Um Gottes willen – Seite 1

Noch fließt der Verkehr zwischen Tel Aviv und Bnei Brak, zwischen Israels weltoffener Metropole und seiner überwiegend von Ultraorthodoxen bewohnten Vorstadt. Dicht an dicht gebaute Wohnblöcke mit Dutzenden Kinderwagen im Hauseingang, Synagogen, koschere Geschäfte säumen die Straße, die demnächst mit Gattern und Checkpoints abgeriegelt wird. Bnei Brak steht ganz oben auf der Liste der roten Städte, den 40 Corona-Hotspots. Ab Ende dieser Woche soll deshalb ein Lockdown gelten, zumindest fordert das die Regierung. Aber die hat in Bnei Brak generell nicht viel zu sagen.

Zwölf Prozent der knapp neun Millionen Israelis gehören zu den Haredim, den Gottesfürchtigen, wie man die Ultraorthodoxen nennt. Nirgendwo in Israel leben so viele von ihnen wie in Bnei Brak. Die am dichtesten bevölkerte Stadt des Landes mit 185.000 Einwohnern bietet ideale Bedingungen, damit sich Covid-19 unkontrolliert ausbreiten kann. In Bnei Brak wohnen nur halb so viele Menschen wie in Tel Aviv – die Zahl der registrierten Fälle hier ist aber doppelt so hoch. Durch die lokalen Ausbrüche in den ultraorthodoxen Gemeinschaften droht die Pandemie in Israel außer Kontrolle zu geraten. Bisher jedoch wehren sich die Strengreligiösen gegen neue Ausgangssperren. Warum ist der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen ausgerechnet bei ihnen so groß?

"Ich glaube, das hat drei Hauptgründe", sagt Netanel Ben Ari und lotst das Auto durch das Zentrum von Bnei Brak. Ben Ari ist Mitte 30, ein nachdenklicher Mann, der ein tiefes Wissen über die Haredim hat. Ben Ari wurde in Bnei Brak geboren, wohnt mittlerweile aber in Haifa. Vor zehn Jahren hat er die ultraorthodoxe Gemeinschaft verlassen und er möchte nicht, dass jeder, der seinen Namen googelt, sofort auch seine Geschichte finden kann. Die Situation in Bnei Brak analysiert er deshalb unter Pseudonym. "Erstens geht es hier um die Frage, was ein Leben lebenswert macht. Für die einen ist das der Besuch in einem Café, für die Ultraorthodoxen ist das die Teilnahme am gemeinsamen Gebet", sagt Ben Ari. "Zweitens herrscht innerhalb der Gemeinschaft ein großes Misstrauen gegenüber staatlichen Autoritäten. Und Drittens gibt es innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinde Konflikte und keinen einheitlichen Umgang mit der Pandemie."

Viele sind nicht mehr in die Schulen zurückgekehrt

Es ist heiß an diesem Montagvormittag, um 11 Uhr zeigt das Thermometer im Auto eine Außentemperatur von 37 Grad. In der Tiefgarage eines Bürokomplexes kommt der Wagen zum Stehen, Ben Ari zieht ein langes Hemd über das ärmellose Shirt an und der selbst genähte Mundschutz wird gegen eine FFP3-Maske ausgetauscht. Ben Ari hat einen Termin mit Jehuda Eisikovits vereinbart, eine Art Sprecher der Ultraorthodoxen. Vor Corona brachte Eisikovits Delegationen aus Deutschland und anderen EU-Staaten nach Bnei Brak. Den heutigen Besuch empfängt er auf der Dachterrasse.

"Das ist hier das ultraorthodoxe WeWork von Bnei Brak", sagt der gebürtige New Yorker und sucht einen Tisch in einer schattigen Ecke. Drinnen arbeiten zwei junge Männer mit Schläfenlocken an ihren Computern, hier draußen raucht ein Mann mit großem Hut und Trenchcoat eine Zigarette. "Wenn man uns sieht, könnte man glauben, dass wir in einer Schwarz-weiß-Welt leben", sagt Eisikovits, der wie alle hier schwarze Anzughose und weißes Hemd trägt. "Aber wir sind längst nicht so homogen, wie man denkt."

Eisikovits ist 42 Jahre alt, verheiratet und Vater von fünf Kindern, das ist wenig in der Welt der Haredim. 7,2 Kinder bekommt eine haredische Frau durchschnittlich, Familien mit zehn bis zwölf Kindern sind durchaus normal. Eisikovits erklärt, dass er überhaupt mit der Reporterin spreche, liege daran, dass er eher zu den moderneren Strengreligiösen gehöre. Wie weit seine Vorstellungen im Umgang mit Corona aber von den Vorgaben des Gesundheitsministeriums seines Landes entfernt sind, wird klar, als es um die Öffnung der Talmudschulen, den Jeschiwots geht. 

"Es war fatal, die Schulen zu schließen", sagt Eisikovits. Der Besuch der Talmudschulen gehört für die haredischen Jungen und Männer zum wichtigsten Bestandteil des religiösen Lebens. Nach sechs Monaten Corona-Pause waren die 150 Jeschiwots in Israel mit insgesamt 25.000 Schülern vergangene Woche wieder geöffnet worden. Seitdem wurden bereits Hunderte neue Fälle registriert. Für Eisikovits aber ist eine andere Zahl viel gravierender: "Unzählige Schüler sind nicht zurückgekehrt. Die Zeit ohne Unterricht hat dafür gesorgt, dass sie sich weltlichen Dingen, dem Internet, einem Job zuwenden. Für uns ist das ein nicht wiedergutzumachender Verlust."

