Niemand weiß, wie viele Menschen auf Berlins Straßen leben. Oder wie viele von ihnen weiblich oder minderjährig sind. Zum ersten Mal hat der Berliner Senat deshalb eine große Zählung von Obdachlosen organisiert. Nach dem Vorbild anderer Metropolen wie New York oder Paris sollen in der Nacht zu Donnerstag mehr als 3.000 Freiwillige die deutsche Hauptstadt systematisch durchstreifen und die Obdachlosen, denen sie begegnen, zählen. 

Wer sind die Menschen, die in Berlin auf den Straßen leben? Wer besucht die Suppenküchen oder schläft in den Notunterkünften? Die Fotografin Debora Ruppert stellt sich diese Fragen seit mehr als zehn Jahren. Immer wieder hat sie Berliner Obdachlose angesprochen und, wenn sie wollten, fotografiert. Manche freuten sich über die Aufmerksamkeit, anderen war sie unangenehm. Manche waren nach der ersten Begegnung nicht mehr aufzufinden, mit anderen entstand ein regelmäßiger Kontakt. Ruppert ist viel Leid und Tragik begegnet – aber auch Humor.

Wir zeigen Bilder aus ihrem Projekt "Street Life Berlin".

Siggi, November 2019, fotografiert in einer Suppenküche in Pankow © Debora Ruppert

Siggi ist 65 Jahre alt und hat früher in einem Altenheim gearbeitet. Heute lebt sie von der Grundsicherung. Siggi sagt: "Ich mache immer weiter. Solange ich noch kann, mache ich immer weiter. Man darf nicht aufhören, sich zu bewegen." Sie ist arm und kommt regelmäßig in die Suppenküche. Aber sie ist nicht obdachlos. Weil sie aber weiß, wie schnell sich das ändern kann, ist das ihre große Sorge: auf der Straße zu landen.

Karsten, September 2019 © Debora Ruppert

Karsten ist 54 Jahre alt und kommt aus einer Schaustellerfamilie. Sechs Jahre hat er auf der Straße gelebt. 2017 hat ihn eine Sozialarbeiterin am Ostbahnhof aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass sie einen Platz in einem Wohnheim für ihn gefunden habe. Seitdem lebt er dort, es ist ein Heim für nasse Alkoholiker, das gibt es selten. Karsten erzählte von einem Friedhof, auf dem der Obdachlosenpfarrer der Heilig-Kreuz-Passionskirche, Joachim Ritzkowsky, 2002 ein Grab gepachtet hatte, das er in eine Ruhestätte für Arme umwandelte. Inzwischen wurden dort mehr als 60 obdach- und mittellose Menschen beerdigt. In goldener Schrift sind ihre Namen auf dem Granitstein eingraviert. Karsten sagt: "Diese Grabstätte ist für uns reserviert. Wir werden hier nicht vergessen."

Dieter, Dezember 2016 © Debora Ruppert


"Seit 1982 leb' ich auf der Straße. Zwischendrin hatte ich ’nen Job und ’ne Wohnung, aber wegen dem Alkohol hab ich alles wieder verloren." Das erzählte Dieter, im Dezember 2016, am Bahnhof Zoo.

S., Oktober 2009 © Debora Ruppert

S. war sehr vorsichtig und zurückhaltend, fast misstrauisch. Sie saß am Kottbusser Tor in Kreuzberg, umringt von stark alkoholisierten Männern und einigen Junkies. Wie sie dort gelandet ist, hat sie nicht erzählt.

Zelte am Ludwig-Erhard-Ufer, Januar 2017 © Debora Ruppert


Am Ludwig-Erhard-Ufer Im Regierungsviertel leben obdachlose Menschen in Zelten. Immer wieder werden sie geräumt, aber bald stehen wieder neue Zelte da. Der Ort ist ein idealer Schlafplatz. Windgeschützt, ruhig, nah am Wasser und nah am Hauptbahnhof, wo es eine Dusche und viele Passanten gibt. Die Menschen, die hier leben, führen ein geordneteres Leben als an anderen Plätzen, zum Beispiel am Bahnhof Zoo. Hier steht eine Schüssel mit Wasser zum Geschirrspülen neben den Zelten. In der Sonne liegen Zahnbürsten zum Trocknen. Einer der Zeltbewohner arbeitete noch immer in einem Fahrradladen und ging regelmäßig zur Arbeit. Niemand sollte wissen, dass er keine Wohnung hatte. Ein anderer war früher Eventmanager, ein dritter hatte früher für die Europäische Zentralbank gearbeitet.

