Was heißt hier Verlierer? – Seite 1

Das ist ein Text aus unserer Serie Die 49. Im Jahr der Bundestagswahl haben wir 49 Menschen gefunden, die möglichst genau die Vielfalt in Deutschland abbilden. Hier können Sie nachlesen, wer die 49 sind und was sie über Deutschland denken.

© Zeit Online

Hartmud Lamprecht zieht den Theatervorhang zur Seite. Die Bühne ist sein Wohnzimmer, der Vorhang nur eingebildet, aber das ist jetzt egal. Barfuß und in einem grauen Jerseyanzug tritt er auf seinem Teppich zwei Schritte nach vorn. Ein Hosenbein hängt ihm im Knie, aber Brust und Bauch hat er stolz hervorgestreckt. Den Text, den Lamprecht vor etlichen Jahren auswendig gelernt hat, kann er noch. Die Rolle, die er spielte, war er selbst.

"Hab 'nen Hauptschulabschluss, keine Berufsausbildung, das hat sich dann so fortgezogen. War Hausmeistergehilfe, hab Fenster geputzt, als Kurierfahrer gearbeitet, dann musste ich das aus schweren gesundheitlichen Gründen aufgeben." Eine Minute lang rattert er sein Leben herunter, bis er sagt: "Meine Frau sagt mir jeden Tag, was für ein Loser ich bin."

Dann bricht er ab und lässt die Schultern sinken.

"Ende."

2008 stand er mit diesem Monolog auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses. Er und weitere Hartz-IV-Empfängerinnen spielten für Marat, was ist aus unserer Revolution geworden sich selbst. Das Stück sollte dem kulturaffinen Publikum die Welt der Armen zeigen. Für das Publikum war es ein unterhaltsamer Abend. Für Hartmud Lamprecht war es die Zeit seines Lebens. 

"Damals war ich ein Star", sagt er und lässt sich auf sein katzenzerkratztes Sofa fallen. "Jetzt bin ich wieder ein Nichts." 

Hartmud Lamprecht, 50 Jahre alt, kinderlos und mittlerweile geschieden, ist einer von 30.000 Personen, die sich bei ZEIT ONLINE gemeldet haben, um Teil von Die 49 zu werden, einer Gruppe von Menschen, die ein Abbild der deutschen Gesellschaft sind. Der Algorithmus wählte ihn aus, seit einigen Tagen ist er Mitglied der Gruppe.

Lamprecht ist Taxifahrer, am liebsten fährt er nachts. Aber nach einer Gelenk-OP und einem Jahr in Kurzarbeit hat er Geldprobleme. Er droht unter die Räder zu geraten. Sogar um seine Wohnung muss er fürchten. Aber das, sagt er, sei nicht mal das Schlimmste. Schlimmer sei die "Finsterkeit", die sich mit der Pandemie in sein Leben schlich.

Gelegenheitsjobs, kaum Sicherheit. Eine Wohnung, die man kaum bezahlen kann. Ein Leben fast allein. Reicht das, um zufrieden zu sein? Was sind Hartmud Lamprechts Wünsche für ein besseres Leben – und ein besseres Deutschland?

In den Urlaub fährt er nie

Lamprecht wohnt in Hamburg-Bergedorf, einem Außenbezirk im Hamburger Osten hinter dem Autobahnkreuz. Die Mieten sind hier noch bezahlbar, der Lebensstandard eher Labskaus als Elphi. Er bewohnt das Dachgeschoss eines Rotklinkers, an dem vorn die B 5 vorbeirauscht und hinten die Vögel in den Bäumen zwitschern. 

Seit 17 Jahren lebt er hier, und nachdem seine Frau auszogen ist, ist die Wohnung wieder das, was sie früher war: eine Junggesellenbude. Im Schlafzimmer hängen Jogginganzüge auf einem Wäscheständer, in der Küche stapeln sich neben dem benutzten Geschirr Linseneintöpfe in Dosen, Jodsalzpakete, Nutella-Gläser. Im Wohnzimmer schnurrt Borsti, eine grau melierte Perserkatzendame, um einen massiven Billardtisch. 

"'Schuldigung, ich bekomme nicht so oft Besuch", murmelt er, wischt mit dem Ärmel über den Esstisch und rückt einen Stuhl zurecht. "Wollen Sie 'nen Apfel? Oder 'ne Möhre?", fragt er. "Was anderes hab ich gerade nicht." 

Als Taxifahrer verdient Hartmud Lamprecht 12,50 Euro die Stunde. Seine Wohnung nennt er "seinen Lebensluxus", sie kostet 650 Euro warm. Nach allen Abzügen, sagt er, blieben ihm rund 380 Euro zum Leben. 200 Euro brauche er für Lebensmittel, der Rest sei "zum Verjubeln". Lamprecht spart nichts. Er fährt auch nie in den Urlaub. Er raucht nicht, er trinkt nicht, und das Einzige, was er sich leistet, ist ab und zu ein Abendessen beim Griechen und die Gebühr für den Billardverein. Die Scheidung zahlte seine Frau. Lamprechts letzte große Anschaffung war die Katze. Die hat er über eBay-Kleinanzeigen gekauft. 

