Die Bilder, die Italiens Fernsehstationen senden – sie wirken von Tag zu Tag dramatischer.

Da sind die Aufnahmen von den Intensivstationen. Man sieht Patienten, angeschlossen an Beatmungsgeräte. Bäuchlings liegen sie im Bett – was helfen soll, die Lungenfunktion aufrechtzuerhalten. Instinktiv denkt man an die Lage eines Babys, an Hilflosigkeit, an Schutzlosigkeit.

Da sind die Aufnahmen aus einer Kirche: Entlang des Hauptgangs reihen sich die Särge. Denn viele Leichenhallen haben keinen Platz mehr, zu viele Tote sind es schon, die immer noch nicht begraben werden konnten. Die Krematorien arbeiten am Limit ihrer Kapazitäten.

Da ist auch der Bericht aus Bergamo, aus einer der am stärksten von Covid-19 betroffenen Provinzen der Lombardei. Ein Konvoi von Lastern des italienischen Heers setzt sich in Bewegung: Geladen haben sie 60 Särge, die zum Einäschern in andere Städte und Regionen gebracht werden. Später wird man die Urnen zu den jeweiligen Friedhöfen zurückführen.

Die Angehörigen bangen zu Hause

Solche Szenen gehören jetzt zum italienischen Alltag. In einem Interview mit der Zeitung Corriere della Sera erzählt die 54-jährige Krankenschwester Maria Cristina Settembrese, die auf der Intensivstation eines Mailänder Krankenhauses arbeitet, von der Hilflosigkeit, dem emotionalen Druck, den sie täglich auszuhalten hat: "Du hast all diese Augen vor dir, die dich ansehen, dich um Hilfe bitten." Freilich, viele Menschen überstünden die Krankheit. "Gott sei Dank. Die Älteren, die Menschen über 70, sind aber weiterhin die am meisten Gefährdeten." Bei denen, die schwere Vorerkrankungen mitbringen, stehe auf dem Einweisungsblatt mitunter bereits der Hinweis: "Kommt für die Intensivstation nicht infrage."

Während die Patienten isoliert um ihr Überleben kämpfen, bangen die Angehörigen zu Hause, warten ungeduldig auf einen Anruf aus dem Krankenhaus. Es sei ein zweifaches Drama, das hier vonstattengehe, sagt Michela Sfondrini vor laufender Kamera – eines der Kranken und eines ihrer Familien. Sfondrini stammt aus der Provinzhauptstadt Lodi, nicht weit vom ersten Quarantänegebiet in der Lombardei entfernt. Sie erzählt, dass ihr Vater an den Folgen der Viruserkrankung gestorben sei, dass ihre Mutter noch im Krankenhaus liege, zum Glück schwebe sie nicht in Lebensgefahr. Es sei erschreckend und qualvoll, dass sich die Schwerkranken nicht einmal mehr von ihren Liebsten verabschieden könnten. Unglaublich qualvoll sei es aber auch für sie, die Tochter, auf Nachrichten aus der Klinik warten zu müssen. Warum, fragt sie, habe bis jetzt niemand daran gedacht, einen Dienst einzurichten, der sich einzig und allein darum kümmert, die Angehörigen zu benachrichtigen? Würde man damit nicht auch die Ärzte und Sanitäterinnen entlasten?

Virustote werden nicht einmal mehr angezogen

Die Regeln für Angehörige Verstorbener sind streng geworden in den vergangenen Wochen: Niemand darf mehr in den Leichenschauraum. Niemand darf auch mehr in die Wohnung, in der die Mutter, der Vater, die Oma oder der Opa gestorben sind. Covid-19-Tote werden nicht mehr angezogen, sondern in eine isolierende Matratze eingehüllt und in einen verzinkten Sarg gelegt, der sofort verschlossen wird. Der Sarg wird unverzüglich zum Friedhof gebracht, wo ein Priester den letzten Segen erteilt. An dieser Zeremonie dürfen die engsten Angehörigen zwar teilnehmen – doch es wird nachdrücklich davon abgeraten. Die Zeit werde kommen, in der die Trauerfeiern nachgeholt werden, versichern die Priester ihren zunehmend verstörten Gemeinden. 

Doch ganz ohne eine Geste christlicher Zuwendung will man die Patienten in den Intensivstationen nicht zurücklassen. So hat zum Beispiel der Bischof von Brescia, Pierantonio Tremolada, per Videobotschaft gläubige Ärztinnen und Sanitäter dazu aufgerufen, Kranken mit einem Händedruck oder einem Gebet Mut zu machen – und, sollte es für Patienten dem Ende zugehen, diesen ein symbolisches Kreuz auf die Stirn zu zeichnen.

Die Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag. Die Zahl der Todesfälle hat am Donnerstagabend die 3.400 überschritten. Italien hat damit offiziell mehr Covid-19-Tote als China gemeldet. Wann werden die Infektionszahlen wieder sinken, in Wochen? Niemand kann es sagen. Am schwersten betroffen bleibt die Lombardei. Mailand ist in einer irrealen Stille versunken, die nur und immer öfter vom Heulen der Sirenen zerrissen wird und von den Propellergeräuschen der Rettungshubschrauber. Dabei ist Mailand mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern bis jetzt noch relativ glimpflich davongekommen: Rund 1.400 Corona-Infizierte sind derzeit registriert.

Weitaus dramatischer ist die Lage in den Provinzen Bergamo und Brescia. Letztere zählt 1,26 Millionen Einwohner. Am Dienstag wurden hier 3.301 Corona-Positive gemeldet, allein am Mittwoch kamen 484 neue Infektionen hinzu. Die lokale Tageszeitung L'Eco di Bergamo hatte vor ein paar Tagen ein Video ins Netz gestellt, in dem ein Mann die Todesanzeigen vom 13. März 2020 durchblätterte. Am Ende kam er auf zehn Seiten.