Straßenkinder am Bahnhof Zoo, Januar 2017 © Debora Ruppert

Im Tiergarten, hinter dem Bahnhof Zoo, versteckt zwischen Büschen, leben auch im Winter Straßenkinder, ebenfalls in Zelten. Diese drei bezeichnen sich selbst als "kleine Familie". Sie machen zusammen "Platte". Der Jüngste der "Familie" ist 13 Jahre alt, er ist nicht auf dem Foto zu sehen. Die Biografien dieser Kinder sind sehr unterschiedlich, aber ein roter Faden zieht sich durch ihre Geschichten: tiefe Konflikte in ihren Herkunftsfamilien.

H., Oktober 2018, fotografiert in einer Suppenküche in Pankow © Debora Ruppert

Wenn er einen Wunsch frei hätte, was würde H. sich wünschen? Er schrieb: Gesundheit. Und erzählte: "Ich arbeite als Koch. Momentan wohne ich in der Gartenhütte meines Bruders. Meine Freundin hat mich rausgeschmissen. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten."

Michael, November 2019 © Debora Ruppert

Michael ist 57 Jahre alt und lebt seit 20 Jahren auf der Straße. Früher hat er als Krankenpfleger, dann auf einer Baustelle gearbeitet. Irgendwas hat ihn aus der Bahn geworfen. Er sagt: "Ich bin ein Engel. Vor 20 Jahren bin ich bei 160 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn gestorben. Ich bin der tote Engel Michael. Kennst du den Engel Michael?" Momentan arbeitet er nachts von ein bis fünf Uhr an einer Currywurst-Bude. Er sammelt dort Flaschen und Teller ein.

Eisbär, Juni 2019 © Debora Ruppert

Eisbär heißt eigentlich Siegfried. Er ist 1939 in Wuppertal geboren und lebt seit zwölf Jahren in einem Wohnheim in Kreuzberg. Der Eisbär ist einer der wenigen Hausbewohner, der es geschafft hat, seine Alkoholabhängigkeit zu überwinden. Er ist trocken und lebt vegan. "Ich bin ein Künstler, ein Maler, ein Musiker und ein Schriftsteller. Ich werde hier sehr geschätzt! Inzwischen empfinde ich das Haus als meine Heimat. Ich will etwas zurückgeben. Meine gemalten Bilder habe ich darum dem Haus vermacht. Sie können nach meinem Tod versteigert werden. Ich will mich auf diesem Weg bedanken."

W., November 2017 © Debora Ruppert


Sie saß täglich, gemeinsam mit ihrem Sohn, vor einem Blumenladen schräg gegenüber vom Rathaus Pankow. Vor ihr ein leerer Pappbecher. W. kommt aus Rumänien, spricht kein Deutsch und verständigt sich über Blickkontakt und Gesten.

Bruno, November 2017 © Debora Ruppert


"Ich bin Analphabet. Ich bin hier in dem Kiez geboren, dann abgerutscht. Scheiß Suff! Ich bin schon lange auf der Straße. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Das ist wegen dem da oben. Ich schlafe vor der Kirche. Da ist es überdacht und ich habe einen Stern. Der steht immer am Himmel. Ich schließe die Augen und wenn ich aufwache, ist der immer noch da. Eigentlich wandern die ja, aber mein Stern steht fest." Bruno saß an einer S-Bahn-Station im Wedding.

