Für Mia war das Leben vor Corona laut. Sie ist Autistin, für ihr empfindliches Gehirn bedeutet die Ruhe dieser Tage viel, schreibt sie.
Auch Malin, Konditorin aus München, fühlt sich besser. Seit die Cafés und Restaurants schließen mussten, ist sie in Kurzarbeit und berichtet, sie habe plötzlich mehr Zeit für ihren Partner und ihre Hobbys. Sie fühle sich frei.
Ein Leser, der anonym bleiben möchte, schreibt, er sei in der Isolation von Drogen weggekommen. Er kümmere sich jetzt besser um sich selbst, lese mehr, mache Sport.
Und Phillip freut sich, nicht mehr "die Vollidioten aus der Schule" sehen zu müssen. Er werde nun weniger homophob beleidigt.
Über 1.000 Einsendungen haben uns auf unsere Frage erreicht, ob es Ihnen seit der Corona-Pandemie besser gehe. Zuvor hatte sich in unserer täglichen Stimmungsumfrage "Wie geht es Ihnen?" eine für uns erstaunliche Entwicklung abgezeichnet: Seit das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, haben deutlich mehr Leserinnen und Leser als sonst angegeben, dass es ihnen gut gehe.
Wie entwickelt sich die Stimmung langfristig?
So veränderte sich das Grundgefühl der LeserInnen in den letzten Wochen:
Es ist das erste Mal seit dem Start der Umfrage vor drei Jahren, dass die sich die Stimmung unserer Leserinnen und Leser über eine längere Zeit verändert hat. Waren vor Corona im Schnitt 66 Prozent der Befragten gut gelaunt, sind es seit Mitte März mehr als 74 Prozent. Am 25. März, also mitten im Shutdown, gaben sogar fast 78 Prozent an, es gehe ihnen gut. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es am gleichen Tag 62 Prozent.
Die Ergebnisse hatten uns überrascht, schließlich hört man in Zusammenhang mit der Pandemie meist von überarbeiteten Ärztinnen und Pflegern, von Kündigungen oder Kurzarbeit, von überforderten Eltern, vollen Flüchtlingsunterkünften, häuslicher Gewalt, Krankheit, Einsamkeit und Tod. Erleben viele unserer Leserinnen und Leser die Krise womöglich ganz anders, fragten wir uns. Zeigt sich in unseren Daten womöglich das Privileg einiger weniger, die ohne Gehaltsabstriche im Homeoffice arbeiten können und von den negativen Folgen der Krise bislang weitgehend verschont blieben?
Weltweit ähnliche Entwicklung
Inzwischen zeigen auch andere, repräsentative Befragungen eine ähnliche Entwicklung, etwa jene der Universität Konstanz oder des Covid-19 Snapshot Monitoring, kurz Cosmo. Auch in anderen Ländern beobachten Wissenschaftlerinnen, dass sich Menschen im Lockdown besser fühlen, etwa das Team um die Psychologin Daisy Fancourt am University College London.
Demnach ging es 74.000 befragten Briten unmittelbar vor dem Lockdown erst schlechter. Dann stieg das Wohlbefinden an und das allgemeine Angstniveau fiel – sowohl bei psychisch gesunden wie auch bei psychisch kranken Menschen. Psychotherapeutinnen berichten, dass sie bei Patienten mit Depressionen oder Angststörungen eine Erleichterung der Symptome feststellen. Nicht nur unserer Leserschaft scheint es also ganz okay oder sogar besser zu gehen.
Alte Stimmungslage kehrt mit Lockerungen zurück
Unklar ist, ob die positive Stimmung anhalten wird. Mag sein, dass sich in den Daten auch der anfängliche Trotz derer zeigt, die ausdrücken wollen, dass es ihnen angesichts der krisenhaften Weltlage verhältnismäßig gut geht. Gut möglich, dass die Stimmung bald in die andere Richtung kippt, wenn die Pandemie andauert und Deutschland in eine Rezession rutscht. Seit die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, nähert sich das Verhältnis zumindest wieder langsam dem alten Gleichgewicht.
Gut möglich also, dass wir auf die ersten Wochen der Pandemie bald blicken werden wie auf einen Traum, in dem ganz vieles furchtbar, einiges aber auch besser war. Was genau, das wollen wir Ihnen anhand einiger Leserantworten zeigen. Sie sind weder repräsentativ noch vollständig, sondern ausgewählte Momentaufnahmen aus sehr unterschiedlichen Haushalten. Die meisten Menschen, die uns geantwortet haben, genießen die Zeit im Homeoffice, ohne oder mit nur geringen Gehaltseinbußen. Manche hatten sich in ihren Büros unwohl gefühlt, andere waren zuvor gependelt und sparen sich nun den langen Arbeitsweg. Für sie hat sich das Leben gefühlt entschleunigt. Aber auch Menschen, die nun in Kurzarbeit sind oder als Selbstständige um Aufträge bangen, konnten in der Krise Vorteile erkennen.
Doch lesen Sie selbst.
Zunächst hatten wir Probleme, für unsere 18 Monate alte Tochter einen Betreuungsplatz zu finden. Aber irgendwie haben wir es geschafft, die Kleine im Wechsel zu betreuen und gleichzeitig unsere Jobs zu behalten. Wir arbeiten beide Teilzeit und seit März von zu Hause aus. Es spart uns wahnsinnig viel Zeit: Normalerweise muss mein Mann von Aachen nach Köln pendeln. So sind wir viel flexibler geworden, können im Job produktiver sein und gleichzeitig die Familienzeit genießen. Doch wir wissen, dass die Zeit für viele sehr hart ist, und hoffen, dass sie schnell vorbeigeht – auch wenn es uns in unserer Blase gerade gut geht.
Ich bin Konditorin, das bedeutet viel harte Arbeit unter Zeit- und Leistungsdruck, zudem gehöre ich mit einem Nettogehalt von 1.600€ im Monat wohl eher zum unteren Ende des Lohnsektors. Seit die Cafés und Restaurants schließen mussten, ist es auch in meinem Bereich zu Kurzarbeit gekommen. Ich arbeite statt über 40 Stunden nur noch 20 Stunden oder weniger. Natürlich mache ich mir manchmal Sorgen um das Geld. Natürlich ärgere ich mich, dass mein erster geplanter Sommerurlaub in Italien, den ich mir endlich mal leisten könnte, ausfällt. Ich kann meine Eltern nicht besuchen und die Hochzeitsfeier von Freunden von mir musste abgesagt werden. Aber all das erscheint mir unwichtig in Vergleich zu dem, was ich für den größten Effekt dieser Krise halte: Ich bin frei und habe Zeit. Für meinen Freund, mit dem ich seit Kurzem zusammenwohne. Zum Ausschlafen. Zum Liegenbleiben. Ich habe Zeit, erst in Ruhe einen Kaffee zu trinken und irgendwann später irgendwas von den Hobbys zu machen, die mir wirklich Freude bereiten. Nicht, dass mein Job mir keine Freude brächte – aber was sind bis zu zehn Stunden täglicher harter, körperlicher Arbeit im Vergleich zu der Freiheit, mich mit meinen Hobbys und meinem Partner umgeben zu dürfen? Ich muss mich nicht mehr um fünf Uhr morgens aus dem Bett quälen und in überfüllten U-Bahnen durch die halbe Stadt fahren. So sehr ich auch möchte, dass alles wieder normal wird, dass die Menschen nicht an Corona sterben und gesund bleiben, so sehr bangt es mir vor dem Tag, an dem die Kurzarbeit von meinem Chef wieder aufgehoben wird und ich in das Hamsterrad zurücksteigen muss.
Meine Frau und ich sind Ärzte. Ursprünglich hatten wir geplant, uns in dieser Zeit weiterzubilden und zu reisen. Als die Spitäler auf Notfallbetrieb geschaltet haben, hatten wir beide nach 48 Stunden einen neuen Arbeitsvertrag. Ich arbeite seither auf einer Covid-Intensivstation, wo wir nur positiv getestete Patienten behandeln. Die Arbeitsbelastung ist deutlich geringer als im Alltag, das Personal ist viel entspannter, alle halten zusammen. Es gibt genügend Ressourcen und auch die Kommunikation mit den Angehörigen steht im Kontrast zum sonst stressigen Klinikalltag. Privat wohnen wir am Waldrand und genießen die Natur und kochen mehr. Trotz unserer exponierten Position möchten wir diese fantastische Zeit nicht missen. Uns geht es definitiv auch ohne Homeoffice besser als unter normalen Umständen.
