"Die zukünftigen Imame werden indoktriniert" – Seite 1

Der Islamverband Ditib eröffnet ein Ausbildungszentrum für Imame in Deutschland. Der Ditib-Bundesvorsitzende Kazim Türkmen sprach bei der Feier von einem "Neuanfang" und einer "historischen Entwicklung nicht nur für Ditib, sondern auch für Deutschland". Nach der Spitzel-Affäre 2017 hatte der größte deutsche Moschee-Verband einiges an Vertrauen verspielt. Kann er das wiedergewinnen? Islamexperte Ahmet Toprak mit dem Schwerpunkt Konfliktmanagement ist skeptisch. 

ZEIT ONLINE: Heute stellt der Islamverband Ditib in Dahlem der Eifel ihre erste Ausbildungsstätte für Imame vor. Das Programm beginnt mit 22 Bachelorabsolventen, die in Deutschland ihr Abitur gemacht und in der Türkei Islamische Theologie studiert haben. Ist das ein guter Tag für den Islam in Deutschland?

Ahmet Toprak: Es wäre ein guter Tag, wenn Ditib seine Verbindungen zum türkischen Staat transparent gemacht hätte. Das haben sie aber nicht. Das bedeutet, die Türkei wird immensen Einfluss auf diese Ausbildung haben. Zwar behauptet die Ditib, dass sie die Ausbildung aus eigenen Mitteln finanziert, aber das ist eigentlich unmöglich. Nur über Mitgliederbeiträge kann das nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Der Ditib wird immer wieder die Nähe zur Türkei vorgeworfen. Was ist daran eigentlich so schlimm? Als deutsche Katholikin wünsche ich mir doch auch, dass mein Pfarrer einen Bezug zu Rom hat.

Toprak: Ginge es nur um eine geistliche Ausbildung, wäre es vielleicht nicht schlimm. Was de facto passieren wird, ist, dass die zukünftigen Imame indoktriniert werden. Die Ideen zum nationalen Türkentum beispielsweise, die Erdoğan vertritt, werden auch hier gelehrt werden. Man kann also davon ausgehen, dass die Imame auch in politischen Fragen, wie zum Beispiel die Haltung zu Kurden, mit Erdoğan konform sein werden.

Auf der Website mag Ditib viel behaupten, aber ich bin skeptisch, dass sie sich wirklich unabhängig gemacht hat. Allein die Auswahl der Auszubildenden: Natürlich werden bei einer von der Ditib organisierten Veranstaltung vor allem die Absolventen angenommen, die die Ideen der aktuellen türkischen Regierung unterstützen.

ZEIT ONLINE: Ihrer Einschätzung nach ist in der Eifel also eine Ausbildungsstätte des türkischen Staats gegründet worden?

Toprak: Genau. Ditib könnte das auch einfach offenlegen und sagen, ja, wir sind abhängig vom türkischen Staat. Aber das tun sie nicht. Und das muss einen misstrauisch machen. Ich persönlich bin es auf jeden Fall, und ich bin sicher, dass es auch anderen so geht. Haben Sie die Rede von Erdoğan gesehen, als die Ditib-Moschee in Köln eröffnet wurde? Die Regierende Bürgermeisterin durfte nicht sprechen. Erdoğan aber schon. Da regiert die Türkei.

ZEIT ONLINE: Nun hat die Ausbildung noch gar nicht begonnen. Woher wissen Sie denn, dass das Türkentum da eine solche große Rolle spielen wird?

Toprak: Das wissen wir aus der Erfahrung mit der Ditib in der Vergangenheit und aus anderen Vereinen. Wir wissen, dass es bei Predigten in den Moscheen der Ditib auch um politische Fragen geht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin sehr dafür, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden. Wer predigt und vorbetet, sollte seine Gemeinde kennen, er sollte die deutsche Sprache sprechen und wissen, was seine Gemeindemitglieder bewegt. Aber ich glaube nicht, dass die Ditib ein guter Partner bei dieser Ausbildung ist.

ZEIT ONLINE: Das scheint die Bundesregierung anders zu sehen. Markus Kerber, Staatssekretär im Innenministerium, soll ja heute an der Eröffnung teilnehmen. Er hat sich auch im Vorfeld schon positiv zu der Einrichtung geäußert.

Toprak: Klar, wenn die Ditib die Kosten für die Ausbildung übernimmt, ist der deutsche Staat aus der Finanzierung raus.

"Das Problem war immer die praktische Ausbildung"

ZEIT ONLINE: Aber er hat ja ohnehin keine Verpflichtung, für die Ausbildung von Imamen zu sorgen.

Toprak: Das vielleicht nicht, aber es gibt schon lange parteiübergreifend den Wunsch, dass Imame in Deutschland ausgebildet werden. Die Ditib löst somit ein Problem. Aber, wie ich finde, nur scheinbar.

ZEIT ONLINE: Die Ditib war über Jahrzehnte der wichtigste Ansprechpartner der Regierung in Fragen der islamischen Glaubensgemeinschaft in Deutschland. Durch die Spitzel-Affäre, in deren Rahmen vor zwei Jahren bekannt wurde, dass auch Vertreter der Ditib in Deutschland für den türkischen Staat spionierten, erkaltete das Verhältnis. Lange Zeit sah es aus, als käme es zum Bruch. Wie erklären Sie sich jetzt die neue Annäherung durch den Termin in der Eifel?

Toprak: Wie ich sagte, es hat wohl finanzielle Gründe. Die Ausbildungsoffensive der Ditib entlastet all die Projekte von Bund und Ländern in diese Richtung. Außerdem braucht der deutsche Staat einen Ansprechpartner: Ich sehe dieses Treffen in der Eifel auch als einen Versuch, das Verhältnis noch einmal hinzubiegen. 

ZEIT ONLINE: Seit bald zehn Jahren kann man an deutschen Universitäten Islamische Theologie studieren. Das Projekt war teuer, es entstand noch unter Annette Schavan und war mit der Hoffnung verbunden, dass es in Folge mehr in Deutschland geborene und an deutschen Universitäten ausgebildete Imame gibt. Aber die wenigsten nehmen das Angebot wahr. Ist das Projekt gescheitert?

Toprak: Das Problem war immer die praktische Ausbildung. An der Universität Osnabrück startet man da jetzt ja einen neuen Versuch, der diese Praxis an der Gemeinde miteinbezieht.

ZEIT ONLINE: Wer ist der Träger?

Toprak: Auf jeden Fall ist die Ditib nicht mit dabei, sondern andere islamische Vereine. Mir ist allerdings noch unklar, wer genau da involviert ist.

ZEIT ONLINE: Wie werden sich die beiden Ausbildungsgänge in Osnabrück und in der Eifel in Bezug auf die geistliche Ausrichtung unterscheiden?

Toprak: Osnabrück wird liberaler sein, da sind anerkannte, kritische Islamwissenschaftler dabei.

ZEIT ONLINE: Bedeutet das, dass es in Zukunft auch mehr Imaminnen geben wird?

Toprak: Das weiß ich nicht. Es wäre meine Hoffnung. Es ist in der Ankündigung vorgesehen, Frauen auszubilden. Wir müssen abwarten, ob das auch passiert. Sie wissen ja sicher, wie Seyran Ates, die einzige Imamin in Deutschland, angefeindet wird. Mehr Imaminnen, das würde der muslimischen Gemeinde auf jeden Fall guttun.