Ellen Kollender
forscht an der Sozial- und Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg und beschäftigt sich unter anderem mit Bildungsungleichheiten, Antidiskriminierungskonzepten und Rassismus in Migrationsgesellschaften.
Selten war das, was hier über Germany’s Next Topmodel (GNTM) geschrieben
wurde, positiv. Das Format zu kritisieren, war in der Vergangenheit auch nicht wirklich
schwer. Kaum eine Sendung bediente sich so explizit und pointiert aus dem
Repertoire westlich-kapitalistischer Schönheitsideale und heteronormativer
Geschlechterbilder.
Doch dieses Jahr sollte vieles anders werden. Es sollte darum gehen, "das veraltete Schönheitsideal komplett über den Haufen" zu werfen. "Alle" Frauen sollten diesmal eine "Chance" haben. "Diversity" war das Leitmotiv der Staffel. Dabei ging es nicht nur um die Inszenierung äußerlicher Vielfalt, sondern auch um "Personality". Die Frauen bekamen Raum, ihre Geschichten zu erzählen. Von ihrer Flucht, ihrem Outing, ihrer Social-Media-Abhängigkeit, ihrem Jurastudium.
Hat das Format damit auf die Kritik der letzten Jahre reagiert? Eher nicht. Eher hat es sich einem postmodernen Zeitgeist angepasst, bei dem Unterschiedlichkeit nicht mehr als fremdartig oder gar bedrohlich verstanden, sondern als das neue Ideal propagiert wird – mit der zentralen Botschaft: Anderssein lohnt sich!
Neue Ausschlüsse
Diese Betonung von Diversität wirkt auf den ersten Blick inklusiv. Sie verschafft Lebensrealitäten und Körpern, die sich außerhalb der Norm bewegen, Gehör und Sichtbarkeit – und holt diese auf den Laufsteg. Bei genauerem Hinsehen produziert dieser Vielfaltsdiskurs allerdings auch neue gesellschaftliche Ausschlüsse. Diese sind subtiler und schwerer zu greifen als plakativer Sexismus oder offensichtlicher Rassismus. Das wurde in der aktuellen GNTM-Staffel besonders anschaulich:
In Folge sechs waren die Kandidatinnen Dascha, Soulin, Romina und Liliana zum Casting einer großen Jeansmarke eingeladen. Es ging um einen Deal für einen Werbeclip. Das Thema des Castings: "Diversity und Vielfalt". Die Frauen sollten für sie charakteristische Slogans auswählen und mit deren Hilfe "ihre Geschichte" vor der Kamera präsentieren.
Die Frauen wussten sofort, was von ihnen verlangt wurde. Dascha, in
der Sendung als curvy Model positioniert, stand als Erste vor der Kamera. Unter
dem Slogan "Little girls with dreams become women with visions" erzählte sie,
dass sie in einem anderen Land geboren wurde und lange gebraucht hat, um in
Deutschland Fuß zu fassen. Mobbing war Teil ihres Alltags. Am Ende des Videos
geht Dascha auf ihren Körper ein: "Ich bin nicht so wie die anderen Models, ich
bin curvy, habe schöne Kurven."
Nur eine Botschaft
Die Jeansmarkenvertreter zeigten sich irritiert: "Die Vorstellung war super vielfältig, von Mobbing über Body Positivity, aber DIE Message kam nicht so ganz rüber." Sich auf "EINE Story zu konzentrieren und diese zu inszenieren", das hätte man besser gefunden. Dann Romina, feuerrot gefärbte Haare. Sie wollte mit ihrer "crazy Art" überzeugen: "Be you – sei du selbst" ist die Message, mit der Romina zum Mut zum "Verrücktsein" aufrief. Die Castenden waren begeistert. Bis Soulin vor ihnen stand.
Soulin erzählte: "Ich komme aus Syrien", über die Türkei war sie mit ihrer Familie vor fünf Jahren nach Deutschland geflüchtet. "Ich bin das Mädchen, das ihre Träume nicht verwirklichen konnte. Jetzt stehe ich hier und lebe meinen Traum." Soulin kämpfte mit den Tränen. "Wow", heißt es von den Castenden, "jetzt bin ich aber auch ganz berührt".
Soulin bekam schließlich den Job. Ihre Geschichte hatte am meisten "überzeugt".
Es ist ein Muster, das sich in jeder
Folge dieser GNTM-Staffel wiederholte: Frauen, die vorher wegen ihres Andersseins
ausgegrenzt und diskriminiert worden waren, sollten dieses nun in Szene setzen. Dies aber
bitte mit einer klaren Storyline. Intersektionalität beziehungsweise die Tatsache, dass die
Frauen sich in gleich mehrfacher Hinsicht als vielfältig verstehen oder unterschiedliche
Formen von Diskriminierung erfahren haben, hatte dabei keinen Platz.
Komplexe gesellschaftliche Ausschlusserfahrungen lassen sich im neoliberalen Diversity-Diskurs nicht inszenieren. Das heißt: Du darfst trans sein, aber nicht fett – du kannst crazy sein, aber nicht Schwarz. Wer das nicht versteht, scheidet im Casting aus.
Nicht alles scheint erzählenswert
Ein solcher Diversity-Diskurs setzt statische
und klar voneinander abgrenzbare Identitäten voraus. Er propagiert und verfestigt binäre
Identitätsschemata (dick versus dünn, deutsch versus nicht deutsch, crazy versus normal …),
anstatt sie zu hinterfragen. Zugleich ästhetisiert der Diskurs Erfahrungen von
Marginalität und Diskriminierung.
Dabei geht die "neue Sichtbarkeit des etablierten anderen mit einer Unsichtbarmachung" all solcher anderer einher, die nicht in unbeschwerte Diversity-Erzählungen hineinpassen, wie dies der Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha bereits vor einigen Jahren in seinem Buch zum "kulturellen Differenzkonsum im Spätkapitalismus" beschrieb. Auch in der aktuellen GNTM-Staffel erschienen nicht alle Geschichten erzählenswert. Die Flucht- und Emanzipationsgeschichte von Soulin dagegen schon. Geschichten, die weniger auf mehrheitsgesellschaftliche Anerkennung stoßen, blieben demgegenüber unerzählt.