Gehorsam ist im Katholizismus Pflicht – also eigentlich und im Prinzip. Der oberste Lehrer, stellte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Sapientiae christianae von 1890 ein für alle mal fest, ist der Papst. Entsprechend ist in dem Schreiben von einer "vollkommenen Unterwerfung" und dem Gehorsam des Willens gegenüber der Kirche und dem Papst ebenso wie gegen Gott selbst die Rede. Doch ein gutes Jahrhundert später ist es mit dem Gehorsam in der katholischen Kirche nicht mehr weit her. Die Unterwerfung kam aus der Mode und wurde praktisch ersetzt durch das individuelle Gewissen als Richtschnur des Glaubens und Handelns. Bestes Beispiel dafür: Ex-Papst Benedikt XVI., der zum wiederholten Male sein nach dem Rücktritt selbst auferlegtes Schweigegelübde gebrochen hat. 

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich Benedikt mit Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea, dem neben ihm selbst wohl prominentesten Vertreter des konservativen Lagers in der Weltkirche, lange über den beklagenswerten Zustand der Kirche unterhalten hat. Das Ergebnis erscheint am Mittwoch als Buch unter dem Titel Des profondeurs des nos coeurs (deutsch: Aus der Tiefe unserer Herzen) beim französischen Verlag Fayard. Und auch wenn sich Benedikt XVI. nach starker Kritik von der Autorschaft mittlerweile distanziert hat, ohne zu bestreiten, dass das Gespräch so stattgefunden hat, ist das Buch der Versuch, alle seit der Missbrauchskrise immer vehementer und ergebnisoffener geführten Reformdebatten innerhalb des Katholizismus, wenn schon nicht von oben, zumindest von der Seitenlinie zu beenden.

Bekanntlich will Papst Franziskus bald ein Dokument zur Frage vorlegen, ob das Priesteramt für verheiratete Männer geöffnet werden soll. Doch eine Öffnung des Zölibats für verheiratete Männer, wie es etwa die Amazonas-Synode im vergangenen Jahr unter bestimmten Bedingungen nahelegte, ist für die Autoren im wahrsten Wortsinne undenkbar, vom Frauenpriestertum ganz zu schweigen. Wer anderes behaupte, verbreite "abwegige Einlassung, Theatralik, diabolische Lügen und im Modetrend liegende Irrtümer", heißt es in dem Buch.

Es ist eine Provokation

Hiermit meinen Kurienkardinal Sarah und Benedikt XVI. die breite Mehrheit nicht nur der Bischöfe in Deutschland, sondern in weiten Teilen der katholischen Welt. Und natürlich und vor allem meinen sie damit den amtierenden Papst Franziskus, der wie kein anderer für den aktuellen Reformprozess steht. Harter Tobak also, und das auch noch vorgetragen von Franziskus' Vorgänger, der mit seinem spektakulären und in der Form kirchenrechtlich eigentlich nicht vorgesehenen Rücktritt die Kirche wahrscheinlich nachhaltiger verändert hat als Franziskus in den sieben Jahren seitdem.

Allerdings darf man sich nicht blenden lassen von der an Luther erinnernden Hier-stehe-ich-ich-kann-nicht-anders-Rhetorik der Autoren. Das Buch kaschiert bei aller Schärfe zahlreiche Inkonsequenzen und Ungenauigkeiten. Zwar brodelt zwischen den Zeilen ganz mächtig der gewissensbedingte Ungehorsam, nur sind die Autoren zu vorsichtig und zu feige, um sich frank und frei dazu zu bekennen. Ein Augustinus-Zitat, das dem Ganzen voransteht, ist da schon der Gipfel des konservativ-revolutionären Gefühls: "Silere non possum" (deutsch: Ich kann nicht schweigen).