Mal abgesehen davon, dass niemand genau sagen kann, wie lange das Coronavirus noch unser aller Leben bestimmen wird, eines steht schon jetzt fest: Corona ist bereits die dritte große Ausnahmesituation, die das Land, ohne dass wir auch nur kurz hätten Atem holen können, erreicht hat. Erst die politische Krise um die Geflüchteten im Jahr 2015, dann die Klimakrise, die sich in den vergangenen zwei Jahren so dramatisch zeigte wie wohl nie zuvor, und nun eben – auch noch – eine Pandemie.

So unterschiedlich diese großen, stets internationalen Krisen ihrem Charakter nach natürlich sind, in Wahrheit befinden wir uns als Gesellschaft nun schon das sechste Jahr in einem dauernden Notfallmodus. Was bedeutet das eigentlich? Was macht das mit den Menschen? Hat eine Gesellschaft wie die unsere überhaupt noch die Zeit und Kraft, sich mit all diesen einzelnen Krisen so zu beschäftigen, wie sie es verdienen würden? Und wie verändert sich nicht zuletzt die Politik, wenn Krisen zu einer Art neuen Normalität werden?

Man muss sich nur kurz an die ersten Monate dieses Jahres erinnern. Sie waren für sich genommen schon außerordentlich turbulent: Die Wahl des FDP-Mannes Thomas Kemmerich mit den Stimmen der AfD in Thüringen und der Terroranschlag von Hanau waren tiefe Zäsuren, Einschnitte, Dammbrüche. Sowohl Hanau wie auch Thüringen wie auch der Anschlag auf die Hallenser Synagoge im Oktober 2019 haben das Land binnen Minuten in einen, ja, kollektiven Schockzustand versetzt.

Der Dammbruch in Thüringen hat an der realen Macht und dem Einfluss der AfD keinen Zweifel mehr gelassen, die große Koalition sah sich mal wieder vor eine heftige Zerreißprobe gestellt und das Ende der Amtszeit Angela Merkels schien wirklich näher als je zuvor. Der Terroranschlag von Hanau wiederum hat gezeigt, wie weit und tief sich Rassismus in die deutsche Gesellschaft hineingefressen hat, welche Bedrohung von rassistischen Gedanken und Taten für Deutsche mit Migrationsgeschichte tagtäglich ausgeht.

All diese Ereignisse kann man als Folgen oder Brandherde der Zeit nach 2015 betrachten. Sie haben wieder daran erinnert, welch tiefe Risse sie in unserer Gesellschaft und politischen Landschaft hinterlassen hat. Denn auch das ist klar: So sehr Corona im Moment die Nachrichtenlage bestimmt und dominiert, die anderen Krisen schwelen weiter. Ist es nicht auch in diesen Tagen für die Jahreszeit schon wieder viel zu warm? Was macht eigentlich der Klimawandel? Für solche Fragen bleibt im Moment viel zu wenig Zeit.

Wenn in diesen Tagen nicht so sehr über Corona debattiert und gegen die Ausbreitung des Virus gekämpft würde, würden wir über die unmenschlichen Zustände an der türkischen Außengrenze und auf der Insel Lesbos diskutieren. Wir würden darüber nachdenken, was zu tun wäre, damit jenes gesellschaftliche Klima, das sich nach 2015 etablieren konnte, nicht erneut entsteht. Womöglich wären die europäischen Staaten auch durch den öffentlichen Druck zum Handeln gezwungen. 

Die Geflüchteten, das dürfte sich in wenigen Wochen schon überdeutlich zeigen, werden die eigentlichen Leidtragenden dieser Corona-Krise sein. Stattdessen aber kann man sehen, wie eine Krise die andere verdrängt, überlagert und beinahe unsichtbar macht. Auch das ist eine Lehre dieser Monate: In Anbetracht dieser Krisendichte fühlen sich die Regierungen erst dann zum Handeln gezwungen, wenn es zu einer Eskalation gekommen ist. Sie sorgen nicht mehr vor, sondern treten allenfalls das Feuer aus. Für die Klimakrise gilt das selbstredend auch.