Ich bin in der IT-Branche tätig und unser Geschäft explodiert gerade. Wir machen alle zahllose Überstunden und schaffen unglaublich viel. Das schafft ein starkes Teamgefühl. Anstatt sich den ganzen Tag mit Problemen und Befindlichkeiten rumzuschlagen, sieht man jeden Tag den Fortschritt. Abends trinken wir zusammen mit den Kollegen Bier im Videochat. Auch privat ist alles auf das Wesentliche fokussiert. Keine nervige Urlaubsplanung, keine langweiligen Familienbesuche, keine anstrengenden Vereine. Stattdessen Sport, Essen und ein paar Dokus auf YouTube. Ich freue mich über das schöne Wetter und bin dankbar, dass trotz Krise unsere Versorgung so gut gesichert ist. Nebenbei spare ich viel Geld, das ich in ein Cabrio für den Sommer stecken will. Das Einzige, was mich nervt: Meine Freundin hängt nur rum. Trotzdem bin ich froh, dass ich nicht allein bin, eine schöne Wohnung habe und keine Verantwortung für Kinder oder kranke Eltern übernehmen muss.
Endlich muss ich nicht mehr jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit pendeln. Familienbesuche für die erweiterte Familie am Wochenende fallen weg, ich habe viel mehr Zeit und kann sagen: Mein Leben ist durch Corona lebenswerter geworden. Ich wohne mit meiner Freundin in einer Wohnung mit Garten und wir haben alles, was man zum Glücklichsein braucht. Sport, Netflix, Computerspiele, im Garten relaxen – uns geht es gut. Zudem verdiene ich als Ingenieur sehr gut, ich würde sogar Kurzarbeit begrüßen. Allerdings finde ich es unsinnig, dass das Kurzarbeitergeld für alle erhöht wurde. Mir und anderen kinderlosen Gutverdienenden sollten 60 Prozent des Gehaltes ausreichen. Die Erhöhung sollte nur Geringverdienenden oder Menschen mit mehr familiärer Belastung zuteilwerden.
Ich bin Autistin, der Alltag vorher hat mich sehr gestresst. Das viele Pendeln, die Begegnungen mit anderen, der viele Lärm – das hat mich alles sehr gestresst. In vielen Punkten ist das Leben jetzt zwar anstrengender geworden, aber für mich und mein empfindliches Gehirn bedeutet die Ruhe schon viel.
Die Corona-Krise hat uns Studierende zum Teil sehr hart getroffen – und trotzdem muss ich für mich persönlich ein bisher positives Fazit ziehen. Anstatt einsame EinzelkämpferInnen für sonst oft individuelle Probleme zu sein, ziehen alle an einem Strang, und die kollektive Kreativität eröffnet eine völlig neue Lernwelt. Seminare inklusive Gruppenarbeiten finden wie gewohnt statt – nur eben online, ohne Getuschel um einen herum. Vorlesungen können bei Bedarf zurückgespult, angehalten oder in der Abspielgeschwindigkeit verändert werden. Dozenten bieten extra Fragestunden an, damit niemand untergeht. Auch wenn die direkten sozialen Kontakte deutlich zurückgegangen sind: Freunde, die ich aufgrund großer räumlicher Distanz und unterschiedlicher Zeitpläne nur selten treffe und spreche, sehe ich jetzt regelmäßig online. Aus dem anfänglichen »Wie ist die Lage in Dänemark, Schweden, Singapur und anderen Teilen von Deutschland?« ist ein Zusammenrücken, ein gemeinsames Rumblödeln in Jogginghosen aus Wohnzimmern weltweit geworden. Plötzlich scheinen in meinem studentischen Umfeld unsere Lebensumstände wieder angeglichener, der Alltag wieder ähnlicher, Probleme, Hoffnungen und Ängste die Gleichen und das Verständnis füreinander gestiegen. Und noch etwas scheint sich geändert zu haben: Auf einmal ist es okay, wenn es mal nicht perfekt ist.
Mir geht es zurzeit richtig gut. Ich bin überwiegend im Homeoffice, habe keine Gehaltsabstriche und bin mir sehr wohl bewusst, dass ich damit gerade in der jetzigen Zeit privilegiert bin. Ich fahre zweimal die Woche ins Büro, dort vergeht die Zeit wie im Flug. Ich habe sogar richtig Spaß an meiner Verwaltungsarbeit im öffentlichen Dienst. In normalen Zeiten gibt es stressige Abschnitte, aber auch sehr langweilige, und dann sitze ich nur meine Zeit ab. Jetzt kann ich mir im Homeoffice alles gut einteilen und auch mal zwischendurch einfach eine Stunde mit dem Hund rausgehen und die Natur genießen. Ich überlege schon die ganze Zeit, wie ich meinem Arbeitgeber nach der Öffnung verklickere, dass ich gern weiter ein bis zwei Tage in der Woche Homeoffice in Anspruch nehmen möchte. Ich arbeite nicht weniger, im Gegenteil bin ich frühmorgens und auch abends jederzeit ansprechbar – aber eben nicht mehr dieser Anwesenheitspflicht unterworfen. Das ist Luxus pur in dieser Zeit.
Mir geht es bestens. Als Freiberuflerin ist zwar die Hoffnung auf Einkommen für die nächsten Monate dahin, ich muss sogar darum bangen, dass es danach überhaupt wieder Aufträge gibt. Wenn nicht, dann werde ich etwas anderes machen müssen, notfalls bei Amazon Pakete packen. Irgendeine Arbeit gibt es immer. Meine fast 79-jährige Tante näht gerade Masken, um ihre Mini-Rente mit 30 Euro pro Monat aufzustocken – wo ein Wille ist, wird es auch einen Weg geben. Zum Glück sind wir letztendlich auch durch unseren Sozialstaat abgesichert. Für die Zeit jetzt kann ich aber sagen: Habe als Freiberuflerin für Arbeitsausfälle vorgesorgt und lebe grundsätzlich sehr bescheiden. Ich gebe auch wesentlich weniger aus. Der Zeit- bzw. Erwartungsdruck ist in diesen Tagen einfach weg. Das tut unbeschreiblich gut. Man muss sich nicht mehr perfekt präsentieren oder besser als die männlichen Kollegen sein – herrlich. High Heels, Pencil Skirt und Blazer verstauben gerade im Schrank. Cargohosen, Sneaker und 25 Jahre alte T-Shirts sind angesagt. Ich habe endlich Zeit, in Ruhe an meinen Publikationen zu arbeiten, den Garten einmal komplett auf Vordermann zu bringen, den Zaun zu reparieren, das Haus weiter zu sanieren und der Stockente vor meiner Terrassentür beim Brüten zuzusehen. Ich habe auch Zeit für meinen Hund. Ohne Corona hätte ich in den letzten Monaten mehrere Male nach London, Washington, D. C., Boston, und Riad hetzen müssen. Ferner genieße ich besonders die Ruhe, die zunehmend saubere Luft, den Verzicht auf unnötigen Konsum, die leeren Straßen, die fehlenden Kondensstreifen. Kann gerne noch ein paar Monate so bleiben – dann hat sich die Seele vom Stress erholt!
Ich bin freiberufliche Musikerin und Pädagogin. Im Moment kann ich nicht arbeiten, aber die städtische Musikschule hat bis jetzt mein Gehalt weitergezahlt und andere Honorarausfälle kann ich mit privaten Rücklagen auffangen. Deswegen habe ich gerade keine finanziellen Sorgen. Sowieso habe ich das Gefühl, dass bei der Unplanbarkeit der nächsten Monate Sorgen wenig Sinn ergeben. Dadurch, dass man nicht weiß, was morgen kommt, ist es, als wären wir in eine Pause gefallen. Und da alle im Pausenloch sind, kann man auch nichts verpassen und sich auf sich fokussieren. Dieses Zurückfallen auf sich selbst fällt manchen Menschen schwer, aber mir gefällt das und ich denke viel nach über mein Leben. Meine Beziehung zu meinem Freund ist inniger, weil wir mehr Zeit haben. Ich habe mehr (telefonischen) Kontakt mit meinen Freunden und meiner Familie, und ich habe endlich Dinge begonnen, die ich seit Monaten vor mir herschiebe. Ich wünsche mir sogar heimlich, dass es noch zwei bis drei Monate so bleibt.
Ich bin in zwei Bereichen selbstständig und wirtschaftlich ist diese Zeit ein Desaster. Trotzdem kann ich die letzten sechs Wochen auch sehr genießen, weil ich endlich mal zur Ruhe komme. Von meiner 50- bis 60-Stunden-Woche ist nur ein Bruchteil übrig geblieben und ich habe jetzt die Zeit, mich in Ruhe um die Menschen und Dinge zu kümmern, die mir am Herzen liegen. Ich schaffe es sogar, kleine Projekte anzugehen, wie zum Beispiel Gerichte zu kochen, für die ich sonst nicht die Zeit habe oder das Grab meiner Mutter wirklich schön herzurichten und nicht nur ordentlich und zeitsparend. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich wenigstens einen Teil dieses wunderbaren Lebensgefühls mit in den Alltag retten kann.
