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Was war das bisher für ein seltsames Jahr in Europa. Einerseits waren wir uns so nahe wie noch nie. Ob in Helsinki, Paris, Warschau oder Berlin: In allen Ländern erlebten die Bürgerinnen und Bürger fast zur gleichen Zeit, wie die Pandemie den Alltag veränderte. Fast jeder Europäer und jede Europäerin kennt heute jemanden, der das Corona-Virus hatte, viele haben Angehörige und Freunde an die Krankheit verloren. Fast jeder weiß, wie Social Distancing Beziehungen beeinflusst, wie Schulschließungen den Familienalltag erschweren. Und doch hat uns diese Pandemie auch entfremdet. Die wichtigen, teilweise kontroversen Entscheidungen zur Corona-Bekämpfung fielen auf nationaler Ebene, nicht in Brüssel. Und wegen der Reisebeschränkungen und Grenzkontrollen sind wir abgeschottet wie lange nicht mehr. Selbst während der Sommerferien konnten wir uns oftmals nicht besuchen, um über das neue Leben in einer globalen Pandemie zu sprechen.

Wann, wenn nicht jetzt, müsste Europa mit sich ins Gespräch kommen?

Deshalb hat ZEIT ONLINE gemeinsam mit Medienpartnern aus 15 Ländern Europa spricht entworfen – eine Plattform, auf der sich politisch Andersdenkende aus ganz Europa zum virtuellen Vieraugengespräch treffen können. Seit Anfang Oktober finden Sie auf den Seiten von ZEIT ONLINE und den europäischen Partnermedien eine kleine Box. Darin stellen wir den Leserinnen und Lesern sieben möglichst kontroverse Ja-/Nein-Fragen, die derzeit in den meisten Ländern Europas – zum Teil hitzig – debattiert werden: Sollte der Schutz der Menschen vor dem Coronavirus immer an erster Stelle stehen, selbst wenn die Wirtschaft darunter leidet? Sollte in Europa eine Maskenpflicht an allen öffentlichen Orte gelten? Sollten europäische Städte autofrei sein? Mehr als 16.000 Menschen aus mehr als 30 Ländern haben sich bereits registriert.

Wenn Sie die sieben Fragen beantworten und sich anschließend anmelden, wird sie der Europa-spricht-Algorithmus mit einem anderen Europäer zusammenzubringen, der über diese Fragen ganz anders denkt. Im November stellen wir Ihnen dann Ihre Gesprächspartnerin oder Ihren Partner vor. Sobald Sie beide dem Gespräch zugestimmt haben, können Sie per E-Mail Kontakt zueinander aufnehmen und sich für den 13. Dezember um 15 Uhr zu einem Videogespräch verabreden. Bei der Wahl der Plattform machen wir Ihnen gerne ein paar Vorschläge. Weil Europa spricht zeitgleich in vielen Ländern Europas stattfindet, kann es sein, dass Sie sich mit ihrem Gegenüber auf Englisch verständigen müssen.

Wenn alles nach Plan läuft, werden sich Mitte Dezember einander bislang unbekannte Franzosen und Italienerinnen, Griechen und Slowakinnen, Deutsche und Schweden zum Zwiegespräch treffen. Viele werden vielleicht zum ersten Mal die Gelegenheit haben, nicht nur im eigenen Land, sondern auch über Grenzen hinweg über die Frage unserer Zeit zu debattieren: Wie wollen wir auf Dauer mit und in der Pandemie leben? Und wie könnte eine europäische Antwort auf diese Krise aussehen?

Europa spricht basiert auf einem ZEIT-ONLINE-Projekt, das vor drei Jahren entstand: Deutschland spricht, eine Plattform, die politisch Andersdenkende in Eins-zu-Eins-Gespräche verwickelt. Aus der einstmals kleinen Idee ist mittlerweile die internationale Plattform entstanden, die in immer mehr Ländern der Welt zum Einsatz kommt: in Dänemark, Österreich, den Niederlanden, Italien oder Großbritannien. Mehr als 100.000 Menschen weltweit haben mittlerweile ein politisches Eins-zu-Eins-Gespräch geführt – allein in diesem Jahr meldeten sich mehr als 6.000 Menschen für Deutschland spricht an.

Für Europa spricht haben wir bereits im vergangenen Jahr den Algorithmus so verändert, dass auch grenzüberschreitende Gespräche möglich sind. Mehr als 16.000 Menschen aus 33 Ländern meldeten sich 2019 an, um mit einer anderen Europäerin über striktere Grenzkontrollen, Klimaschutz oder Einwanderungspolitik in Europa zu debattieren. Tausende reisten damals zu Ihrem Gesprächspartner oder ihrer Gesprächspartnerin, rund 500 trafen sich bei einer Auftaktveranstaltung in Brüssel

Joanna Popiołek etwa, eine Universitätsangestellte aus Danzig in Polen, reiste mehr als 1.000 Kilometer, um sich mit Christoph zu treffen, einem Kundenbetreuer aus Deutschland. Beide hatten sich noch nie zuvor gesehen. Während Europa spricht redeten sie fast einen Tag lang über Migrationspolitik und das Verhältnis der EU zu Russland. 

Der Brite Tom Ross und der Deutsche Nils Nehring waren ebenfalls Fremde, bevor sie sich trafen. Weil beide Fußball lieben, wählten sie als Austragungsort jenes historische Spielfeld in Cambridge, auf dem die modernen Fußballregeln erfunden wurden. Sie stritten, vor allem über den Brexit, und berichteten anschließend, die Debatte sei "herrlich" gewesen.  

Die allermeisten Teilnehmer hingegen unterhielten sich schon damals per Videogespräch – was uns zuversichtlich stimmt, dass wir auch in Corona-Zeiten kontroverse und interessante Gespräche initiieren können. 

Damit die Tausenden Gespräche in diesem Jahr möglich werden, kooperiert ZEIT ONLINE mit einem großen Netzwerk an europäischen Medien:  bTV Media group in Bulgarien, Calea Europeana in Rumänien, Delfi in Lettland, de Volkskrant in den Niederlanden, Der Standard in Österreich, Efimerida Ton Syntakton in Griechenland, Expresso in Portugal, France24 in Frankreich, Gazeta Wyborcza in Polen, HotNews in Rumänien, Kapital in der Slowakei, La Repubblica in Italien, LRT.lt in Lithauen, Mirror in Großbritannien, Phoenix in Deutschland, Politiken in Dänemark, Republik in der Schweiz. All diese Medien werden ihren Leserinnen und Lesern in den kommenden Wochen die gleichen sieben Fragen stellen, in der Hoffnung, ihnen interessante Partner und Partnerinnen aus ganz Europa vermitteln zu können.

Mehr Austausch und Streit in Europa ist immer wichtig – zumal es bis heute an einer gemeinsamen Öffentlichkeit mangelt. In der Pandemie aber ist der Streit um den richtigen Weg wichtiger denn je. Er wird darüber entscheiden, wie Europa durch diese Pandemie kommt und wie das Leben in Europa langfristig aussehen wird. 

Werden Sie Teil dieser Debatte – und melden Sie sich an! Beantworten Sie dafür einfach die Fragen in der kleinen Box, die Sie in diesem Artikel finden.