In Berlin hat es im vergangenen Jahr rund tausend antisemitische Vorfälle gegeben. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) erfasste in ihrem am Montag veröffentlichten Bericht rund 13 Prozent mehr Antisemitismusvorfälle als noch im Vorjahr 2019. In knapp 800 Fällen habe es sich um verletzendes Verhalten gehandelt, worunter die Stelle sämtliche antisemitischen Äußerungen gegenüber jüdischen oder israelischen Personen oder Institutionen erfasst. Diese sind nicht immer strafbar. Als verletzendes Verhalten wertet Rias auch antisemitische Beschädigungen oder das Beschmieren nicht jüdischen Eigentums. 

Laut dem Bericht der Organisation stand fast jeder fünfte bekannt gewordene antisemitische Zwischenfall im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Die Auseinandersetzung mit staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stelle eine "vielschichtige Gelegenheitsstruktur für die Artikulation antisemitischer Verschwörungsmythen dar", schrieb Rias in dem Bericht.

Insbesondere auf Demonstrationen seien antisemitische Inhalte propagiert worden. Auf insgesamt 58 Versammlungen wurden antisemitische Inhalte dokumentiert – ein Höchststand seit Beginn der Projektarbeit im Jahr 2019.

Die Zahl antisemitischer Gewaltvorfälle sank den Angaben zufolge um rund ein Sechstel. Antisemitische Gewalt spiele sich immer häufiger im privaten Wohnumfeld der Betroffenen ab, erklärte Rias. In 47 Fällen seien Menschen Opfer antisemitischer Gewalt im persönlichen Wohnumfeld geworden – so viele wie in keinem anderen Jahr seit 2015.

Berliner Politiker äußerten sich besorgt über die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in der Hauptstadt. "Es ist erschreckend, dass antisemitische Vorfälle in Berlin trotz der pandemiebedingt geringeren Mobilität zugenommen haben", sagte die SPD-Vizefraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Susanne Kitschun. Dies gefährde Jüdinnen und Juden in Berlin "sowie unsere Demokratie insgesamt".

Es sei alarmierend, "wie sehr antisemitische Stereotype und Verschwörungsmythen oder auch Shoah-Verharmlosungen im Umfeld von Impfverweigerern und Querdenkern verankert sind", sagte die Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, Cornelia Seibeld (CDU).

Antisemitismus - Schuld sind immer die anderen In der Corona-Pandemie erfahren uralte Ideologien einen Aufschwung. Michael Blume versucht dem als Antisemitismusbeauftragter in Stuttgart etwas entgegenzusetzen. © Foto: Fabian Sommer/picture alliance/dpa

Antisemitismus sei eine konstante Bedrohung für die gesamte Gesellschaft, warnte die Sprecherin für Strategien gegen den Rechtsextremismus der Berliner Grünenfraktion, June Tomiak. Die Pandemie habe Antisemitismus in neuen Dimensionen befeuert und häufig anschlussfähig gemacht. "Wir müssen entschlossen und nachhaltig gegen jeden Antisemitismus kämpfen", sagte Tomiak.

In Berlin ist Rias schon länger aktiv und bekannt, daher gehen deutlich mehr Meldungen von Betroffenen ein als in den anderen Ländern, wo Meldestellen erst seit Kurzem aktiv sind. Derzeit wird nach und nach ein deutschlandweites Netz aufgebaut.