Ich führe eine Praxis mit zehn Angestellten. Als das Chaos begann und ich keine Schutzmaterialien mehr kaufen konnte, zahlreiche Patienten absagten und meine Mitarbeiterinnen der Meinung waren, ich müsse sofort für mindestens zwei Wochen die Praxis dichtmachen, weil ich sonst alle gefährde (bei vollem Gehalt natürlich) – da bekam ich Panik. Wie soll ich die laufenden Kosten reinbringen, wo Desinfektionsmittel und Mundschutz herbekommen, wie die Mitarbeiter bezahlen? Also setze ich mich hin und plante. Zapfte alle Quellen an, um Material zu bekommen, ließ meine Mitarbeiter selbst eine Arbeitseinteilung machen, um Kurzarbeit gerecht zu verteilen und bastelte UV-Sterilisationskästen für Mundschutze. Ich ließ mich sogar als offiziellen Notdienst registrieren für Kollegen, die ihre Praxis dichtmachen mussten. Was soll ich sagen? Seitdem habe ich das stressfreieste Leben, das ich je hatte. Mein Partner ist im Homeoffice, ich arbeite nur drei Tage die Woche und schaffe damit, meine reduzierten laufenden Kosten zu verdienen. Es gibt zwar für mich selbst im Moment kein Gehalt, aber man kann es im Moment so oder so nicht ausgeben. Dafür hab ich Ruhe, keine vollen Straßen zur Arbeit, kann Rumgammeln am freien Tag in Schlabberklamotten, hab viel Zeit für Partner und Katzen. TV glotzen um neun Uhr morgens, wenn ich Lust habe. Ich habe so eine Situation noch nie im Leben gehabt – nicht mal nach dem Schulabschluss, den viele für Urlaub usw. nutzen. Alles liegt jetzt zwangsläufig auf Eis. Und ich genieße jede Minute davon!
Das Leben ist insgesamt etwas entschleunigt. Man muss sich keine Sorgen um den typischen Alltagsstress machen und hat insgesamt mehr Zeit für sich selbst. Durch die aktuelle Homeoffice-Situation hat man nicht nur mehr Zeit, sondern kann sich diese auch effizienter einteilen. Zum Beispiel wasche ich der Mittagspause kurz die Wäsche. Auch sind die wirklich wichtigen Dinge mehr in den Fokus gerückt. Ich habe seit Beginn der Corona-Krise ironischerweise mehr soziale Kontakte. Statt sich nach Arbeit genervt durch den Berufsverkehr zu quälen, sitzt man jetzt mit Freunden, die man sonst vielleicht nur alle halbe Jahre mal sehen würde, in der Skype-Konferenz. Auch mit meiner Mutter und meiner Schwester habe ich aktuell viel mehr Kontakt. Insgesamt merke ich einfach, dass ich viel ausgeglichener und wesentlich weniger gestresst bin. Und sogar meine Lebensweise hat sich verbessert. Ich mache jetzt jeden Morgen ein wenig Yoga und habe Spaß daran, beinahe jeden Tag frisch zu kochen, was ich früher nie geschafft habe.
Ich als Rentner stelle fest, dass die zwischenmenschlichen Begegnungen freundlicher geworden sind. Ich glaube, dass viele Menschen aus der zerrissenen Stresssituation ihres Alltags rauskommen. Mir selbst geht es zumindest so. Die Krise hat dafür gesorgt, dass ich mich viel mit Haus und Garten beschäftige. Die Familie ist enger zusammengerückt und teilt mehr Zeit miteinander. Wir helfen einander mehr in den unterschiedlichen Anforderungen der Lebensphasen. Die Umgebung ist ruhiger geworden. Viel weniger Fluglärm, weniger Straßenverkehr, mehr Fahrräder, freundliche Absprachen mit Behörden und Ämtern per Telefon, Verständnis für Warteschlangen und Sicherheitsvorkehrungen. Mir geht es so, als würde ich durch die Krise viel mehr auf den Lebenssinn des Menschseins zurückgewiesen. Und das, obwohl ich selbstbewusste Pausen, Stille und Innehalten immer geübt habe.
Ich »darf« das jetzt tun, was ich als Erwerbsminderungsrentnerin seit einem Jahr tue, aber halt offiziell: zu Hause bleiben, selbst entscheiden, wie ich meinen Tag gestalte. Ich bin seit Jahren an chronifizierten Depressionen erkrankt und in Behandlung. Jetzt in Corona-Zeiten soll ich genau das, was mir Schwierigkeiten bereitet – nämlich unter Menschen zu gehen – ja gerade möglichst nicht tun. Insofern geht es mir nicht schlecht, auch wenn es etwas absurd erscheint.
Als Single geht es mir besser, weil ich nichts gegen mein Singledasein unternehmen muss. Der Erwartungsdruck der Gesellschaft und Familie, wie ich mein Leben als Single gestalten soll, fällt weg. Und auch der Druck, den man sich selbst macht. Ich kann ohne schlechtes Gewissen einfach mal faulenzen. Auf der Arbeit wurde zudem Schichtarbeit eingeführt. Ich bin seitdem nur noch mit einer Kollegin im Büro, vorher waren wir zu fünft. Das ist super angenehm, wenn auch die Schichtzeiten sehr unangenehm sind. Aber irgendwie schieben alle im Moment auf der Arbeit gefühlt eine ruhige Kugel.
Warum es mir gut geht? Da kommt vieles zusammen: Es ist die Dankbarkeit, dass wir in Deutschland nicht in eine Überlastung der Krankenhäuser gerutscht sind, dass bei mir alle gesund sind. Ich bewundere die vielen Eltern, die nicht jammern, sondern Schönes aus der gemeinsamen Familienzeit ziehen. Aber auch, dass endlich einmal andere Berufe und Menschen im Fokus stehen. Nicht immer die gleichen coolen Akademiker, sondern die Krankenschwestern, die Müllabfuhr, Landwirte, Erzieherinnen und Lehrerinnen. Und manchen Eltern wird wohl erst jetzt klar, was die so leisten.
Jetzt merken wir in der Familie, welche Kräfte um uns herum jeden Tag an uns zerren: Du musst das und das alles haben und erreichen, erst dann bist du wer. Das ist alles Mist. Wir brauchen ein gutes menschliches Miteinander. Zeiten, in denen sich unsere Familie trifft und austauscht. Das hatten wir seit Jahren nicht mehr, da jeder seiner Arbeit und Freizeitvergnügen an allen anderen Orten hinterherhechelte. Wir alle in unserer Familie haben durch Corona an Ruhe und Miteinander gewonnen. Wir haben die Natur und unsere Heimat neu entdeckt. Die Straßen sind endlich wieder leise wie in Kindheitstagen. Mein Terminkalender hat Luft. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nach der Krise wieder in das alte Hamsterrad will. Finanziell ist die Krise eine Katastrophe, meine Lebensqualität jedoch hat zugenommen. Unsere Kinder fanden die Zeit wegen der schulfreien Zeit gut. Freunde und Freundinnen haben sie sehr vermisst. Aber sie haben sich mehr mit sich und ihrer verfügbaren Zeit beschäftigen müssen. Diese Langeweile hat die Kreativität gefördert. Ich habe manches Musikinstrument wieder klingen gehört.
Ich habe plötzlich nicht mehr das Gefühl, Dinge zu verpassen oder außen vor zu sein – weil ja sowieso nichts passiert. Die Welt ist für mich wieder kleiner geworden. Das Gefühl erinnert mich an meine Kindheit, in der ich in meinem Zimmer saß, vor mich hin gezeichnet habe, Musik im Radio auf Kassette aufgenommen habe und dabei sehr zufrieden war. Ich hatte die Befürchtung, dass meine Depression wieder zurückkommt. Die Angst vor dem sich allein fühlen und dem Bett, das man den ganzen Tag nicht verlassen kann. Aber erstaunlicherweise ist das Gegenteil der Fall: Ich stehe früh auf, fühle mich gut dabei und kann konzentrierter arbeiten als sonst. Auch fühle ich eine tiefe Verbindung zu Freunden. Über Zoom oder beim Spazieren mit Abstand. Es verwirrt mich, weil es doch eigentlich das Gegenteil in mir auslösen sollte?
Mir geht es tatsächlich viel besser in der Corona-Krise. Ich genieße die viele Zeit, die ich nun für mich allein habe. Kein Druck, mich mit Freunden treffen zu müssen, etwas zu verpassen – es ist einfach okay, allein zu sein. Ich gehe viel spazieren, lese, treibe Sport und das alles mit einer großen Entspanntheit, da einfach »nichts ansteht«. Ich bin Student, wäre normalerweise in meinem Uniort, aber so bin ich weiter bei meiner Familie, von der mich sonst acht Stunden Zugfahrt trennen. Es ist sehr schön, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Für mich ist die Corona-Krise eine große Chance. Eine Chance, dem Alltagsdruck zu entkommen, zu entschleunigen und mehr zu mir zu finden. So viel passiert heutzutage, studieren, Freunde treffen, lernen, hier und dort sein. Das ist Stress, permanent. Deswegen genieße ich das alles jetzt im Moment und werde schon fast ein bisschen wehmütig, wenn ich daran denke, dass alles irgendwann wieder »normal« sein wird.
