Etwa jedes sechste Kind wächst in einem Konfliktgebiet auf. 415 Millionen Kinder lebten 2018 weltweit in einem von militärischen Auseinandersetzungen betroffenen Gebiet, heißt es im anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz veröffentlichten Bericht Krieg gegen Kinder der Hilfsorganisation Save the Children. Damit sind zwar weniger Mädchen und Jungen betroffen als 2017, als die Zahl bei 420 Millionen lag. Seit 2010 ist sie jedoch um insgesamt 37 Prozent gestiegen. Unter "gefährlichsten Lebensumständen" lebten Save the Children zufolge 149 Millionen Kinder.

Der Erhebung zufolge hat sich auch die Zahl schwerer Kinderrechtsverletzungen erhöht. Dazu gehören die Tötung und Verstümmelung von Kindern, Einsatz von Kindersoldaten, Entführungen, sexuelle Gewalt, Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser sowie ein verweigerter Zugang zu humanitärer Hilfe. So sind 2018 mit 12.125 etwa 13 Prozent mehr Kinder getötet oder verletzt worden als im Vorjahr. Erstmals untersuchte die Organisation auch, wie sich die schwersten Kinderrechtsverletzungen auf Mädchen und Jungen unterschiedlich auswirken. So wurden Jungen weitaus häufiger durch direkte Kriegsführung getötet, während Tode und Verletzungen von Mädchen meist auf den Einsatz explosiver Waffen zurückzuführen sind. 

Jedes vierte Kind in Afrika lebt in einem Krisengebiet

Das liegt unter anderem auch daran, dass Jungen häufiger als Kindersoldaten rekrutiert werden sowie häufiger von Entführungen betroffen sind. So sei es 2018 zu etwa 7.000 Zwangsrekrutierungen gekommen, schreiben die Studienautoren. Im Zeitraum von 2005 bis 2018 waren es 65.000. Von den 2.500 Kindern, die 2018 von bewaffneten Gruppen entführt wurden, waren 80 Prozent Jungen. Tötung und Verstümmelung betrafen dem Bericht zufolge zu 44 Prozent Jungen und zu 17 Prozent Mädchen, beim Rest ist das Geschlecht nicht erfasst worden. Mädchen wiederum werden wesentlich häufiger vergewaltigt, zur Kinderheirat gezwungen oder anderen Formen des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt: 87 Prozent aller nachgewiesenen Fälle sexueller Gewalt betrafen Mädchen. 

Besonders stark gestiegen ist auch die Zahl der gemeldeten Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser: Sie lag 2018 bei 1.892, ein Drittel mehr als im Vorjahr. Die gefährlichsten Länder für Kinder waren dem Bericht zufolge Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Jemen, Mali, Nigeria, Somalia, Südsudan, Syrien und die Zentralafrikanische Republik. Allein in Afrika lebte mit 170 Millionen jedes vierte Kind in einem Krisengebiet.

Kinderrechtsverletzungen sind nicht Thema bei der Sicherheitskonferenz

Insbesondere kritisiert Save the Children, dass Kindern humanitäre Hilfe "systematisch verweigert" werde. "Seit 2005 wurden 95.000 Kinder verstümmelt oder getötet, Zehntausende wurden entführt. Kinder in Konflikten werden sexuell missbraucht oder zwangsrekrutiert", sagte Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children. "Es ist erschütternd, dass die Welt zuschaut, während Kinder ungestraft zur Zielscheibe werden. Immer öfter werden Schulen und Krankenhäuser angegriffen, Millionen von Kindern haben keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitsdienstleistungen." 

Das dürfe nicht länger toleriert werden, sagte Krüger. "Die sinnlose Zerstörung des Lebens von Kindern wird weitergehen, wenn nicht alle Regierungen und Kriegsparteien jetzt handeln, um internationale Normen und Standards zu wahren und die Täter zur Verantwortung für ihre Verbrechen zu ziehen." Bei der Münchner Sicherheitskonferenz, die von Freitag bis Sonntag stattfindet, müssten Regierende zusammenarbeiten, damit sich die Lage der Kinder weltweit verbessere. Im Munich Security Report 2020, dem offiziellen Dokument zur Konferenz, bei der es als Diskussionsgrundlage dienen soll, taucht das Thema allerdings nicht auf.