Alles "von oben" so gewollt – Seite 1

Mansur Seddiqzai arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium im Ruhrgebiet. Seddiqzai, selbst Kind afghanischer Einwanderer, berichtet auf ZEIT ONLINE immer wieder über seine Erfahrungen an der Schule. Seine Schwerpunktthemen sind Migration und soziale Benachteiligung.

Navid* aus der Oberstufe schickt mir einen Link zu einem zwölfminütigen YouTube-Video. Es heizt die Angst vor der Coronavirus ordentlich an. Grob gepixelte Bildchen schwirren durch die Gegend, Porträts von Hitler, Stalin, Mao und Dschingis Khan werden eingeblendet und in direkte Verbindung mit großen Konzernen und dem EU-Parlament gesetzt. Eine wirre Grafik soll beweisen, wie Epidemien, ökonomische Krisen und sogenannte false-flag-Operationen zum dritten Weltkrieg führen, der natürlich "von oben" gewollt ist.

Die Schulen sind geschlossen. Meine Schülerinnen und Schüler sitzen nun mit viel Zeit zu Hause. Ihre Familien haben wenig Geld, meist teilen die Jugendlichen sich ein Zimmer mit mehreren Geschwistern. Dabei sind sie in einer Phase, in der ihre Peers ihnen wichtiger sind als die Eltern daheim. Aber sie dürfen nicht raus zu ihrer Clique und können damit der familiären Hierarchie nicht entfliehen. Also versinken sie im Internet. Und wie für uns alle ist auch für sie das neuartige Coronavirus das alles beherrschende Thema. Auch sie recherchieren und suchen sich aus allen möglichen Quellen Informationen zusammen.

Nur oft nicht bei seriösen Medien oder zum Beispiel bei den Pressekonferenzen des Robert Koch-Instituts. Sie landen bei Erklärvideos auf YouTube. Sie schauen sich Rapper oder Sharepics auf Instagram oder TikTok-Videos von Influencern an. Manches wird auch dort recht anschaulich und gut erklärt. Aber sie stolpern eben auch über die Videos der Verschwörungstheoretiker. Die Eltern haben nur selten einen Überblick über den Medienkonsum ihrer Kinder.

Das Filmchen von Navid ist sechs Jahre alt, doch gerade dadurch erscheint es einigen Nutzern besonders authentisch. "Es ist alles genau so eingetroffen", schreiben sie mit vielen Ausrufezeichen, und auch der 18-jährige Navid fragt sich: Ist da etwas dran? Immerhin schickt er mir das Video nicht, um mich zu überzeugen, sondern um nachzufragen. Vieles darin erscheint ihm plausibel. "Verbrecherische Eliten", die zusammen mit "einflussreichen Bankern und Besitzern" die Welt aus dem Verborgenen lenken. Die antisemitischen Untertöne, die an die Protokolle von Zion erinnern, erkennt Navid nicht.

Ein medienerfahrener Mensch erkennt das Video ziemlich schnell als Unfug. Im YouTube-Channel des Urhebers kann man auch Videos über Kreuzritter, die im Erdinneren leben, und über außerirdische Kristall-Kinder bewundern. Wie aber mache ich das meinen Schülern klar, ohne dass sie den Eindruck bekommen, ich hielte sie für naiv?

Wie viele Jugendliche ist auch Navid anfällig für Weltbilder, in denen "die da oben" alles entscheiden. Und "die da oben", das sind nicht nur Politiker, sondern generell die Erwachsenen – und damit auch wir Lehrerinnen und Lehrer. Auch im normalen Schulalltag brauche ich pädagogisches Fingerspitzengefühl. Wie mache ich das jetzt im Unterricht aus der Ferne?

Das Video eben mal schnell als Fake News abzutun, wäre ein Fehler. Ich habe mit Navid per WhatsApp geschrieben und versucht ihm zu erklären, warum es niemandem helfen wird, die Krise zu verstehen und welche gefährlichen Botschaften darin verborgen liegen. Eigentlich wäre das klassischer Unterricht in Sozialwissenschaften, es geht um kritisches Denken. Er wollte jedoch das Gespräch bald abbrechen. Das Thema hätte ja nichts mit Schule zu tun, es sei ein Fehler gewesen, mir das Video zu schicken. Ich denke, er wollte sich schützen vor einer schlechten Bewertung. Denn schließlich bin ich der Lehrer und er der Schüler, der auf gute Noten hofft.