Als Abiturient im Abschlussjahr habe ich in den letzten Wochen deutlich mehr Ruhe gehabt als zuvor im Schuljahr. Viele Fächer, die nicht ganz so relevant sind und keine Rolle bei den Prüfungen spielen, sind entfallen. Auch die Fahrzeit zur Schule, jeweils 40 Minuten hin und zurück, bleibt mir erspart. Ich kann meine Zeit also effektiver nutzen. Durch all diese Zeiteinsparungen war es für mich möglich, meine Ernährung umzugestalten und mehr Sport zu machen. Außerdem muss ich nicht mehr um sechs Uhr aufstehen und kann meinen Tag selbst einteilen. Allgemein hat die Corona-Krise viel Stress rausgenommen, auch wenn im Hinterkopf irgendwo der Gedanke schwebt, dass ich vielleicht nicht ganz optimal auf die Abi-Prüfungen vorbereitet bin, weil eben der Unterricht mit den Lehrern fehlt und die Onlineangebote nicht an den Präsenzunterricht rankommen.
Ich bin selbstständig, leite eine Musikschule und unterrichte auch dort. Seit ein paar Jahren leide ich an einer Depression und bin nicht mehr sehr stressresistent. Schon lange habe ich mir eine Auszeit gewünscht, in der ich mich hoffentlich kurieren könnte. Leider habe ich niemanden, der mich vertreten kann. Jemanden neu einzuarbeiten wäre wiederum mit Aufwand und Stress verbunden. In den ersten Wochen des Lockdowns hatte ich deutlich mehr zu tun, um unseren kompletten Unterricht auf Onlineunterricht umzustellen und mit allen Mitgliedern und Lehrern zu kommunizieren. Glücklicherweise konnten wir viele Schüler behalten und unseren Lebensunterhalt sicherstellen. Jetzt ist es deutlich ruhiger. Ich habe nach wie vor Büroarbeit und an zwei Nachmittagen in der Woche Onlineunterricht. Außerdem muss ich meinen elfjährigen Sohn im Homeschooling betreuen. Ich kann mir aber dank fehlender Termine meinen Tagesablauf nun sehr viel freier einteilen und endlich jeden Tag genug schlafen. Ich bin so ruhig und entspannt wie seit Langem nicht mehr. Ich hoffe, dass ich so vollständig und nachhaltig genesen kann. Und auch, dass ich mir Lösungen einfallen lassen kann, wie ein Alltag nach Corona weniger stressig sein wird.
Dank entschleunigter gemeinsamer Zeit im Homeoffice hat das mit dem Kinderwunsch nun doch mal geklappt. Wir erwarten ein Kind!
Ich habe in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern gewohnt, vor einem halben Jahr bin ich wieder nach Deutschland gezogen. Deswegen habe ich in meiner jetzigen Stadt noch nicht sehr viele Freunde. Ich habe zwar sehr gute Freunde in anderen Städten und Ländern, aber normalerweise ist es schwer, regelmäßig in Kontakt zu bleiben. Durch die Corona-Krise fühle ich mich meinen »Fern-Freunden« so nahe wie schon lange nicht mehr, da wir nun ständig skypen. Sonst wird das nie was, weil jeder sich immer denkt, dass die anderen bestimmt gerade beschäftigt sind. Aber jetzt wissen wir ja, dass die anderen höchstwahrscheinlich auch nur zu Hause rumsitzen.
Tatsächlich geht es mir seit Beginn der Corona-Krise deutlich besser. Der Stillstand meines Alltags kam mir nicht nur gelegen, er war dringend notwendig. Er hat Überforderung, Panik und einen von Arbeit bestimmten Alltag durch frische Luft, Gelassenheit und mentale Gesundheit ersetzt. Ich fühle mich auf der einen Seite selbstbestimmter, weil es für mich plötzlich einfacher ist, umzusetzen, was mir guttut, und gleichzeitig genieße ich die Tatsache, in dieser Zeit so wenig Kontrolle zu haben. Ich weiß, dass es jetzt keinen Sinn macht, zu planen und darüber zu grübeln, ob ich kündigen und mein Leben umkrempeln sollte, wo ich leben möchte, wie ich arbeiten möchte, wie und mit wem ich dieses Jahr verbringen möchte, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Ich habe mich zu großen Entscheidungen gedrängt gefühlt, weil ich unglücklich war und merke jetzt, dass allein die Entschleunigung, die Mittagspause in der Sonne, die Zeit fürs Lesen und Spazieren und die durch die Krise viel persönlichere und empathischere Beziehung zu Kolleg*innen einen riesigen Teil zu meinem Glücklichsein beitragen. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, guten Gewissens einfach abwarten, mich um mich selbst kümmern und die Entwicklungen beobachten zu können. Große Entscheidungen können auch nach der Krise noch getroffen werden.
Am Anfang der Corona-Pandemie ging es mir nicht besser. Ich bin 29, sehe fit aus, bin aber schwer chronisch krank. Ich musste mich gegenüber meinem Arbeitgeber »outen«, um dauerhaft im Homeoffice arbeiten zu können. Ich habe mich isoliert gefühlt, zusätzlich stigmatisiert durch meine Krankheit. Aber schon nach einer Woche habe ich mich daran gewöhnt. Ich habe sonst abends nach der Arbeit gekocht, jetzt kann ich das direkt in der Mittagspause machen. Ich kann mit dem Laptop auf dem Sofa liegen und mir meine Kräfte viel besser einteilen. Ich kann täglich andere Freunde anrufen, sie sind auch alle zu Hause. Sonst musste ich fragen, wann es passt, zu telefonieren, jetzt rufe ich einfach an und jeder freut sich. Ich verabrede mich ab und zu mit einer Freundin, die auch im Dauer-Homeoffice ist, zu Spaziergängen mit Abstand. Ich habe meine Wohnung neu dekoriert, YouTube-Videos ausprobiert, und bin insgesamt viel gelassener. Ich möchte diesen Zustand nicht für immer beibehalten. Mir fehlt es, mit mehreren Menschen gleichzeitig zu sprechen. Zusammen grillen wäre schön. Tanzen gehen wäre schön. Aber für mich ist Corona eine Pause vom Alltag und ich mache die Erfahrung, dass meine Mitmenschen mehr auf mich achtgeben, weil ich krank bin. Ich brauche die Hilfsangebote nicht, aber zu wissen, dass sie da sind, ist ein schönes Gefühl. Die eine Kollegin, die nicht versteht, warum ich lieber zu Hause bleibe, wird es immer geben. Die Menschen, die schreiben, es würden nur Menschen mit Vorerkrankungen sterben, als wäre dieser Verlust weniger schlimm, als würden Menschen wie ich nicht gerne weiterleben wollen – natürlich gibt mir das zu denken. Aber Corona macht auch deutlich: Ich bin nicht allein. Ich bin nicht allein damit, krank zu sein. Und es macht auch deutlich: Ich bin privilegiert. Ich habe drei Zimmer für mich allein. Ich habe einen Balkon, ich habe ein Auto, ich arbeite im öffentlichen Dienst, mein Job ist sicher. Ich lebe in Deutschland. Es gibt wenige Länder, in denen man in einem solchen Moment besser aufgehoben ist. Sich das klarzumachen, lässt andere Gedanken in den Hintergrund treten.
Ich bin Promotionsstudentin und in meinem Arbeitsalltag nicht so abhängig von einem Büro. Ich bekomme weniger Anrufe von meiner Arbeitsstelle oder aus der Verwaltung und kann ungestörter schreiben. Die Onlinekommunikation mit meinen MitarbeiterInnen und meinem Chef lässt sich viel besser online strukturieren und gestalten. Durch meine Berufstätigkeit strukturiert sich mein Tag von selbst. Ich kann weiterhin und viel regelmäßiger meine Sportstunden einhalten. Ich muss mich aber auch nicht um Kinder oder meine Familie sorgen. In der Hausgemeinschaft können wir weiterhin zusammen einen Kaffee im Garten trinken und Kuchen austauschen. Wir versuchen, viel mit der Familie zu kommunizieren und online zu spielen, fühlen uns aber weniger gezwungen, ständig alle zu besuchen. Dadurch bleibt mehr Zeit für ein bisschen Gärtnern und Kreativsein. Niemand kann gerade tolle Reisen machen oder ausgehen. Auf der einen Seite vermisse ich das, auf der anderen Seite gibt es keinen sozialen Druck dadurch, dass andere vermeintlich etwas Tolleres erleben, als am Schreibtisch zu sitzen. Es gibt keine beeindruckenden Fotos mehr auf Instagram oder Facebook von Reisezielen, sondern eher vom Kuchenbacken oder Spazierengehen. Um ein bisschen rauszukommen, fahre ich nun Rad in der Umgebung und entdecke alle Dörfer drumherum. Ich denke viel darüber nach, dass eine freiwillige Entschleunigung und ein Wandel in der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit weniger Einschränkungen als die Pandemie verursachen würde. Wir könnten unsere Freunde und Familie sehen, Wanderungen in den Bergen und Urlaub in der Nähe unternehmen und kreativ und engagiert sein. Es wäre mehr, aber langsamer, solidarischer und nachhaltiger als jetzt. Mir ist aber auch bewusst, aus was für einer privilegierten Situation ich dies schreibe.