C.s Einkaufswagen am Ostbahnhof in Friedrichshain, November 2018 © Debora Ruppert

C. wollte nicht fotografiert werden. Aber er zeigte seinen Einkaufswagen. "Ich bin seit 40 Jahren auf der Straße. Das ist mein Haus, mein BMW. Hier habe ich Shampoo, Parfum, Kleidung und Schuhe zum Wechseln. Es ist wichtig, sauber zu bleiben. Keine Drogen, sonst stirbt man. Hier ist ein obdachloser Pole auf der Brücke gestorben. Aber Deutschland ist ein gutes Land – it’s in your head. You can say it’s okay and then it is okay!"

S. hat sein Schild in einer S-Bahn-Station aufgestellt, Oktober 2018 © Debora Ruppert

Auch S. sollte auf ein Schild schreiben, was er sich wünsche. Seine Antwort: wunschlos glücklich. "Ich hab alles, was ich mir jemals gewünscht hab! Ich möchte mich nicht fotografieren lassen, damit die anderen Obdachlosen nicht eifersüchtig werden, dass es mir so gut geht. Weil anderen geht es nicht so gut. Mein Freund ist letztes Jahr hier im Kiez auf der Straße gestorben."

Matze, April 2017 © Debora Ruppert


Matze lebte seit mehr als zehn Jahren mit Unterbrechungen auf der Straße. Zwischenzeitlich hatte er einen Platz im betreuten Wohnen, aber er sagte, dass er wegen einer Schlägerei wieder rausgeflogen sei. Matze war heroinsüchtig, schaffte den Entzug. Dafür fing er an, zu trinken. Er sagte: "Mein Dealer heißt Netto." Einige Wochen später erzählte er, dass er wieder einen Platz im betreuten Wohnen gefunden habe. Drei bis vier Tage sei er nun dort, die restliche Zeit wohne er in seinem Zelt unter der Brücke. "Nee, nee, mein Zelt behalte ich, falls ich da wieder rausfliege. Sonst habe ich ja keinen Platz, an dem ich schlafen kann."

Ein Schlafplatz im Prenzlauer Berg, November 2018 © Debora Ruppert

Unter der U-Bahn-Trasse an der Schönhauser Allee im Prenzlauer Berg hat sich jemand einen Schlafplatz eingerichtet.

Tarek, Januar 2017 © Debora Ruppert

Tarek ist in Polen geboren und nach Deutschland gekommen, um hier Arbeit zu finden. Er hat einige Monate auf dem Bau gearbeitet. Eines Tages schlief er nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause in der S-Bahn ein. Als er aufwachte, war sein Rucksack mit allen Papieren geklaut. Ohne Papiere fand er keine Arbeit mehr, ohne Arbeit keine Wohnung. Zurück nach Polen wollte er nicht. Nun lebt er auf der Straße, wie viele andere Osteuropäer.

Steve, November 2018 © Debora Ruppert

Steve ist in England geboren. Auch er schrieb einen Wunsch auf einen Pappkarton: to be happy.

Teufel, September 2016 © Debora Ruppert


Viele Männer und Frauen sind auf der Straße nur unter ihren Spitznamen bekannt. Sie heißen Keule, Blondie oder Zecke. Der Mann auf dem Bild stellte sich als Teufel vor. Er lebte in einem Zelt im Tiergarten, direkt an den Gleisen, die zum Bahnhof Zoo führen. Er kommt aus Osteuropa und spricht kaum Deutsch. In seiner direkten Nachbarschaft standen weitere kleine Zelte, in denen andere Männer und Frauen aus Polen, der Ukraine und Belarus wohnten.

Omar, November 2017 © Debora Ruppert


Omar war fast immer in der gleichen Gegend im Prenzlauer Berg anzutreffen. Er stammt aus einer italienischen Großfamilie und hat lange in Dortmund gelebt. Dort habe er viele Freunde verloren, erzählte er. Wegen Drogen. Omar hatte Humor. Vielleicht, sagte er, habe er da auch seinen Verstand verloren. Sein Hund hieß Megatatze, "weil als der klein war, hatte der so mega Tatzen. Ich rufe ihn aber oft nur Mega." In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 2019 sank die Temperatur in Berlin unter null Grad. Omar ist in dieser Nacht am Arnimplatz im Prenzlauer Berg gestorben. 


Artdirection: Christoph Rauscher
Bildredaktion: Andreas Prost
Redaktion: Simone Gaul