisten von ihnen hätten keine wirklichen Fluchtgründe. 

Habbe ist überzeugt: Die Bamf-Mitarbeiter seien in letzter Konsequenz zwangsläufig ihrem Dienstherren verpflichtet. "Dagegen muss ich als unabhängiger Berater parteilich an der Seite des Asylsuchenden stehen", sagt er. "Es muss klar sein, wem meine Loyalität gilt und wessen Interessen ich vertrete."

Antrag abgelehnt, Klage erfolgreich

Dass eine unabhängige Beratung vor dem Verfahren sinnvoll wäre, zeigen die vergleichsweise hohen Erfolgsquoten von Asylsuchenden, die vor Gericht gegen ihre Bamf-Bescheide klagen. Im Jahr 2017 hatte jede vierte Klage Erfolg, 2018 noch jede sechste. Insgesamt korrigierten die Gerichte im vergangenen Jahr rund 30.000 Bescheide. Besonders oft hoben Richter die Bescheide von zunächst abgelehnten Afghanen auf: 40 Prozent derer, die 2018 klagten, bekamen Recht. Klammert man eingestellte Verfahren aus und betrachtet nur die inhaltlich entschiedenen Fälle, waren es fast 60 Prozent.

Habbe sagt, er habe den Eindruck, beim Bamf habe sich ein "institutionalisiertes Misstrauen" gegenüber den Antragstellern durchgesetzt. "Das System ist darauf ausgerichtet, Asylanträge im Zweifel eher abzulehnen."

Unnötige Härte

Tatsächlich verhalten sich Bamf-Mitarbeiter offenbar nicht immer so neutral, wie sie sollten. So berichtet ein Dolmetscher, der seit einigen Jahren für das Bamf im bayerischen Ankerzentrum Zirndorf übersetzt und seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, dass etwa ein Drittel der 20 Entscheider, mit denen er regelmäßig zusammenarbeite, die Antragstellerinnen und Antragsteller unnötig unter Druck setze, keine Pausen einlege, etwa wenn Menschen in Tränen ausbrächen. Diese Entscheider gingen schon mit der Überzeugung ins Gespräch, dass sie angelogen würden. "Die Anhörungen sind dann selbst für mich als Dolmetscher die Hölle", sagt er. 

Dass es auch anders gehe, zeige ihm der Vergleich mit den restlichen Entscheidern, die zwar streng seien, aber stets fair und sachlich blieben. Seine Erfahrung: Wenn jemand sich in Lügen verstricke, merke man das in der Regel auch ohne übertriebene Härte. "Ich glaube, diese Leute haben einfach eine negative Einstellung gegenüber Flüchtlingen."

Alles erzählen

Auch Hava Samar hat gegen die Ablehnung ihres Asylantrags Klage eingereicht. Doch ein Jahr nach ihrer Ankunft weiß sie immer noch nicht, ob sie in Deutschland bleiben kann. Ein Gerichtstermin steht noch nicht fest. In Brandenburg dauern die Verfahren oft zwei oder drei Jahre. Doch zumindest bezahlt das Sozialamt seit Anfang November eine kleine Wohnung für sie und ihren Sohn in Frankfurt/Oder. Noch wirkt der Raum kahl. Für das Gespräch an einem grauen Vormittag hat sie sich im Schneidersitz auf dem Teppich niedergelassen, den Rücken an die Heizung gelehnt.

Neben ihr sitzt ihre Tochter Nasrin. Jeden Tag kommt sie bei ihrer Mutter vorbei. Aber zusammenwohnen dürfen sie nicht – auch das eine Folge der unterschiedlichen Aufenthaltsstatus.  

Hava Samar besucht derzeit einen Alphabetisierungskurs, Nasrin und ihr Bruder gehen zur Schule. Sicherheit und Bildung für ihre Kinder, das habe sie sich in Deutschland erhofft, sagt Hava Samar mit einem müden Lächeln und zupft ihren langen, gepunkteten Rock zurecht. Hava spricht Dari, Nasrin übersetzt. "Meine Mutter hat viele Sorgen", sagt sie. Wegen des zweiten Sohnes, der noch immer alleine auf der Flucht sei. Wegen der möglichen Abschiebung nach Afghanistan: "Davor hat sie große Angst." Die Mutter nickt.

Doch zu einem ist sie entschlossen: Sollte sie vor Gericht noch einmal die Chance bekommen, ihre Fluchtgründe zu schildern, wird sie vorbereitet sein. "Dann erzählt sie alles", sagt Nasrin.

*Die Namen sind der Redaktion bekannt.