Seit der Corona-Krise bin ich in einem viel engeren Austausch mit meiner Familie und meinen Freunden. Ich bin für so viele kleine Dinge viel dankbarer geworden. Anfang März bin ich nach Dubai gezogen und hatte dort einen neuen Job in der Hotellerie angefangen, aber schon nach kurzer Zeit machte mir und der Hotellerie Corona einen Strich die Rechnung – nach einer Woche in der neuen Position und in einer neuen Umgebung mussten alle ins Homeoffice wechseln. Kurz darauf wurde eine strikte Ausgangssperre verhängt und unser Gehalt um 60 Prozent gekürzt. Für viele wäre dies wohl ein großer Schock gewesen, aber dank der noch nie zuvor erlebten Hilfsbereitschaft und Einfühlsamkeit meiner Kollegen habe ich meine Entscheidung der Auswanderung zu keiner Sekunde bereut.
Ich bin dankbar, in einem kleinen Dorf direkt am Wald zu wohnen. Mit meinem Sohn kann ich hier unbeschwerte Stunden verbringen, weit weg von allen Katastrophen. Im Homeoffice fehlt mir zwar der unmittelbare Austausch mit meinen Kollegen, aber ich leide nicht mehr unter den wechselhaften Launen und Intrigen meines Chefs, kann kreativer und unbeschwerter arbeiten. Ich bin auch stolz, dass ich es als Alleinerziehende ganz gut schaffe, meinen Homeoffice-Alltag mit Kind zu managen. Natürlich gibt es auch schlechte Tage, aber im Großen und Ganzen funktioniert unser kleines Familienteam super. Mein Sohn liebt es auch, mich zu unterstützen, macht mir Kaffee oder einen Eisbecher oder andere Überraschungen. Wir spielen viel, leben auch mal nur in den Tag oder machen kreative und witzige Sachen. Unserer Beziehung tut die viele Zeit gut, meinem Sohn geht es gut. Dafür bin ich dankbar. Und ich habe wieder mit Yoga angefangen und sogar mit Nordic Walking neu begonnen. Ohne ständiges Hin- und Herfahren, Einkaufen und die Termine und habe ich dafür jetzt Zeit und Lust. Ich bin zwar jetzt auch in Kurzarbeit und weiß nicht, wie es arbeitsmäßig weitergeht. Aber dafür habe ich mehr Zeit für meinen Sohn und mich. Ich bin zuversichtlich, dass sich für uns alles irgendwie richten wird.
In meinem normalen Alltag habe ich oft das Gefühl, dass die Zeit fliegt und kaum übrig bleibt. Dass ich jetzt zu Hause bleibe und viel autonomer über meine Zeit bestimmen kann, macht mich zufriedener. Einen positiven Einfluss hat sicher auch das Wetter. Während ich im Büro manchmal ganz unruhig wurde, weil ich lieber in der Sonne wäre, kann ich sie jetzt einfach in der Mittagspause auf dem Balkon genießen und danach entspannt weiterarbeiten. Weil ich kleinere Erledigungen unter der Woche besser schaffe, ist das Wochenende freier. Und obwohl ich sehr gern viel unternehme und Menschen treffe, fühlt es sich auch erleichternd an, dass der Kalender für die nächste Zeit leer ist und ich ganz spontan überlegen kann, was ich am Wochenende tun könnte. Eine Radtour zur nächsten Eisdiele oder ein Spaziergang werden plötzlich zu Wochenhighlights. Längerfristige Planungen sind ohnehin nicht möglich, so lebe ich fast wie in den Tag hinein. Meinen engen Freunden fühle ich mich näher als sonst. Da die Gesprächsthemen über großartige Reisen und Aktivitäten wegfallen, habe ich den Eindruck, dass die Gespräche auch tiefsinniger werden und wir mehr fragen, wie es uns gerade so geht. Entspannend ist auch, dass gerade einfach nicht alles perfekt sein muss und das auch viele offen zugeben.
Ich bin Mutter von zwei Kita-Kindern und Klassenlehrerin einer Grundschule. Offiziell arbeite ich 60 Prozent, inoffiziell nimmt meine Arbeit aber mehr als 40 Stunden in Anspruch. Zudem übernehme ich fast alle organisatorischen Aufgaben und den Haushalt. Seit Corona bin ich nun mit den Kindern zu Hause und habe endlich Zeit für sie. Viele Termine fallen weg und der Riesenbatzen Schule ist stark reduziert. Von der Schule aus sollen wir keine Videokonferenzen initiieren, die Vorbereitung ist also minimal. Das ginge aber auch gar nicht anders, mit zwei Kindern auf 60 Quadratmeter. Der Alltag ist entschleunigt und wir haben mehr Zeit als Familie. Mein Mann beginnt um sechs und ist dann um 15 Uhr fertig. So zeitig ist er normalerweise nie zu Hause.
Ich bin Hausfrau und Mutter dreier Kinder (6, 4 und 2) und grade im letzten Drittel meiner vierten Schwangerschaft. Mein Mann arbeitet seit Mitte März im Homeoffice und unsere beiden älteren Kinder gehen nicht mehr in den Kindergarten. Wir stehen vor keinen finanziellen Schwierigkeiten, da die Arbeit meines Mannes gut von zu Hause aus funktioniert. Meine Kinder genießen die gemeinsame Zeit sehr und machen Entwicklungssprünge, da sie ständig in ihrem sicheren Umfeld sind und wir einen sehr strukturierten Alltag haben. Meinem Mann fällt die Decke leicht auf den Kopf. Dagegen hilft ihm, dass er alle Einkäufe und weitere Aufgaben im Haushalt übernommen hat, was ihm angenehme Pausen verschafft. Zudem genießt er es, mit uns zu essen. Und ich habe weniger mental load, da ich einige Aufgaben an meinen Mann abgeben konnte, ich die Kinder nicht mehr abholen und zudem auch keine Treffen mit Familie und Freunden organisieren muss. Dadurch habe ich mehr Zeit für mich und auch für das Bauchbaby. Wir haben das große Glück, eine kleine Terasse und einen Garten zu haben, den wir gern nutzen. Das angenehme Wetter kommt uns sehr entgegen. Ich war zu Anfang sehr erstaunt, dass es mir so viel besser geht, und war sehr glücklich zu sehen, dass es uns als Familie ebenso geht. Jetzt sind wir sehr gespannt, wie sich dieses Gefühl mit der Zeit entwickelt, aber bisher ist es seit März konstant.
Ich bin alleinerziehende Mutter zweier Jungs, die ich vor Corona täglich erst ab frühestens 17.30 Uhr abends gesehen habe. Und vor Schule und Arbeit am Morgen natürlich. Das waren am Tag etwa fünf Stunden, verbunden mit viel Stress… Schnell aufstehen, schnell zur Schule, Arbeit, schnell einkaufen, schnell Kind abholen, schnell Abendbrot, schnell ins Bett. Jetzt verbringen wir 15 Stunden täglich miteinander. Soziale Kontakte hatte ich durch den Stress eh kaum. Da musste ich mich nicht groß umgewöhnen. Meine Kinder genießen die Zeit ebenfalls. Scheinbar haben sie auch etwas vermisst. Ich weiß, dass die Wirtschaft wachsen muss. Aber meine Kinder tun das auch. Immer. Bis sie groß sind. Ob ich nun bei ihnen bin oder arbeite. Und darum dreht es auch: die Zeit, die wir sonst nicht teilen konnten, in der es immer nur darum ging, was wir alles müssen. Nämlich Arbeit und Schule. Schnell.
Vor Corona hatte ich eine Therapie begonnen, weil es mir mental so schlecht ging. Ich mochte meinen neuen Wohnort nicht, war viel allein, hatte noch keinen richtigen Anschluss gefunden und in der Fernbeziehung hat es schon länger gekriselt. Dank Corona bin ich jetzt in meiner Heimat, immer umgeben von Menschen, und kann meine Arbeit von zu Hause aus erledigen. Ich mache mir viel weniger Druck und kriege doch mehr hin. Die alte Beziehung habe ich am Anfang der Isolation einvernehmlich beenden können; wir sind jetzt als Freunde weiter in Kontakt. Das Tüpfelchen auf dem i: Ich habe mich verliebt, in meinen besten Freund. Und er sich in mich. Wäre jetzt nicht alles anders wegen Corona, wären wir in unterschiedlichen Städten und Ländern. Stattdessen können wir unsere Beziehung sehr intensiv beginnen und aufbauen und diese Zeit hoffentlich gemeinsam überstehen. Mir ging es eigentlich noch nie besser als jetzt.
Ich leide an Winterdepressionen und fühle mich im Frühling grundsätzlich um Welten besser als im Winter. Außerdem bin ich ein zurückgezogener Mensch, der vorher schon im Homeoffice gearbeitet hat und keine große Änderung im Alltag spürt. Die Situation, in der wir uns vorher befanden, das rasante Reinrasen in den Klimawandel trotz aller Warnungen, habe ich als zutiefst beunruhigend empfunden. Jetzt fühle ich mich mit meinem Krisendenken weniger einsam.
