Ich höre Sprüche wie: "Jetzt nimm dir diese E-Mails doch nicht so zu Herzen!" Oder: "Sie meinen es doch nicht so!" Als wäre all das eine unschöne, aber hinzunehmende Begleiterscheinung davon, dass man als Autor in der Öffentlichkeit steht. Außerdem habe mir doch bislang niemand wirklich physische Gewalt angetan. In nahezu allen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit. "Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid", höre ich gelegentlich. Es gibt keine Arbeitsgruppen, keine Taskforce, keinen Plan. Manche sagen: Wenn Extremisten sich über einen aufregen, sei das doch eine Auszeichnung. "Sei doch froh darüber, das ist wie ein Orden!"

Eine ernsthafte, umfassende Debatte darüber, was wir Hass und Hetze entgegensetzen, wie wir die Menschenverachtung eindämmen können, was wir also gesamtgesellschaftlich tun können und müssen, um eine weitere Radikalisierung zu verhindern, findet kaum statt. Nicht im Journalismus, nicht in der Politik, nirgendwo. Ich nehme eine Gleichgültigkeit der Massen wahr. Wir sind immun geworden gegen den Hass. Und das macht mir Angst.

Hunde, die bellen, beißen nicht. Tatsächlich?

Stattdessen muss man sich selbst wehren. Ich lese auf Twitter und Facebook Sprüche von Betroffenen wie "Morddrohungen sind für mich ein Ansporn, weiterzumachen!", "Jetzt erst recht!" oder "Ich bleibe stark!" Das ist gut, aber es ändert nichts an dem strukturellen Problem, nämlich dass wir eine Menge Leute in unserer Gesellschaft haben, die Morddrohungen für eine legitime Meinungsäußerung halten.

Ein Bekannter versuchte mich zu beruhigen: "Hunde, die bellen, beißen nicht." Tatsächlich? Der CDU-Politiker Walter Lübcke stand auch auf mehreren Listen. Soweit man weiß, hat ihm sein Mörder vorher nicht öffentlich gedroht. Er hat die Liste einfach als Aufforderung zum Handeln gesehen.

Inzwischen berichten sehr viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, über Morddrohungen. Kommunalpolitikerinnen und -politiker treten zurück, weil sie die Einschüchterungen nicht mehr aushalten. Es wurde sogar auf das Büro eines schwarzen Bundestagsabgeordneten geschossen. Es ist erschreckend normal geworden, dass Menschen solche Erfahrungen machen. Seit wann ist es hinnehmbar geworden, dass man einem Menschen den Tod wünscht? Dass man jemandem in einer E-Mail schreibt: "Elendig sollst du krepieren!"? Kritik an meiner Arbeit ist selbstverständlich erlaubt, auch die harte Auseinandersetzung. Aber "Verrecke, du Drecksau!"? Oder: "Ein Baum, ein Strick, ein Pressegenick!"?

Meine Familie weiß von den Drohungen, aber im Detail mag ich mit ihr nicht darüber sprechen, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Ich denke über Sicherheitsmaßnahmen nach. Manche raten mir, mich zu bewaffnen. Das lehne ich strikt ab. Aber vielleicht wenigstens Pfefferspray? Eine Kamera an der Haustür? Und welche Fluchtwege gibt es aus der Wohnung? Brauche ich Personenschutz, zum Beispiel bei Lesungen? Was ist mit Taschenkontrollen? "Vielleicht solltest du nicht mehr öffentlich auftreten", riet mir kürzlich ein Freund. Das klingt vernünftig – aber es wäre genau das, was diese Leute wollen: mich zum Schweigen zu bringen. Und das kommt überhaupt nicht infrage!

Die Drohungen verändern mich

Manchmal erkennen mich Leute auf der Straße. "Sind Sie nicht …?" Oder: "Ich kenne Sie doch!" Ich freue mich darüber, es ist ja eine Form der Anerkennung. Aber in letzter Zeit hat sich ein Unbehagen eingeschlichen. Ich weiche unweigerlich zurück, wenn fremde Leute auf mich zukommen. Was, wenn sie mir etwas antun wollen? Dann wieder ärgere ich mich darüber, dass ich so misstrauisch geworden bin. Es zeigt, dass die Drohungen mich verändern.

Seit Jahren versuche ich, den wütenden Mails mit Humor zu begegnen. Aber in letzter Zeit kommt mir das vor wie eine Flucht vor dieser sprachlichen Gewalt. Und ernsthaft: Humor bei Ankündigungen, mich umbringen zu wollen? Aber man will kein Opfer sein, nicht larmoyant wirken.

Die Unbeschwertheit ist dahin, die Leichtigkeit, die Freude an der Debatte, an der Auseinandersetzung. Immerhin ein Lichtblick: Morddrohungen erhalte ich seit diesem Jahr glücklicherweise kaum noch. Ich arbeite seit dem 1. Januar als freier Autor und habe keine öffentliche E-Mail-Adresse mehr.