Eisikovits gehört, wie früher auch Ben Ari, der Gruppe der Litauer an, neben den Hassidim die wichtigste Strömung der Haredim. Religiöser Führer der Litauer ist der Rabbiner Haim Kanievsky. Der 92-Jährige ist die oberste Autorität, und damit die wichtigste Instanz bei allen Fragen, wie die Gemeinschaft mit Corona umgehen soll. Nach anfänglichem Protest wies der einflussreiche Rabbiner seinen Gläubigen Mitte März an, die Maßnahmen der Regierung zu befolgen und zu Hause zu bleiben. Vor allem in Bnei Brak aber hielten sich viele der Haredim weiterhin nicht an die Auflagen, fanden große Gebete und Hochzeiten statt. 

"Wir halten das alles ein"

"Natürlich ist das nicht richtig, aber in Jerusalem gehen seit Monaten Tausende demonstrieren und da sagt auch keiner etwas", sagt Eisikovits und erklärt, was für alle Ultraorthodoxen das Leben mit Corona bedeutet. "Wir fragen uns nicht, warum es das Virus gibt. Warum gab es den Holocaust? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass wir unser Leben weiterleben müssen. Wenn das bedeutet, dass einige von uns sterben, dann müssen wir das akzeptieren."                

Mit mehr als 3.000 neuen Corona-Fällen pro Tag führt Israel aktuell die Liste mit den meisten Neuinfektionen gemessen an der Einwohnerzahl an. Tatsächlich treiben vor allem die lokalen Ausbrüche die Zahlen nach oben. Von den 1.300 Menschen, die bereits an den Folgen von Covid-19 verstorben sind, gehören überdurchschnittlich viele zu den Haredim. Besonders betroffen sind zudem die Städte der arabischen Israelis. Es gibt Parallelen zwischen beiden traditionell konservativen Gruppen und sogar Gemeinsamkeiten mit den Corona-Leugnern, wie sie derzeit in Deutschland auf die Straße gehen: Unter allen Gruppen herrscht großes Misstrauen gegen die politische Elite, alle Gruppen fühlen sich von der Regierung diskriminiert und in ihren Freiheiten beschnitten. Der große Unterschied zwischen Berlin und Bnei Brak liegt in der Glaubensfrage. Die einen glauben an die große Weltverschwörung und Impfzwang. Die anderen glauben allein an Gott.

Auf einem abgelegenen Hügel in Bnei Brak liegt die renommierteste Talmudschule der Haredim, die Ponovezh Jeshiwa. Vom Glanz der Schule ist von außen wenig zu sehen. Der schlichte Campus mit einem großen, sandbraunen Hauptgebäude und mehreren, gleichfalls sandbraunen Wohnheimen auf der anderen Straßenseite wird ausschließlich von ultraorthodoxen Schülern bewohnt. Viele der Fenster sind mit schwarzem Plastik abgeklebt, neugierige Blicke können so nicht durchdringen.

Maskenträger und Maskenverweigerer

Offiziell darf der Unterricht an den Talmudschulen nur unter strengsten Auflagen stattfinden. In Kapseln, mit Plexiglas abgetrennten Kabinen, lernen die Schüler in Kleingruppen zusammen, dürfen das Schulgelände nicht verlassen, müssen sich regelmäßig Tests unterziehen. Ben Ari spricht mit drei Jugendlichen, die im Schatten einer baufälligen Halle gegenüber dem Hauptgebäude stehen. "Wir halten das alles ein", beteuern sie, die auch zu den Litauern gehören, und erzählen, warum sie seit einer Weile nicht mehr im Hauptgebäude lernen. Einige der anderen Schüler würden die Regeln ignorieren. "Deshalb betreten wir das Haus und den Speisesaal nicht mehr."

Der Kontrast zwischen beiden Straßenseiten ist augenfällig. Dort, wo die Gruppe der Jungs im Schatten steht, sind nur Schüler mit Mundschutz zu sehen. Gegenüber, auf den Stufen und Balkonen des Hauptgebäudes, laufen ausschließlich Jugendliche ohne Maske herum. Vor dem Speisesaal, einem am Hauptgebäude angebauten Flachbau, unterhalten sich drei Männer Anfang 20. Ben Ari lässt das Autofenster herunter, spricht kurz mit den Studenten auf Hebräisch: "Sie sagten, sie gäben ihr Bestes, um die Regeln einzuhalten, hielten aber insgesamt nichts von dieser Regierung, und du hast ja gesehen, dass keiner von ihnen eine Maske trägt."   

Die Haredim wählen traditionell rechts und genießen großen politischen Einfluss. Der wegen Korruption angeklagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist auf die Unterstützung der ultraorthodoxen Parteien angewiesen und macht ihnen auch während der Corona-Krise immer wieder Zugeständnisse. Seit Wochen fordern Gesundheitsexperten und Mitglieder des Corona-Rates der Regierung strengere Maßnahmen für die ultraorthodoxen Gemeinden und Ortschaften. Bislang jedoch knickte Netanjahu jedes Mal vor den Drohungen der haredischen Autoritäten ein. Je stärker die Infektionszahlen steigen, desto mehr wird der Konflikt zwischen Regierung und Haredim zum Kräftemessen. Die Pandemie offenbart, wie wenig Kontrolle der Staat über die religiöse Minderheit hat.

Der Ausflug nach Bnei Brak endet in einem Straßencafé außerhalb der Stadt. Während hier die Menschen ihre Sandwichs essen, bauen ein paar hundert Meter weiter Grenzpolizisten Gatter und Checkpoints auf: Netanjahu hat erneut den Ultraorthodoxen nachgegeben – statt des Lockdowns gibt es nur eine nächtliche Ausgangssperre von 19 bis 5 Uhr.