Ich würde mich selbst als menschenscheu bezeichnen und habe mich schon lange vor der Corona-Pandemie in Selbstisolation geübt. Jetzt kann ich das auch noch mit einer guten Begründung tun. Ich genieße es einfach, allein zu sein. Natürlich ist es ein bisschen schade, dass ich die wenigen Menschen, die ich um mich herum schätze, nicht mehr sehen kann. Aber man kann ja telefonieren, Briefe schreiben und zusammen Videospiele spielen. Schön ist auch, dass ich keine Vollidioten aus der Schule mehr sehe: Ich werde nicht mehr homophob beleidigt. All das sorgt dafür, dass ich mich besser fühle.
Mir geht’s besser, weil ich unsere geplante Hochzeit nicht mehr planen muss, sondern ohne schlechtes Gewissen so klein und unspektakulär feiern kann, wie ich es gerne möchte.
Ich selbst kann glücklicherweise im Homeoffice arbeiten und teile mir mit meiner Partnerin den Haushalt. Kurzarbeit steht uns noch nicht bevor. Ich denke, damit geht es uns verhältnismäßig gut. Unsere Kinder sind, obwohl beide sehr jung sind, erstaunlich diszipliniert und unkompliziert. Mir fehlt mein Arbeitsweg mit dem Bus, die Besuche bei meinen Eltern und Freunden und der gelegentliche abendliche Ausgang mit Bars und Konzerten. Aber ich habe auch Zeit für meine Kinder, für Haus und Garten (glücklicherweise haben wir hier Platz) und ein bisschen Sport. Ich fühle mich fit und habe persönlich keine Angst vor Corona (aber ein wenig um meine Eltern). Um die wirtschaftliche Entwicklung mache ich mir tatsächlich Sorgen, freue mich aber über – wenn wohl auch kurzfristige – positive Auswirkungen auf die Umwelt. Heute freue ich mich, dass es endlich regnet. Vielleicht zwinge ich mich auch zur Bescheidenheit. Viele stehen vor besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten, deshalb ist es schön zu sehen, mit wie viel Kraft, Solidarität und Kreativität in meinem Umfeld mit der Situation umgegangen wird. Schlecht gelaunt bin ich eigentlich nur, wenn ich mich in sozialen Netzwerken umsehe. Überall nur Corona und Meinungen. Was ist denn aus Foodporn geworden?
Ich bin Studentin und fühle mich massiv gestresst von all den Sinnenseindrücken, die normalerweise täglich an der Uni auf mich einprasseln. Am schlimmsten sind die lärmenden und quatschenden Kommilitonen in den Vorlesungen. Durch die Onlinelehre kann ich alles in meinem Tempo erledigen und Videos einfach pausieren, wenn ich etwas nicht direkt verstanden habe. Außerdem muss ich mich nicht mehr dafür rechtfertigen, ein eher zurückgezogener Mensch zu sein, der gern Zeit zu Hause oder allein in der Natur verbringt und kein Interesse an Partys, Cafés oder Shoppingtouren hat. Ich kann endlich wieder besser schlafen, weil eine ganze Menge sozialer Druck von mir abgefallen ist.
Mir geht es deutlich besser als vor der Krise. Das liegt zum einen daran, dass ich zurzeit arbeitslos bin und mich vom Jobcenter massiv unter Druck gesetzt gefühlt habe. Aufgrund einer schweren Krebserkrankung meines jüngeren Bruders bin ich psychisch stark belastet. Dennoch musste ich jede Woche ins Jobcenter und fünf Bewerbungen für Stellen vorlegen, die nicht zu meiner persönlichen Situation passten. Empathie oder individuelle Beratung waren Fehlanzeige, trotz Universitätsabschluss musste ich mich bei Zeitarbeitsfirmen und Callcentern bewerben. Dann kam Corona und die Jobcenter schlossen. Was für eine Erleichterung! Endlich hatte ich die Energie, mich um mich selbst und meinen Bruder zu kümmern und muss mich nur noch auf Stellen bewerben, die sich aktuell gut für mich anfühlen. Auch mein Bruder, der sich in einer Rehaklinik befindet, blüht auf, weil er sich endlich nicht mehr allein aus seinem Leben gerissen fühlt. Jetzt sitzen sozusagen alle in seinem Boot. Das gibt mir natürlich noch zusätzlich Auftrieb. Außerdem gucke ich gern Serien, spiele Computer und werde mit meinen in der Wohnung stattfindenden Hobbys nicht mehr schief angeguckt: Erstmals erfülle ich die gesellschaftliche Norm.
Normalerweise pendele ich zwischen Nordhessen, wo ich lebe, und Südbaden, wo ich arbeite. Das heißt jeden Montag um vier Uhr morgens Zugfahren. Dann versuche ich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag so viele Überstunden zu machen, dass ich Freitag gegen Mittag gehen kann. Freitags bin ich dann frühestens gegen sechs zu Hause bei meinem Mann. Sporadisches Homeoffice am Freitag musste ich mir hart erkämpfen. Nun bin ich seit sechs Wochen im Homeoffice und fühle mich zum ersten Mal seit anderthalb Jahren wirklich gut. Obwohl ich später aufstehe, kann ich früher Feierabend machen. Obwohl ich in Kurzarbeit bin, habe ich mehr Geld zur Verfügung, weil die ganzen Zugfahrten wegfallen. Nach Feierabend kann ich im Garten werkeln. Ich habe große Hoffnung, dass die Situation für mich in Zukunft nur positive Auswirkungen zeigen wird: Nicht mehr in dem engen Korsett einer 40-Stunden-Woche 500 Kilometer von zu Hause entfernt gefangen zu sein, sondern flexibel mal hier und mal dort zu arbeiten. Es zeigt sich, dass es funktioniert.
Ich arbeite seit Beginn der Corona-Krise im Homeoffice. Das gibt mir tagsüber die Gelegenheit, nebenbei Dinge im Haushalt zu erledigen, wie beispielsweise Wäschewaschen oder Staubsaugen. Dadurch und weil nahezu alle sonstigen Termine wegfallen, habe ich nach Feierabend Zeit, mich um Dinge zu kümmern, die ich mir schon länger vorgenommen habe. Die meisten Reparaturen zu Hause sind erledigt, der kleine Garten blüht und die freie Zeiteinteilung gibt mir die Möglichkeit, gesünder zu kochen und abends regelmäßig laufen zu gehen, sodass auch das Wunschgewicht fast wieder erreicht ist. Einsamkeit ist hier im Dorf auch in Zeiten von Corona kein Problem, da man sich ja sowieso trifft, sobald man vor die Tür geht. Da sich fast alle hier an die Schutzmaßnahmen halten, gibt es auch kaum Infizierte und keine Todesfälle. Corona ist also bis jetzt eine willkommene Gelegenheit, private Dinge zu regeln. Trotzdem freue ich mich auf das Ende der Krise, da viele Dinge ausfallen, die ich nicht missen möchte: Fussballtraining, Partys oder das Schützenfest, das dieses Jahr leider nicht stattfindet.
Es ist schlicht wie eine Pause. Die Zeit vor Corona war sehr hart. Und auch, wenn Zukunftsängste da sind: Bei mir geht es wohl um Entschleunigung. Um ein Sich-selbst-Ordnen – und um das Erkennen, was wirklich zählt: eine schöne und liebevolle Beziehung, das Privileg relativer ökonomischer Sicherheit, eine halbwegs intakte Gesundheit. Dinge, auf die ich lange gewartet habe und die banal erscheinen mögen, wie Arbeit auf der Terrasse, die Beschäftigung mit Pflanzen oder das lange ad acta gelegte Musikmachen wieder aufzunehmen. Das alles hat mir vor Augen geführt, wie viel von mir selbst ich in den letzten Jahren verloren hatte und wie gut es tut, sich das wieder zu holen. Ich bin mir sicher, dass diese Zeit ein Gewinn für mich war. Dass sie den Blick auf Erfolg, auf Beruf, auf schwierige Personen nachhaltig verändert hat. Und dass es ein Genug gibt, dass man trotz all der Zeit zu Genügsamkeit und Dankbarkeit fähig ist. Sehr simpel.
