Für Mia war das Leben vor Corona laut. Sie ist Autistin, für ihr empfindliches Gehirn bedeutet die Ruhe dieser Tage viel, schreibt sie. 

Auch Malin, Konditorin aus München, fühlt sich besser. Seit die Cafés und Restaurants schließen mussten, ist sie in Kurzarbeit und berichtet, sie habe plötzlich mehr Zeit für ihren Partner und ihre Hobbys. Sie fühle sich frei.

Ein Leser, der anonym bleiben möchte, schreibt, er sei in der Isolation von Drogen weggekommen. Er kümmere sich jetzt besser um sich selbst, lese mehr, mache Sport.

Und Phillip freut sich, nicht mehr "die Vollidioten aus der Schule" sehen zu müssen. Er werde nun weniger homophob beleidigt.

Über 1.000 Einsendungen haben uns auf unsere Frage erreicht, ob es Ihnen seit der Corona-Pandemie besser gehe. Zuvor hatte sich in unserer täglichen Stimmungsumfrage "Wie geht es Ihnen?" eine für uns erstaunliche Entwicklung abgezeichnet: Seit das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, haben deutlich mehr Leserinnen und Leser als sonst angegeben, dass es ihnen gut gehe.

Wie entwickelt sich die Stimmung langfristig?

So veränderte sich das Grundgefühl der LeserInnen in den letzten Wochen:

Es ist das erste Mal seit dem Start der Umfrage vor drei Jahren, dass die sich die Stimmung unserer Leserinnen und Leser über eine längere Zeit verändert hat. Waren vor Corona im Schnitt 66 Prozent der Befragten gut gelaunt, sind es seit Mitte März mehr als 74 Prozent. Am 25. März, also mitten im Shutdown, gaben sogar fast 78 Prozent an, es gehe ihnen gut. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es am gleichen Tag 62 Prozent. 

Die Ergebnisse hatten uns überrascht, schließlich hört man in Zusammenhang mit der Pandemie meist von überarbeiteten Ärztinnen und Pflegern, von Kündigungen oder Kurzarbeit, von überforderten Eltern, vollen Flüchtlingsunterkünften, häuslicher Gewalt, Krankheit, Einsamkeit und Tod. Erleben viele unserer Leserinnen und Leser die Krise womöglich ganz anders, fragten wir uns. Zeigt sich in unseren Daten womöglich das Privileg einiger weniger, die ohne Gehaltsabstriche im Homeoffice arbeiten können und von den negativen Folgen der Krise bislang weitgehend verschont blieben?

Weltweit ähnliche Entwicklung

Inzwischen zeigen auch andere, repräsentative Befragungen eine ähnliche Entwicklung, etwa jene der Universität Konstanz oder des Covid-19 Snapshot Monitoring, kurz Cosmo. Auch in anderen Ländern beobachten Wissenschaftlerinnen, dass sich Menschen im Lockdown besser fühlen, etwa das Team um die Psychologin Daisy Fancourt am University College London. 

Demnach ging es 74.000 befragten Briten unmittelbar vor dem Lockdown erst schlechter. Dann stieg das Wohlbefinden an und das allgemeine Angstniveau fiel – sowohl bei psychisch gesunden wie auch bei psychisch kranken Menschen. Psychotherapeutinnen berichten, dass sie bei Patienten mit Depressionen oder Angststörungen eine Erleichterung der Symptome feststellen. Nicht nur unserer Leserschaft scheint es also ganz okay oder sogar besser zu gehen.

Alte Stimmungslage kehrt mit Lockerungen zurück

Unklar ist, ob die positive Stimmung anhalten wird. Mag sein, dass sich in den Daten auch der anfängliche Trotz derer zeigt, die ausdrücken wollen, dass es ihnen angesichts der krisenhaften Weltlage verhältnismäßig gut geht. Gut möglich, dass die Stimmung bald in die andere Richtung kippt, wenn die Pandemie andauert und Deutschland in eine Rezession rutscht. Seit die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen gelockert wurden, nähert sich das Verhältnis zumindest wieder langsam dem alten Gleichgewicht.

Gut möglich also, dass wir auf die ersten Wochen der Pandemie bald blicken werden wie auf einen Traum, in dem ganz vieles furchtbar, einiges aber auch besser war. Was genau, das wollen wir Ihnen anhand einiger Leserantworten zeigen. Sie sind weder repräsentativ noch vollständig, sondern ausgewählte Momentaufnahmen aus sehr unterschiedlichen Haushalten. Die meisten Menschen, die uns geantwortet haben, genießen die Zeit im Homeoffice, ohne oder mit nur geringen Gehaltseinbußen. Manche hatten sich in ihren Büros unwohl gefühlt, andere waren zuvor gependelt und sparen sich nun den langen Arbeitsweg. Für sie hat sich das Leben gefühlt entschleunigt. Aber auch Menschen, die nun in Kurzarbeit sind oder als Selbstständige um Aufträge bangen, konnten in der Krise Vorteile erkennen.

Doch lesen Sie selbst.