Wo sind die Widersprüche in der Argumentation?

Würden wir nicht in Krisenzeiten zu Hause festsitzen, dann hätten wir die Unterrichtsstunde, um uns direkt auszutauschen.  Ich hätte mit meinen Schülerinnen und Schülern das Video gemeinsam angeschaut. Sie hätten aufgeschrieben, was sie überzeugend finden und was ihnen in der Argumentation sonst noch auffällt. Wir hätten das Video nach klassischen Analysefragen demontiert: Wer hat das Video hergestellt? Mit welcher Intention? Wer ist der Adressat? Was die Kernaussagen? Wovon soll ich überzeugt werden? Wo sind die Widersprüche in der Argumentation? Beweise für die These? Wo finden sich Behauptungen und Spekulationen? Gibt es andere Meinungen dazu? Ich hätte nach seriösen Quellen gesucht, um sie meinen Schülern in den darauffolgenden Stunden mitzugeben.


Nicht alle können das Video zu Hause sehen

Das geht jetzt nicht, schon allein weil ich nicht sicherstellen kann, dass alle Schülerinnen und Schüler das Video zu Hause sehen können. Die Tablets, die alle bekommen sollen, waren bis zur Corona-Krise nicht eingetroffen. Außerdem ist es wahrscheinlich nicht sinnvoll, dass ich es selbst verbreite, weil ich nicht dafür sorgen kann, alle Fragen direkt aus dem Weg zu räumen. Denn wir können uns nur verzögert darüber austauschen. Von einer funktionierenden Onlineplattform mit Konferenzsoftware sind wir an unserer Schule noch weit entfernt. Außerdem sollen wir Lehrer WhatsApp und andere sozialen Medien aus datenschutzrechtlichen Gründen eher vermeiden, was die ganze Kommunikation mit unseren Schülerinnen und Schülern zusätzlich erschwert.

Seit Beginn des Fernunterrichts schicken wir deshalb bislang hauptsächlich Aufgaben an die Schüler und warten auf ihre schriftlichen Antworten, die sie alleine und in Heimarbeit erledigen. Also muss es so gehen: Ich habe Navid gebeten, das Video zu analysieren, in der Hoffnung, dass er bei einer intensiven Auseinandersetzung die falschen und konspirativen Aspekte selbst herausarbeiten wird. Als Abiturient muss er das ohnehin in Eigenverantwortung lernen. Und ich bin mir sicher, dass er das auch schaffen wird.

Dabei wäre es gut, wenn es gerade jetzt im Heimunterricht eine Unterrichtseinheit für alle zu Fake News und seriösen Quellen gäbe. Die Situation zu Hause, eingesperrt und isoliert, dürfte das Misstrauen vieler meiner Schülerinnen und Schüler in den Staat verstärken und sie womöglich noch verführbarer für Verschwörungstheorien machen. Ich beobachte das immer wieder in Zeiten von Verunsicherungen – wenn etwa ein Kopftuchverbot droht, nach dem Christchurch-Attentat oder zuletzt nach den Morden in Hanau.

Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram sollten uns dabei helfen, damit sich die hochgefährlichen Verschwörungstheorien gar nicht verbreiten. Aber darauf allein sollten wir uns nicht zurückziehen. Kritisches Denken zu lehren, ist Aufgabe der Schule. Vielleicht macht das Virus aber nun deutlich, dass die "Laberfächer" wie Philosophie oder Sozialwissenschaften mehr Raum brauchen. Wenn es gerade Jugendliche und junge Menschen sind, die das Virus besonders oft verbreiten, sollten wir ihnen auch dabei helfen, ihre Rolle zu verstehen. Und zwar auf Augenhöhe. Dazu gehört, dass ich zugebe, dass ich ähnlich verunsichert bin wie Navid. Ich fühle mich mit der Krise überfordert und muss trotzdem als Lehrer Orientierung schaffen.


* Der Name ist von der Redaktion geändert