Sieben Schlüsse aus der Coronavirus-Krise – Seite 1

Der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev führt das Center for Liberal Strategies in Sofia und ist Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er den Schwerpunkt "Die Zukunft der Demokratie" leitet. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des European Council on Foreign Relations und Mitglied des Kuratoriums der International Crisis Group. Krastev veröffentlichte eine Reihe einflussreicher Bücher und Essays und schreibt regelmäßig für die "New York Times".

"Wir leben in seltsamen Zeiten", schrieb mir ein spanischer Freund kürzlich – und sie sind wirklich seltsam. Wir wissen nicht, wann die Covid-19-Pandemie zu Ende sein wird; wir wissen nicht, wie sie zu Ende gehen wird; und über die langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen können wir derzeit auch nur spekulieren. In Krisenzeiten sind wir mit Unsicherheit infiziert.

Dennoch lassen sich sieben Dinge über diese Krise sagen, die sie von früheren Krisen unterscheiden.

1. Das Coronavirus wird den Staat auf ganzer Linie zurückbringen

Anders als in der Finanzkrise 2008/2009 wird das Coronavirus eine Rückkehr des Big Government erzwingen. Nachdem damals Lehman Brothers zusammengebrochen war, dachten viele Beobachter, dass das krisenbedingte Misstrauen in den Markt zu mehr Vertrauen in die Regierungen führen würde. Das war ein bekanntes Konzept: Nach der Großen Depression verlangten die Bürgerinnen und Bürger 1929 entschiedene Regierungsinterventionen, um die Verluste der Märkte auszugleichen. In den Siebzigerjahren war es andersherum: Die Bürger waren enttäuscht von den staatlichen Interventionen und begannen, wieder an den Markt zu glauben. Das Paradoxon der Jahre 2008/2009 besteht darin, dass das Misstrauen gegenüber dem Markt eben nicht zur Forderung nach mehr Staatsintervention führte. Das Coronavirus aber wird den Staat auf ganzer Linie zurückbringen. Die Bürgerinnen und Bürger verlassen sich auf die Regierungen, dass sie die kollektive Abwehr der Pandemie organisieren und dass sie die Wirtschaft retten. Die Effizienz einer Regierung wird jetzt danach bemessen, ob sie im Stande ist, das alltägliche Verhalten der Menschen zu verändern.

2. Das Coronavirus wird den Nationalismus verstärken

Das Coronavirus bringt einmal mehr den Nimbus der Grenzen zum Vorschein und wird dazu beitragen, die Rolle der Nationen innerhalb der Europäischen Union zu stärken. Das lässt sich jetzt schon an der Schließung der Grenzen zwischen den Ländern beobachten – und daran, dass sich jetzt jede Regierung in Europa auf ihre eigenen Bürger konzentriert. Unter normalen Umständen würden die EU-Mitgliedstaaten in ihren Gesundheitssystemen die Patientinnen und Patienten nicht nach Staatsangehörigkeit unterscheiden. Aber in dieser Krise ist es wahrscheinlich, dass sie ihre eigenen Bürger gegenüber anderen bevorzugen (hier geht es nicht um Einwanderer aus nicht EU-Ländern, sondern um Europäer mit einem EU-Pass). Das Coronavirus wird also den Nationalismus verstärken, wenn auch nicht den ethnischen Nationalismus. Um zu überleben, wird der Staat von den Bürgern verlangen, Mauern zu errichten – nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch zwischen Individuen, weil die Gefahr der Ansteckung von den Menschen kommt, die man am häufigsten trifft. Es ist nicht der Fremde, sondern es sind die Nächsten, die das größte Risiko darstellen.

3. Experten sind wieder in Mode

Hier geht es um das Vertrauen in Fachwissen. Die Finanzkrise und die Flüchtlingskrise haben zu großer öffentlicher Unzufriedenheit mit den Expertinnen und Experten geführt. Diese Entwicklung, die ein wichtiger Faktor für den Erfolg der populistischen Politiker in den vergangenen zehn Jahren war, wird vom Coronavirus zurückgedreht werden. Die allermeisten Menschen sind sehr offen dafür, ihr Vertrauen in Experten zu setzen und der Wissenschaft zu folgen, wenn ihr eigenes Leben auf dem Spiel steht. Das lässt sich bereits daran beobachten, wie sehr die Fachleute, die den Kampf gegen das Virus anführen, an Legitimität gewinnen. Professionalität ist wieder in Mode.