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In unserer Blase geht es uns gut.
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Anonyme Mutter, 33, Aachen
Was sind bis zu zehn Stunden harter, körperlicher Arbeit im Vergleich zur Freiheit jetzt?
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Malin, 27, München
Ich arbeite auf einer Covid-Intensivstation, alle halten zusammen.
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UserIn Charles Dickens
Unser Geschäft explodiert.
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Anonym, männlich, 37, Braunschweig
Ich würde sogar Kurzarbeit begrüßen.
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NorbertK, 30, Ingolstadt
Als Autistin hat mich der Alltag vorher gestresst.
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Mia Meier, 26, Mainz
Auf einmal ist es okay, wenn es mal nicht perfekt ist.
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Julia, Studentin, 24, Münster
In normalen Zeiten sitze ich meine Zeit manchmal nur ab.
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Grit, 53, Berlin
Man muss nicht mehr besser als die männlichen Kollegen sein.
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LeserIn Waldsee
Meine Beziehung zu meinem Freund ist inniger.
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Malena, Musikerin, 34, Berlin
Ich kann das Grab meiner Mutter wirklich schön herrichten, nicht nur zeitsparend.
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LeserIn Baumstamm30
Es gibt zwar kein Gehalt, aber man kann es so oder so nicht ausgeben.
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UserIn Vincent_Vega
Ich habe ironischerweise mehr soziale Kontakte.
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Marvin, 27, Hamburg
Zwischenmenschliche Begegnungen sind freundlicher geworden.
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LeserIn Sancho Panza, 69
Unter Menschen gehen bereitet mir Schwierigkeiten, jetzt darf ich das auch nicht mehr.
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Anonyme Leserin, 61, Osnabrück
Der Druck als Single fällt weg.
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Mika, 40, Schleswig-Holstein
Endlich stehen nicht mehr nur die coolen Akademiker im Fokus.
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Elli, 27, Sachsen
Finanziell ist die Krise eine Katastrophe, meine Lebensqualität hat jedoch zugenommen.
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Anonymer Leser, selbstständiger Handwerker, 49, Siegen
Ich hatte Angst, dass meine Depression zurückkommt. Das Gegenteil ist der Fall.
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Doreen K., 28, Stuttgart
Es ist einfach okay, allein zu sein.
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Student, 20, Mecklenburg-Vorpommern
Viele Fächer, die nicht so relevant fürs Abitur sind, sind entfallen.
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Michal, 20, Sachsen
Ich hoffe, dass ich vollständig und nachhaltig genesen kann.
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Sebastian, 42, Hannover
Wir erwarten ein Kind!
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Ina, 24, Stuttgart
Ich fühle mich meinen »Fern-Freunden« so nahe wie schon lange nicht mehr.
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Anonyme Leserin
Der Stillstand war dringend notwendig.
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Anonym
Ich bin nicht allein damit, krank zu sein.
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Anomym
Es gibt keine beeindruckenden Reisefotos mehr auf Instagram.
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LeserIn Feminist
Ich habe noch nie so viel Hilfsbereitschaft erlebt.
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Julika
Ich bin stolz, als Alleinerziehende Homeoffice mit Kind zu managen.
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Lena
Die Gespräche sind tiefsinniger geworden.
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Nike
So zeitig war mein Mann noch nie zu Hause.
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Anonyme Leserin
Ich konnte einige Aufgaben an meinen Mann abgeben.
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Mamalina
Ich bin alleinerziehend, meine Jungs und ich genießen die viele Zeit zusammen.
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Jule
Ich habe mich verliebt.
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Phi
Ich fühle mich mit meinem Krisendenken weniger einsam.
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Karoline K.
Ich werde nicht mehr homophob beleidigt.
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Phillip
Ich kann unsere Hochzeit ohne schlechtes Gewissen klein und unspektakulär feiern.
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Ainen Mertens, 31, Köln
Unsere Kinder sind erstaunlich diszipliniert.
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Anonym
Ich kann endlich wieder besser schlafen.
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Anna
Als die Jobcenter schlossen, war das eine Erleichterung.
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Daniel S.B.
Obwohl ich in Kurzarbeit bin, habe ich mehr Geld zur Verfügung.
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S.
Das Wunschgewicht ist fast wieder erreicht.
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U.M.
Es tut gut, mir wieder zu holen, was ich in den letzten Jahren von mir verloren hatte.
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Werner
Die Corona-Krise ist eine Zwangsmaßnahme für alle, die sich selbst ausbeuten.
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Marcello
Kein tägliches U-Bahn-Fahren, kein morgendlicher Regenschirmkampf, keine kalten Pumps-Füße
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Anneli
Mit Skype und Zoom sind alle Freunde gleich nah oder weit weg.
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H. Betz, Ulm
Trotz Kurzarbeit genieße ich es, nichts zu müssen.
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Nordschweizer
Früher wurde ich für meinen Garten belächelt, heute beneidet.
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Landei
Vielen meiner Patienten geht es gut.
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Daniela F.
Ich bin in 100 Prozent Kurzarbeit und genieße die Zeit mit meiner Familie.
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LeserIn Nachbarschaftshelfe
Wissen Sie, wie geil das ist, mit dem Fahrrad über leere Straßen zur Arbeit zu fahren?
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LeserIn Entenschorsch
Ich habe angefangen, regelmäßig in der Bibel zu lesen.
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LeserIn Valery S.
Vor Corona hätte ich niemals ein Betreuungsdefizit der Kinder zugegeben.
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LeserIn Shari
Wir würden am liebsten ein Auto abschaffen.
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Susi Sorglos
Ich kann kaum beschreiben, wie selig ich war, als alles abgesagt wurde.
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Fool of a Tork
Die Töchter brauchen mich nicht mehr als Geldautomaten.
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UserIn Gerry10
Die Familie ist zusammengerückt.
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UserIn FelixPeter
Wir stellen fest, wie gestresst wir zuvor durch unser Leben gehastet sind.
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UserIn Pepplau
Ich komme besser klar als andere, weil ich längst gelernt habe, mit Alleinsein umzugehen.
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UserIn Grottenolma
Als Transperson sind mir die Ängste, die andere erst seit Corona erfassen, nicht neu.
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Lux Venérea, 29, Berlin

Unsere Autorin Viktoria Morasch hat einige der Leserinnen und Leser besucht. Lesen Sie hier ihre Reportage "Warum so glücklich?".