Ich habe das Privileg, durch meine Arbeit als Wissenschaftler im öffentlichen Dienst unabhängig von Kunden zu arbeiten und bin daher finanziell genauso gut wie vor der Krise aufgestellt. Hinzu kommt jedoch, dass durch das Mehr an Homeoffice, durch flexiblere Arbeitszeiten im Schichtsystem (um Kontakt zu anderen zu minimieren) die Arbeitswege entfallen und der Stress abfällt. Im Homeoffice kann ich mich nebenbei gut um den Haushalt kümmern – und habe außerdem viel mehr Zeit für eigene Gedanken oder vernachlässigte Hobbys oder Projekte. Zuvor bin ich sehr aktiv im Veranstaltungsbereich, in der Kulturarbeit sowie im Ehrenamt gewesen. Durch die existenzielle Krise des Kulturbereichs fallen jetzt quasi alle Festivals weg, alle Veranstaltungen und alle Feiern. Das heißt auch: weniger Plena, weniger Promostress, weniger Dekostress, weniger Urlaub, der für Freizeitarbeit draufgeht. Die Angst, Dinge zu verpassen, fällt weg. Kurz: Die Corona-Krise scheint eine Zwangsmaßnahme für die Psychohygiene zu sein für alle, die sich chronisch überlasten und selbst ausbeuten. Das erdet mich. Deshalb geht es mir gut.
Mein recht krisensicherer Job erlaubt es mir, im Homeoffice zu arbeiten. Das bedeutet für mich: kein tägliches U-Bahn-Fahren, kein morgendlicher Regenschirmkampf, keine kalten Pumps-Füße, kein Schlangestehen für den Kaffee beim Bäcker (weil morgens eh nie genug Zeit ist). Und weniger Bügeln! Meine Güte, wie das die Laune steigert. Hinzu kommt noch, dass mein Freund und ich eigentlich in einer Fernbeziehung Hamburg-Münster leben. Da wir jetzt beide von zu Hause aus arbeiten können, verbringen wir seit Beginn der Ausgangssperre jeden Tag zusammen und haben sogar den Luxus, alle paar Wochen die Stadt zu wechseln. Natürlich bin ich damit in einer sehr privilegierten Situation, was das Kontaktverbot angeht. Aber auch damit habe ich irgendwie meinen Frieden geschlossen. Ich finde sogar, ich sehe meine Freunde jetzt häufiger. Sogar mit alten Schulfreunden habe ich neulich geskypt, sonst sieht man sich nur zu Weihnachten. Mit den Handballmädels gibts Work-outs über Zoom. Statt immer nur zu schreiben, sehe ich meine Geschwister jetzt jede Woche über WhatsApp. Und wenn mir das zu viel wird, kann ich draußen laufen gehen. Das war eh schon immer mein Lieblingssport.
Mir geht es in der Tat besser in der Krise. Vielleicht einer der wichtigsten Gründe: die Arbeit. Ich mag es, im Homeoffice und damit den ganzen Tag nur eine Tür von meiner Frau entfernt zu sein. Ich mag es, mit meiner Frau zu Mittag zu essen und Kaffeepause zu machen und nicht jeden Tag Zeit auf dem Weg zur Arbeit zu verlieren. Ich mag es, mir die Zeit so einzuteilen, wie es mir Spaß macht. Auch der Inhalt meiner Arbeit hat sich verändert: Ich lehre an einer Hochschule. Die Krise gibt uns die einmalige Gelegenheit, unbürokratisch neue Formen der Lehre auszuprobieren. Was sich bewährt, wird auch nach der Krise beibehalten. Was nicht funktioniert, macht uns kein Kopfzerbrechen, da uns durch die Ausnahmesituation niemand böse sein wird. Auch mein Privatleben hat sich gebessert. Vor der Krise habe ich oft nur zweimal in der Woche Zeit gefunden, um mich mit Freunden zu treffen. Durch die Krise ist es normal geworden, sich abends einfach online auf ein Bier oder ein Spiel zu verabreden. Dazu muss niemand aus dem Haus oder lange Wege auf sich nehmen. Es fühlt sich an, wie wieder in einer WG zu wohnen. Sogar Freunde, die weggezogen sind, sind jetzt wieder Teil meines Alltags. Mit Skype und Zoom sind alle Freunde gleich nah oder weit weg. Natürlich sehe ich auch die negativen Seiten der Krise. Meine Mutter lebt seit dem Tod meines Vaters vor zwei Jahren allein. Sie ist durch die Krise sehr einsam und ich traue mich nicht, sie zu besuchen. Auch bin ich mir bewusst, dass viele andere Menschen aus unterschiedlichsten Gründen unter der Krise leiden. Selbstverständlich werde ich also mit allen anderen feiern, wenn die Krise vorbei ist. Aber bis dahin werde ich das genießen, was an der Krise gut ist.
Trotz Kurzarbeit mit den einhergehenden Sorgen um die finanzielle Situation genieße ich es, nichts zu müssen. Das Weniger-Dürfen nehme ich kaum wahr oder sehe es als Chance, mich Dingen zu widmen, auf die die Kontaktbeschränkungen kaum oder keinen Einfluss haben, wie Wohnung renovieren, ausgiebige Spaziergänge mit dem Hund und, ja, Nichtstun. Vor allem komme ich so zu Dingen, für die ansonsten kaum Zeit oder Muße da wären. Ich denke, dass dieser positive Stimmungstrend ein starkes Indiz dafür ist, wie sehr die ganze Gesellschaft profitieren würde, wenn in Zukunft nicht nur das Homeoffice für viel mehr Menschen ermöglicht würde, sondern auch das generelle Arbeitspensum reduziert würde.
Ich habe Familie und muss nicht mehr Feiern gehen. Die Erwartungshaltung meines sozialen Umfelds hat sich verändert. Man kann sich reinen Gewissens über Wochen zurückziehen. Für ein Wochenende mit Couch, Terrasse und Garten braucht es keine lahmen Ausreden mehr. Ich fühle mich wie befreit vom gesellschaftlichem Druck. Außerdem werde ich nicht mehr mit bombastischen Urlaubsbildern überflutet, die leider doch oft Fernweh wecken. Heute ist mein großer Garten mit dem kleinen Streichelzoo und den Spielgeräten ein Paradies, für das ich beneidet werde. Früher belächelt.
Ich bin Psychotherapeutin und als solche zwangsläufig mit den Folgen von Corona auf das Seelenleben der Menschen konfrontiert. Meine Patienten halten sich gut. Kaum eine/r reagiert panisch, paranoid oder selbstsüchtig. Ganz im Gegenteil. Manchmal scheint es so, als ob eine Außenbedrohung den Kampf mit den eigenen, inneren »Dämonen« abmildern kann, weil der Fokus woanders liegt. Was eben durchaus auch entlasten kann. Gerade wird ein ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entdeckt, und das tut gut. Viele meiner Patienten gehören zu den High-Performern, die im Lockdown eher zur Ruhe kommen, weil die abendliche Qualitytime (montags Yoga, dienstags Gitarre, mittwochs Trommelgruppe,…) nicht mehr stattfinden muss. Sie können schuldfrei Serien gucken. Sie erholen sich regelrecht. Andere leiden: die jungen Mütter mit Kindern im Homeoffice, die nun gar keinen selbstgestellten Ansprüchen mehr gerecht werden können. Die ADHS-Patienten, die ohne eine feste Struktur schlecht über den Tag kommen. Sie geraten unter immense Spannung, die sich ungut entladen kann. Natürlich leiden die Kleingewerbetreibenden unter existentieller Not, gegen die auch Psychotherapie wenig ausrichten kann. Dafür beanspruchen derzeit Menschen Hilfe, die sich die sonst nicht gestatten. Mir selbst geht es übrigens auch sehr gut. Ich habe aber auch keine wirtschaftlichen Sorgen und einen Garten. Ich freue mich, mit und für Menschen zu leben und zu arbeiten und zu sorgen. Ich erlebe es als ungeheure Entlastung, dass wir nicht so große Angst speziell um unsere Kinder haben müssen. Ich liebe den blauen Himmel. Den provozierend üppigen, gutgelaunten Frühling. Ich bin so dankbar wie schon lange nicht mehr.
Ich bin in 100 Prozent Kurzarbeit und genieße die Zeit mit meiner Familie bei dem schönen Wetter im Garten sehr. Im Moment ist noch keine Angst vor Kündigung vorhanden und mit Zweidrittel des Gehaltes lässt es sich auch sehr gut leben. Es fallen im Gegenzug zum Beispiel Fahrtkosten weg und wir gehen nicht mehr Essen, wir haben ja auch mehr Zeit zum guten Kochen. Außerdem mache ich viel mehr Sport als sonst im Alltag.
Ich kann zwar weder Ausschlafen noch zu Hause bleiben, da müsste mein Homeoffice ‘nen Fünf-Tonnen-Kran und Hunderte Quadratmeter haben. Aber wissen Sie, wie geil das ist, von Spardorf nach Erlangen Süd über den Siglitzhof mit dem Bike auf die Arbeit zu fahren? Um 6 Uhr früh? Momentan ist alles frei, keiner unterwegs… Meine Durschschnittsgeschwindigkeit momentan ist 28,4 km/h, Höchstgeschwindigkeit 52 km/h. Kein E-Bike. Mittags nach Hause klappt das leider schon nicht mehr: Es sind viel mehr Fußgänger unterwegs wegen des schönen Wetters.