Aber Lamprechts Miete wird jedes Jahr erhöht – als Anpassung an den Mietenspiegel. Früher seien es zehn Euro im Jahr gewesen, jetzt seien es rund 25. Er habe bei der Wohnungsbaugesellschaft bereits angerufen, sagt er, aber die interessiere seine Lage nicht. Nach zwei Mieten im Rückstand, sagt Lamprecht, schmissen sie ihn wohl raus, so will es der Mietvertrag. Im Moment kann er die Miete noch bezahlen. "Aber lange geht das nicht mehr gut."

Lamprecht schlägt sich eine braune Wolldecke um die nackten Füße und hebt Borsti auf seinen Schoß. Er greift sich eine Bürste, die neben einer Lesebrille und einer zerknitterten ZEIT auf dem Sofa liegt, und fährt der Katze in langen Strichen über ihr zerzaustes Fell. 

"Heute frage ich mich manchmal: Wo bin ich falsch abgebogen?"

Die Rolle seines Lebens

Lamprecht spielt leidenschaftlich Billard. Er hat auch schon Turniere gewonnen. © Lucas Wahl für Zeit Online

Eigentlich, sagt Hartmud Lamprecht, sei er von Anfang an ein Unfall gewesen. Seine Eltern hätten keine Kinder mehr gewollt. Aber im Januar 1971 war Hartmud Lamprecht nun mal da. 

Lamprecht holt einen Stapel Fotoalben aus dem Schlafzimmer, darunter eines, das in braunes Leinen gefasst ist. Ein Geschenk seiner Mutter. Ein vergilbtes Foto zeigt ein nordfriesisches Bauernhaus, versiegelt mit weißen Holzlatten und eingerahmt von einer glatt gemähten Wiese. "Hemmerdeich, am Deich der Eider", sagt Lambrecht, "das war 'ne Traumkindheit." 

Als Kind sei er furchtlos gewesen. Die Natur war sein Zuhause und in der Nacht stromerte er herum. Doch als Lambrecht zehn Jahre alt war, ging der Landschaftsbaubetrieb seines Vaters bankrott. Die Familie verlor alles: das Unternehmen, das Haus, die Lebensversicherung. Sie mussten den Hof aufgeben und zogen nach Husum, in die nächstgrößere Stadt. Dort passierten die zwei Dinge, die Lamprecht "sein Trauma" nennt.

Das erste Ding war der Judotrick. Auf dem Fußballplatz von Husum war Hartmud der Jüngste. Und weil er den Großen gefallen wollte, ließ er alles mit sich machen. Auch auf den Judotrick ließ er sich ein. Wenige Minuten später, erinnert sich Lamprecht, lag er in einer Blutlache. Offener Armbruch.

Ein paar Monate später, da war Lamprecht elf Jahre alt, neckten ihn ein älterer Junge und ein Mädchen auf der Straße. Blöde Sprüche, ein paar Schubser. "Guck, der weint ja gar nicht", soll der Junge schließlich gesagt haben. Sie spuckten ihn an und schlugen ihm ins Gesicht. 

In dem Fotoalbum kleben zwei weitere Bilder, sie zeigen Hartmud, etwa zwölf Jahre alt und mit Pottschnitt, bei einer Rangelei mit zwei anderen Jungen. Hartmud liegt am Boden, die anderen knien über ihm. Obwohl Hartmud lacht, hält er zur Sicherheit die Hände vors Gesicht. 

"Diese Zeit hat meine Persönlichkeit verändert", sagt Lamprecht. "Ich bin vorsichtiger geworden. Ich bin heute – wie sagt man – ein Bedenkenträger." 

Mit 14 zog Lamprecht nach Hamburg, in eine kleine Wohnung nur wenige Häuser entfernt von seinem heutigen Zuhause. Keine Dusche. Kein Warmwasser. Hartmud Lamprecht war das egal. Er war in Sicherheit und schwor sich: "Egal, was passiert. Hier bleibe ich."

Nach der Schule begann Lamprecht für seinen Vater zu arbeiten. Er mähte den Rasen reicher Leute, beschnitt ihre Hecken. Doch seine Eltern hatten schon wieder neue Pläne. In Paraguay wollten sie ein neues Leben beginnen. Die Mutter ging zuerst, der Vater folgte – auch das ist im Familienalbum festgehalten. "Meine Eltern waren Getriebene", sagt Lamprecht. Er wurde zu ihrem Gegenteil. Er blieb. Er hat die Wohnung erst verlassen, als sie 2004 modernisiert werden sollte. Da bot man ihm die Wohnung vier Häuser weiter im Dachgeschoss an. 

