Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat die Verantwortlichen des WDR aufgefordert, ihren freien Journalisten zu schützen. Der Kinderchor des Senders hatte für ein satirisches Video ein Lied aufgenommen. Auf die Melodie von Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad sang er unter anderem die Zeilen "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau". Die Formulierung "Umweltsau" brachte dem Sender in sozialen Medien heftige Kritik ein. Vor den Gebäuden des WDR in Köln kam es am Sonntag zu Protesten.

Ein freier WDR-Mitarbeiter hatte das Video auf Twitter geteilt und später auf seinem privaten Twitter-Account geschrieben: "Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine Umweltsau. Stimmt. Sondern eine Nazisau". Laut DJV liefen Angehörige der rechtsextremen Szene vor seinem Haus auf und versuchten, ihn einzuschüchtern.

Der Journalist selbst entschuldigte sich später für seinen "Nazisau"-Tweet. "Mir lag es fern eine ganze Generation oder gar eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu beleidigen", twitterte er. "Falls dieser Eindruck entstanden sein sollte, möchte ich mich bei berechtigten Kritikern entschuldigen." Ausgenommen von der Entschuldigung seien jene, "die mich seit gestern mit Gewalt- und Todesdrohungen überhäufen".

WDR distanzierte sich zunächst

Der Bundesvorsitzende des DJV, Frank Überall, sagte laut einer Pressemitteilung, es gehe nicht um Geschmacksfragen von Satire, sondern um den Schutz von Satire- und Meinungsfreiheit. Zudem kritisierte er den bisherigen Umgang des WDR mit seinem Mitarbeiter. Dieser sei "wenig hilfreich" gewesen.

Der WDR hatte nach der Kritik das Video am Freitag gelöscht. WDR 2-Chef Jochen Rausch entschuldigte sich am Samstag "für die missglückte Aktion", das Wort "Umweltsau" sei unpassend. Auch WDR-Intendant Tom Buhrow entschuldigte sich. In einer Sondersendung am Samstagabend sagte er, das Video mit dem "verunglückten Oma-Lied war ein Fehler". Auf Twitter stellte die Redaktion der Sendung Aktuelle Stunde klar, der nun von den Drohungen betroffene Journalist sei "kein Redakteur beim WDR, sondern freier Mitarbeiter".

Der Redaktionsleiter der ARD-Sendung Monitor, Georg Restle, nahm den Journalisten in Schutz: "Freie Mitarbeiter sind die schwächsten Glieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn sie öffentlich bedroht werden, müssen wir uns hinter sie stellen. Unabhängig davon, ob uns gefällt, was sie veröffentlichen. Nennt sich Meinungsfreiheit. Nennt sich Standhaftigkeit – gegen die Feinde der Demokratie."

WDR: Bedrohten Mitarbeitern wird Personenschutz angeboten

Am Montag gingen weitere Verantwortliche des WDR auf die Drohungen gegen den freien Journalisten ein: Dass der Sender sich von einem Tweet des Kollegen distanziert habe, bedeute nicht, "dass wir uns von unserem Mitarbeiter als Mensch distanzieren", twitterte die Redaktion der Aktuellen Stunde. Der Mitarbeiter habe "jede Form von Unterstützung" angeboten bekommen. Kein verunglückter Tweet rechtfertige Drohungen.

Der Intendant Tom Buhrow sagte im Mittagsmagazin von WDR 2: "Wir werden das nicht dulden, ich gehe mit allen juristischen Mitteln dagegen vor." Die Drohungen offenbarten ein erschreckendes Maß an Verrohung. "In unserem Land ist etwas richtig krank, und wir haben alle dazu beizutragen, dass sich das ändert", sagte Buhrow. Medien müssten etwas demütiger sein und auch mal Kritik ertragen können. Gewaltandrohungen lasse man sich aber nicht gefallen. Der WDR teilte zudem mit, dass er bedrohten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Personenschutz anbiete. Dies gelte sowohl für Festangestellte als auch für freie Mitarbeiter. 

Kritik von CDU und FDP

In die Debatte über das Video hatte sich auch die Politik eingeschaltet. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) etwa twitterte, der WDR habe mit dem Lied Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten. Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann (CDU) sagte dem Westfalen-Blatt, er verstehe die Bürger, die nun wütend seien. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) sagte der Bild-Zeitung, nicht alles, was schlecht sei, könne durch "die Behauptung einer Satire gerechtfertigt werden".

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der von den Drohungen betroffene freie Journalist sei selbst Autor des umstrittenen Satire-Liedtextes. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.