Wer dieser Tage in deutsche Supermärkte geht, muss sich nicht nur bei Nudeln und Konserven mit einem schmalen Angebot begnügen, sondern auch beim Toilettenpapier. Mancherorts war es zwischenzeitlich sogar komplett ausverkauft. Die Sorge vor dem Coronavirus und einer Quarantäne bewegen viele zu Vorratskäufen. Was die einen unruhig macht, freut die anderen. Denn sie profitieren von der Krise – wenigstens zeitweise.

Das Unternehmen HappyPo dürfte den meisten Menschen bislang kaum ein Begriff gewesen sein, doch die Angst davor, das Toilettenpapier könne ausgehen, lässt bei dem Berliner Start-up den Absatz von Intim- und Analduschen steigen. "Wir freuen uns natürlich nicht über das Virus, aber wir sehen den positiven Effekt", sagt Geschäftsführer Oliver Elsoud. Dadurch könne das Unternehmen Kunden gewinnen, die sich sonst vielleicht nicht so schnell auf das neue Produkt eingelassen hätten.

Insgesamt trübt die Furcht vor einer Ausbreitung des Virus die Weltwirtschaft. Experten warnen vor stockenden Lieferketten, Großevents wie die Hannover Messe werden abgesagt, und der Dax ist auf dem tiefsten Stand seit 2016. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren droht der Börse ein Verlustjahr. Die Gewinner sind vor allem spezialisierte Nischen, deren Produkte gerade besonders gefragt sind.

Die Sandler AG aus dem bayrischen Schwarzenbach an der Saale etwa produziert Vliesstoffe für Hygieneprodukte, Heimtextilien und die Bau- und Automobilbranche – und es beliefert Hersteller von Atemmasken. Seit Februar laufen die Maschinen in dem mittelständischen Unternehmen rund um die Uhr. "Wir liefern täglich Stoffe für bis zu fünf Millionen Atemmasken aus", sagt Vorstandsvorsitzender Christian Heinrich Sandler. Das Unternehmen hat dafür extra ein Team aufgebaut, um dem stark gestiegenen Bedarf nachkommen zu können.

Naturgemäß profitiert die Biotech-Branche von der Epidemie. Dort findet gerade ein Wettrennen statt, wer zuerst einen Impfstoff oder ein Therapeutikum entwickelt. Der Diagnosespezialist Qiagen, der unter anderem einen Schnelltest für Coronaviren entwickelt hat, verzeichnete einen stark gestiegenen Aktienwert seit dem Ausbruch in China – von knapp unter 30 auf zwischenzeitlich 38 Euro. Nun wurde bekannt, dass der US-Konzern Thermo Fisher das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf für zehn Milliarden Euro übernehmen will. Auch die Aktien von Gilead Sciences und Vir Biotechnology, die antivirale Medikamente entwickeln und an einem Mittel gegen das Coronavirus forschen, gehören zu den wenigen Gewinnern an der Börse. Finanzexperten sprechen bereits von "Stay-at-Home"- oder "Quarantäne"-Aktien.

Fitness-Apps stehen hoch im Kurs

Wirtschaftlich gut läuft es jedoch nicht nur für jene, die direkt mit der Infektion zu tun haben. Vor allem die Furcht, wegen einer möglichen Ansteckung zwei Wochen zu Hause bleiben zu müssen, beeinflusst das Konsumverhalten, ebenso die Sorge, mit vielen Menschen in einem Raum zu sein. Beim Wocheneinkauf kommt beides zusammen, entsprechend groß ist das Interesse an Alternativen: Lieferdienste für Essen und Lebensmittel geben Warnungen heraus, dass es zu längeren Wartezeiten kommen könne. Der Lieferdienst von Rewe, der normalerweise binnen zwei Tagen ein Zustellfenster anbietet, ist in Berlin beispielsweise für anderthalb Wochen ausgebucht. "Wir haben bundesweit eine verstärkte Nachfrage nach lang haltbaren Lebensmitteln, Nährmitteln, Konserven und Drogerie", sagt eine Sprecherin des Unternehmens. Das betreffe auch den Lieferservice.

Und wie soll ich zu Hause an meine Medikamente kommen? Hier bringt sich der Onlinebestelldienst aponow derzeit in Position. Der Dienstleister leitet die Informationen an eine lokale Apotheke weiter, die das Produkt dann mittels Lieferboten direkt nach Hause bringt – und gegebenenfalls vor der Tür abstellen lässt. Aponow-Geschäftsführer Thomas Engels beobachtet schon jetzt eine höhere Nachfrage.

Doch nicht nur im Falle einer Ansteckung und Quarantäne bleiben einige Menschen aktuell bereits lieber zu Hause, statt ins Büro zu fahren – vorausgesetzt, der Arbeitgeber bietet eine Homeoffice-Option an. Statt sich in die U-Bahn voller Menschen zu zwängen und danach die Kollegen im Konferenzraum zu treffen, bevorzugen offenbar viele Firmen Videokonferenzen – auch, um etwa Dienstreisen in Risikogebiete zu vermeiden. Das Softwareunternehmen TeamViewer, das Services für Screensharing, Webkonferenzen und Dateitransfers anbietet, berichtet von dreimal so vielen Verbindungen im Asien-Pazifik-Raum seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie.

In China, wo das Virus zuerst und am heftigsten ausbrach, sind die Bedürfnisse schon ein Stück weiter. Wer lange zu Hause sitzt, langweilt sich irgendwann. Deshalb boomt dort beispielsweise der Onlinefitnessmarkt. Denn auch wer faktisch eingesperrt ist, will sich bewegen. Lokale Fitnessstudios haben deshalb Chatgruppen eingerichtet, in denen Trainer regelmäßig neue Videos veröffentlichen und ihre Kunden so aus der Ferne betreuen. Auch der Absatz von Fitness-Apps ist in China in den vergangenen drei Monaten stark gestiegen. In Deutschland bemerken die Anbieter solcher Apps bisher noch keinen Zuwachs. Aber wer von einer Krise profitiert, lässt sich manchmal eben schwer vorhersehen.