Corona-Zeit ist für mich auch eine Zeit geworden, zur Ruhe zu kommen. Die Arbeit läuft voll weiter, aber ich habe wesentlich weniger private Termine. Ich kann Wichtiges von Unwichtigem besser unterscheiden. Auch das Frühlingswetter habe ich viel intensiver wahrgenommen, da auch mehr Zeit für den Garten blieb. Und ich habe angefangen, regelmäßig Bibel zu lesen: das Markus-Evangelium, die Apostelgeschichte, den Jakobusbrief, das Johannes-Evangelium, den Römerbrief,… ein paar geschichtliche Bücher im Alten Testament, Genesis, Exodus, Könige, Chronik,… auch die Psalmen, wenigsten einen Psalm am Tag oder mehr. Wie es sich ergibt.
Wir genießen den Wegfall diverser Verpflichtungen einerseits und andererseits das Verständnis für Probleme. Vor Corona hätte ich niemals ein Betreuungsdefizit der Kinder zugegeben, um mal eine Stunde früher nach Hause zu gehen – heute ist das selbstverständlich möglich. Das genieße ich sehr. Wir versuchen auch, den guten alten Wocheneinkauf wiederzubeleben und kaufen nur noch an einem bestimmten Tag der Woche ein – das spart Zeit und Geld. Früher habe ich oft spontan Lust auf irgendwas Bestimmtes gehabt und dann schnell nochmal eben was eingekauft. Meist war es zu viel und ist im Kühlschrank schlecht geworden. Das passiert jetzt weniger. Es wurde so viel über die Notwendigkeit von Struktur gesprochen, vielleicht geben Wocheneinkäufe oder Familienausflüge auch uns Erwachsenen etwas Struktur. Wir sind durchaus auch im Stress, die Kinderbetreuung, Homeoffice und 30 Stunden außer Haus bei meinem Partner unter einen Hut zu bekommen, aber gerade deshalb nehmen wir uns nun bewusst gemeinsame Aktivitäten vor. Das tut gut! Und natürlich ist uns auch bewusst, wie privilegiert wir in vielerlei Hinsicht sind.
Wir sind auch alle im Homeoffice beziehungsweise Homeschooling und genießen diese Situation. Es fühlt sich alles wieder nach Leben an, nicht mehr nur nach ewiger Hetze und Fremdbestimmung. Ich hoffe inständig, dass wir ein Recht der Arbeitnehmer auf Homeoffice bekommen. Es ist für uns ein immenser Gewinn an Lebensqualität. Zudem entfallen viele private Termine und Aktivitäten, die Pflichtübungen waren und eher gestresst haben. Stichworte sind also wirklich Entschleunigung und mehr Selbstbestimmung. In den Berufen von mir und meinem Mann ergibt sich daraus kein Einkommensverlust. Warum auch? Gefühlt und in einigen Studien auch untersucht korreliert Homeoffice positiv mit der Produktivität. Wenn sich bei uns ein deutliches Mehr an Homeoffice und weniger Außenterminen verfestigen lassen sollte, würde wir am liebsten sogar ein Auto abschaffen und ein E-Bike mit Anhänger kaufen fürs Einkaufen. Wir wohnen ländlich. Aktuell sparen wir deutlich an Kraftstoff, unsere Autos stehen halt fast nur rum. Das Recht auf Homeoffice halte ich deshalb für so wichtig, weil es die Arbeitnehmer in eine ganz andere Verhandlungsposition versetzt.
Bei mir musste der introvertierte Anteil berufsbedingt lange Jahre in den Hintergrund treten. Nach einem Auslandsaufenthalt musste ich zu Hause in Quarantäne, dann kamen Auflagen zur sozialen Distanz und eine geplante, längere Urlaubsvertretung entfiel. Ich kann kaum beschreiben, wie selig ich war, als alles abgesagt wurde. Tatsächlich war ich erstaunt, wie erleichtert, gelöst und befreit ich mich fühlte. Ich war mir gar nicht gewahr, dass mein Stille- und Distanzbedürfnis so groß waren. Natürlich ist es auch leicht, weil ich ein Stück weit regulieren kann, wie weit die Distanzierung geht. Und ich bin so dankbar, hier in Deutschland zu leben: Was für ein Glück, sozial abgefedert zu werden. Früher habe ich ein paar Jahre in den USA gelebt. Kein Vergleich.
Ich habe die richtige Frau geheiratet und bin vom richtigen Kater »eingestellt« worden, mit denen ich wochenlang auch auf 77 Quadratmeter gerne Zeit verbringe. Und da die Töchter mich zur Zeit nicht als Geldautomaten brauchen, habe ich sogar was gespart.
Als selbständiger »Versicherungsonkel« bin ich Homeoffice gewohnt. Und da sich die Maßnahmen der Regierenden auf Medizin, Wissenschaft Forschung stützen, habe ich keine unguten Gefühlslagen. Positiv sehe auch ich die Entschleunigung des Alltags. Telefonate und Mails häufen sich, aber Kundenbesuche entfallen aus naheliegenden Gründen. Zwei Monate halte ich das wirtschaftlich noch durch. Als sehr positiv empfand ich die Zeit, Keller und Garage aufzuräumen. Der Garten ist mit Ausnahme unseres Biotops (150 Quadratmeter speziell für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge) ein Augenschmaus. Diese Tätigkeit hat mir eine innere Ruhe verschafft, die zuvor kaum möglich war. Die Familie ist zusammengerückt und fragt in der älteren Verwandtschaft, ob etwas einzukaufen oder mitzubringen ist. Natürlich vermissen wir die Freunde, wie auch diesen oder jenen Restaurantbesuch; jedoch wird bei unseren Lieblingsgriechen immer wieder einmal etwas bestellt und geholt.
Wir sind endlich von all dem externen Stress befreit und fühlen uns als Familie wohl miteinander. Homeoffice (der Mann) und Prüfungslernen (ich) ist mit Kindern zwar anstrengend, aber die gemeinsame Zeit, das längere Schlafen und die gemeinsamen Mahlzeiten tun uns allen gut. Niemand erwartet uns dringend, es gibt keinen Klavier-, Gitarren- oder Ballett-Unterricht. Wir stellen jetzt fest, wie gestresst wir zuvor durch unser Leben gehastet sind. Und um ehrlich zu sein: Ich bin unsicher, ob ich es gut finde, wenn das Hamsterrad als Familie mit drei Kindern wieder neu startet. Die jetzige Entschleunigung hat sehr viele positive Aspekte. Allerdings ist mir unser Privileg mit zwei sicheren Einkommen sehr bewusst. Da kann man sich zurücklehnen, wo andere zittern müssen. Gerechtigkeit sieht anders aus.
Ich wurde mit Ende 30 wegen einer chronischen Erkrankung berentet und lebe seit 20 Jahren von einer Rente auf Harz IV-Niveau. Dadurch ändert sich nichts in Bezug auf Restaurant-Besuche, Reisen und Shopping. Das habe ich mir längst abgewöhnt. Isoliert lebe ich ohnehin. Einen Job und Kinder habe ich nicht. Es geht mir also in vielerlei Hinsicht nicht schlechter, sondern eigentlich wie immer. Ich denke, ich komme mit der derzeitigen Situation besser klar als viele andere, weil ich längst gelernt habe, mit dem Alleinsein umzugehen und viel mit mir anzufangen weiß. Was ich wirklich zu schätzen weiß, ist der mäßige Auto- und Flugverkehr, die bessere Luft und auch, dass es weniger Gedrängel und Geschubse im Supermarkt gibt.
Als Transperson mit HIV sind mir manche Ängste, die andere erst seit Corona erfassen, sehr vertraut: die Furcht, nach draußen zu gehen; das Stigma, ansteckend zu sein. So gesehen fühle ich mich besser als die meisten Menschen. Gerade bin ich zurück im Nordosten Brasiliens, wo es in den letzten Jahrzehnten mehrere Epidemien gab. Ich hatte mal Dengue und war irgendwie resistent gegen das Chikungunya-Virus. Freunde und Familie leiden daran, unabhängig von Corona. Ich würde also sagen, dass die Apokalypse für mich schon viel früher begann – und dass trans und kolonialisierte Körper schon immer bereit waren für den Kollaps. Ich habe zum Beispiel eine Community, in der man regelmäßig nach der anderen Person fragt und einander unterstützt. Zusammen bleiben wir stark. Ich fühle mich deswegen auch nicht einsamer als sonst.
Unsere Autorin Viktoria Morasch hat einige der Leserinnen und Leser besucht. Lesen Sie hier ihre Reportage "Warum so glücklich?".
Für Mia war das Leben vor Corona laut. Sie ist Autistin, für ihr empfindliches Gehirn bedeutet die Ruhe dieser Tage viel, schreibt sie.
Auch Malin, Konditorin aus München, fühlt sich besser. Seit die Cafés und Restaurants schließen mussten, ist sie in Kurzarbeit und berichtet, sie habe plötzlich mehr Zeit für ihren Partner und ihre Hobbys. Sie fühle sich frei.
Ein Leser, der anonym bleiben möchte, schreibt, er sei in der Isolation von Drogen weggekommen. Er kümmere sich jetzt besser um sich selbst, lese mehr, mache Sport.