Er sagt über sich selbst: "Ich bin ein konservativer Bayer." Der frühere Unternehmer Claus-Peter Reisch (58) fährt seit 2017 Seenotrettungsmissionen auf dem Mittelmeer. Im Juni 2018 leitete er eine Mission der "Lifeline", die anschließend auf Malta beschlagnahmt wurde, Reisch wurde wegen falscher Beflaggung verurteilt, gewann aber den Berufungsprozess. Im September 2019 steuerte er mit dem zweiten Schiff der NGO Mission Lifeline, der "Eleonore", Sizilien an, seitdem ermittelt die italienische Staatsanwaltschaft gegen ihn.

Jetzt will er eine Pause machen. Mit der Seenotrettung abgeschlossen habe er nicht, sagt Reisch, aber für Mission Lifeline will er nicht mehr fahren. Es gebe zu viele Differenzen.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren Berufungsprozess gewonnen, die Hilfsorganisation Mission Lifeline, für die Sie als Kapitän unterwegs waren, hat ein neues Schiff gekauft, die Rise Above. Aber Sie wollen nicht mehr an Bord. Warum?

Claus-Peter Reisch: Das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich auch noch einen Bußgeldbescheid aus Italien auf dem Tisch, über 300.000 Euro. Ich habe zwar Widerspruch eingelegt, aber ich weiß nicht, wie es ausgeht, und muss jetzt Geld einsammeln. Außerdem wird in Italien gegen meinen ersten Offizier und mich wegen Beihilfe zur unerlaubten Einreise ermittelt, da könnte auch noch ein Verfahren kommen. Ich muss also schauen, dass ich Geld reinbekomme.

Ich würde auf jeden Fall wieder eine Seenotrettungsmission fahren, aber momentan möchte ich diese juristischen Baustellen erst mal abschließen und lasse lieber anderen den Vortritt. Wenn ich allerdings akut einen Schlüssel für ein Schiff in die Hand bekäme, würde ich vermutlich doch schwach werden und fahren.

ZEIT ONLINE: Aber nicht für Mission Lifeline?

Reisch: Genau, nicht für Lifeline. Es gibt Differenzen zwischen uns, ich will nicht über alles sprechen, aber vor allem gefällt mir deren politische Agitation nicht. Ich kann mich nicht mit Aussagen gemeinmachen, wie etwa, der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sei ein Baby-Hitler. Da bin ich nicht dabei. Und auch gewisse andere politische Aussagen, die da gemacht werden, sind nicht mein Ding. Vieles ist mir zu linksradikal.

Ich komme aus der bürgerlichen Mitte. Ich habe mit nichts angefangen, eine Firma aufgebaut, die ist super gelaufen. Ich habe sie Ende 2008 verkauft und kann heute von dem, was ich mir erarbeitet habe, einigermaßen gut leben. Das ist eine andere Welt. Mir geht es um Seenotrettung, nicht um politische Agitation. Auch wenn Seenotrettung auf dem Mittelmeer inzwischen eine politische Komponente hat. Leider. Das habe ich lernen müssen. Aber wenn wir schon Politik machen müssen, dann sollten wir doch einen anderen Ton anschlagen.

ZEIT ONLINE: Sie sind jetzt fast zwei Jahre für Lifeline unterwegs, sind zwei Missionen gefahren, standen für die NGO in der Öffentlichkeit, haben Spenden gesammelt. Wieso erst jetzt diese Entscheidung?

Reisch: Dass sich was ändern muss, habe ich schon lange gesagt, aber wir sind da nicht näher zusammengekommen. Und eigentlich wollte ich schon im Sommer die Mission auf dem zweiten Schiff, der Eleonore, nicht mehr fahren. Das habe ich nur gemacht, weil der Kapitän kurzfristig abgesprungen war. Und dann galt: Entweder das Schiff fährt mit mir, oder es fährt gar nicht. Hopp oder top. Also habe ich gesagt, ich mache es technisch fertig und fahre. Rückblickend kann ich sagen, es war gut, dass wir los sind. Die 104 Menschen, die wir gerettet haben, wären sonst ertrunken. Außerdem bin ich auch den Spendern in gewisser Hinsicht verpflichtet. Wenn ich Geld einsammle für ein neues Schiff und dann fährt dieses Schiff am Ende nicht, verliere ich doch meine Glaubwürdigkeit.

ZEIT ONLINE: Warum ist der andere Kapitän in Barcelona abgesprungen?

Reisch: Das sind Interna, über die ich nicht sprechen möchte. Einige Dinge waren etwas problematisch. Ich wollte es ja eigentlich auch nicht machen, ich wollte nur die Schiffspapiere nach Barcelona bringen und schnell wieder nach Hause. Aber dass das Schiff überhaupt ausläuft, war mir in dem Moment dann wichtiger als alles Chaos drumherum.

ZEIT ONLINE: Einige, die mit Ihnen an Bord waren, haben gesagt, Sie seien manchmal etwas harsch.

Reisch: Interessanterweise ist es so, dass die, die Ahnung von Seefahrt haben, gern wieder mit mir fahren wollen. Es gibt nun mal Hierarchien auf einem Schiff und manche Leute kommen damit nicht klar. Auch aufgrund ihrer politischen Einstellung. Die wollen Entscheidungen, die gefällt werden, dann ausdiskutieren. Aber das funktioniert nicht, schon gar nicht bei Windstärke acht. Es gibt nur einen Einzigen, der letztendlich die Konsequenzen für alles trägt, und das ist der Kapitän, manchmal noch der Erste Offizier. Und so sage ich eben manchmal: Das ist jetzt so. Punkt. Kann schon sein, dass manche das harsch finden. Aber ich habe die Missionen alle gut zu Ende geführt, insgesamt sieben Fahrten. Wir haben viele Leute gerettet und es ist niemand zu Schaden gekommen. Das ist meine Aufgabe als Kapitän.

ZEIT ONLINE: Angefangen haben Sie 2017 bei der NGO Sea-Eye, sind fünf Missionen gefahren. Warum sind Sie zu Mission Lifeline gewechselt?

Reisch: Das hat sich so ergeben. Meine Mission war zu Ende und Lifeline hatte Anfang 2018 einen Kapitän gesucht, der das Schiff in die Winterwerft fährt. Das habe ich dann halt gemacht. Dann habe ich gesehen, dass ihnen das Geld fehlt, also habe ich angefangen, Geld einzusammeln. Und unter anderem Udo Lindenberg als Großspender gewonnen. Dann bin ich im Juni eben auch die Mission der Lifeline gefahren, an deren Ende sie auf Malta festgesetzt wurde.

ZEIT ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, wieder für Sea-Eye zu fahren?

Reisch: Klar, ich bin nach wie vor Vereinsmitglied bei Sea-Eye. Ich kann mir im Moment vorstellen, für jeden Verein zu fahren, der mich brauchen kann, außer derzeit für Lifeline. Gerade laufen allerdings fast nur Berufsschiffe, dafür habe ich gar kein Patent, die dürfen nur Berufskapitäne steuern. Ich darf Schiffe fahren, die als Sportboot registriert sind. Da sich aber Bestimmungen geändert haben und auch die politische Lage, registrieren die NGOs die meisten Schiffe jetzt in Deutschland und dann als Berufsschiff. Aber ich könnte natürlich in der zweiten Reihe mithelfen.