4. China könnte als Sieger dastehen, die USA als Verlierer

Dieser Punkt ist noch nicht ganz ausgereift, aber trotzdem sehr wichtig. Das Coronavirus könnte bedauerlicherweise die Attraktivität von auf Big Data basierendem Autoritarismus steigern, wie ihn die chinesische Regierung pflegt. Man kann der chinesischen Führung sicher einen Mangel an Transparenz vorwerfen oder dass sie erst spät auf die Ausbreitung des Virus reagiert hat. Aber die Effizienz ihrer Antwort und die Fähigkeit des chinesischen Staates, die Bewegungen und Verhaltensweisen seiner Bevölkerung zu kontrollieren, sind beeindruckend. In der aktuellen Krise vergleichen die Bürgerinnen und Bürger die Handlungsfähigkeit und Effizienz ihrer Regierung ständig mit der anderer Regierungen. Es sollte uns nicht überraschen, wenn am Ende China als Sieger dastünde – und die USA als Verlierer.

Der Generationenkonflikt könnte sich verstärken

5. Panik wird vom Feind zum Freund

Hier geht es um Krisenmanagement. Die Regierungen haben durch die Wirtschaftskrise, die Flüchtlingskrise und die Terroranschläge gelernt, dass Panik ihr größter Feind ist. Wenn die Menschen nach einem Terroranschlag ihr Alltagsverhalten geändert und monatelang das Haus nicht mehr verlassen hätten, dann hätte das den Terroristen geholfen, ihre Ziele zu erreichen. Das galt auch 2008/2009: Verhaltensänderungen haben den zu zahlenden Preis in der Krise erhöht. Deshalb hießen die Parolen von Politikerinnen und Politikern wie den Bürgern: Bleibt ruhig, macht weiter mit eurem Leben, ignoriert das Risiko und übertreibt nicht. Jetzt aber müssen die Regierungen ihre Bevölkerungen auffordern, ihr Verhalten zu ändern, indem sie zu Hause bleiben. Der Erfolg von Regierungen hängt sehr entscheidend davon ab, ob es ihnen gelingt, den Leuten ausreichend Angst zu machen, dass sie das auch tun. Keine Panik, das wäre die falsche Antwort auf die Covid-19-Krise. Um die Pandemie zu verlangsamen, sollten die Leute Angst haben – und ihren Lebensstil radikal ändern.

6. Ein neuer Generationenkonflikt

Die Covid-19-Krise wird einen erheblichen Einfluss auf die Dynamik der Beziehungen zwischen den Generationen haben. Im Zusammenhang mit den Debatten über den Klimawandel und dessen Gefahren haben die jüngeren Generationen den Älteren vorgeworfen, egoistisch zu sein und nicht ernsthaft für die Zukunft zu sorgen. Auch diese Dynamik kehrt das Coronavirus um: Jetzt sind die älteren Mitglieder der Gesellschaft viel verletzlicher und fühlen sich bedroht von der offensichtlichen Unwilligkeit der Millenials, ihren Lebensstil zu ändern. Dieser Generationenkonflikt könnte sich verstärken, falls diese Krise lang andauern sollte.

7. Menschen oder die Wirtschaft retten?

Es wird der Moment kommen, an dem die Regierungen gezwungen sein werden, sich zu entscheiden: Entweder sie dämmen die Pandemie ein, was zur Zerstörung der Wirtschaft führt, oder sie nehmen einen höheren menschlichen Preis in Kauf, um die Wirtschaft zu retten.

Es ist noch sehr früh, um über die politischen Folgen von Covid-19 zu spekulieren. Die Krise scheint die Ängste der Globalisierungsgegnerinnen und -gegner zu legitimieren: geschlossene Flughäfen und Menschen in Selbstisolation – das könnte der Ground Zero der Globalisierung sein. Aber paradoxerweise könnte eine neue Anti-Globalisierungsbewegung auch die populistischen Akteure schwächen, die womöglich recht haben, aber keine Lösung.

Die Covid-19-Krise wird auf jeden Fall gründlich verändern, wie die EU auf andere Krisen reagiert, die sie in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat. Haushaltsdisziplin ist nicht einmal mehr in Berlin das ökonomische Mantra. Und es gibt derzeit auch keine europäische Regierung mehr, die sich für die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge einsetzt.

Wie genau die Krise das europäische Projekt beeinflussen wird, werden wir sehen. Aber schon jetzt ist klar, dass das Coronavirus einige Grundannahmen infrage stellen wird, auf denen die EU aufbaut.

Das englische Original ist beim European Council on Foreign Relations erschienen.

Übersetzt von Meike Dülffer