Hartmud Lamprecht hat seither ein Zuhause. Aber den einen Plan fürs Leben hatte er nie. Nur einen Traum.

"Das Wollen ist das, was zählt"

Lamprecht wohnt seit Jahrzehnten in Hamburg-Bergedorf © Lucas Wahl für Zeit Online

In einer Glasvitrine hinter dem Esstisch lehnen die Queues, darin stehen die Pokale. 

"Chicago Live 9er-Ball-Turnier 2003: 2. Platz."

"Billard Landesmeisterschaft der Herren 2008: 2. Platz."

"Winter-Challenge Pool Schwerin 2017: 1. Platz."

Hartmud Lamprecht hievt sich aus dem Sofa, greift einen der Queues und ein würfelförmiges Stück Kreide von seinem Billardtisch, stellt den Queue auf und poliert seine Spitze. "Beim Billard habe ich gelernt: Man muss Träume haben, dann will man auch. Das Wollen ist das, was zählt."

Die Kugeln liegen auf dem Billardtisch bereit, in Form eines Dreiecks in der Mitte des grünen Samts angeordnet. Lambrecht lehnt sich über den Rand des Tisches, stößt die weiße Kugel an und das Dreieck zerbirst. 

"Ich hatte nichts außer einem Hauptschulabschluss von 3,4 und dann wollte ich Billardprofi werden – das war total beknackt", sagt Hartmud Lamprecht.

Vielleicht war die Idee gar nicht so beknackt. Schließlich ist Hartmud Lamprecht wirklich gut – das zeigen die Pokale. Bis heute trainiert Lamprecht in seinem Verein, und zwar nicht nur sich selbst, sondern auch den Nachwuchs. Hartmud Lamprecht hat es nicht deshalb nicht geschafft, weil er nicht gut genug war. Er hat es nicht geschafft, weil mit dem Billardspielen noch ein weiteres Hobby in sein Leben eingezogen war: das Kiffen.

Mit 17 fing er an. Die ersten vier Jahre seien gar nicht so schlimm gewesen, sagt er. Aber mit 21, als sein Vater ihn verließ, wurde das Kiffen zu seinem Lebensinhalt. Lamprecht rauchte so viele Joints, dass er schließlich Verfolgungswahn bekam und glaubte, dass er abgehört würde. "Da hab ich gedacht: 'Das ist jetzt mein Leben. Ich bin jetzt ein Kiffer.' Das hab ich einfach akzeptiert." 

Fünf Jahre ging es so, bis zum 20. November 1997. Da hatte Lamprecht noch 50 Mark für den Monat übrig, ging zu seinem Dealer und sagte: "Gib mir alles, was ich für 40 Mark kriegen kann." Von den übrigen zehn Mark kaufte er Spaghetti und Ketchup und schloss sich in seiner Wohnung ein. Er leerte das Paket in der ersten Nacht mit einem Freund. Am nächsten Morgen dachte er: "Entweder ich schnorre mich zehn Tage durch – oder ich höre einfach auf."

Hartmud Lamprecht schaffte es. Statt eines neuen Pakets Haschisch kaufte er sich eine Bibel, meldete sich zu einem Bibelkurs in der Freien Evangelischen Kirche an, zu der schon seine Eltern gegangen waren, und bewarb sich in einem Altenpflegeheim um seinen ersten Job: Hausmeistergehilfe. 

Von da an machte er viele Jobs. Er gründete eine Ich-AG und öffnete einen Hausmeisterservice, er putzte Fenster, arbeitete als Postbote und als Kurier. Doch dann wurde er krank. Bis heute macht seine Wirbelsäule ihm Probleme. Schließlich blieb nur noch der Hartz-IV-Antrag. Lamprechts Frau passte das gar nicht. Sie kommt aus Aserbaidschan, hatte studiert, aber in Deutschland nur einen Job als Altenpflegerin gefunden. Von ihrem Mann erwartete sie, dass er Geld verdiente und ihr Kinder schenkte. Lamprecht sagt, er habe beides nicht hingekriegt. 

Er begann in andere Rollen zu schlüpfen. 2014 stand er das letzte Mal im Schauspielhaus auf der Bühne – als Statist. Danach folgten noch ein paar Rollen im Trash-TV. Für die Sat.1-Sendung Niedrig & Kuhnt stand er vor der Kamera und für RTL 2 ließ Lamprecht sich von Privatdetektiv Carsten Stahl verhauen. Er spielte in der Folge einen Fotografen, der einem jungen Mädchen nachstellte. Seine Rollen seien meistens die des Bösewichts gewesen, weil er kaum Haar hat, aber einen Bauch und diesen verlotterten Look. Und obwohl es nur eine Rolle war, sei er beim Dreh der geblieben, mit dem niemand reden wollte. "Wenn du 'ne schlechte Rolle spielst, dann denken auch alle, dass du ein Schlechter bist", sagt er.

Hartmud Lamprecht ist aber kein Schlechter.

Hartmud Lamprecht hat die Bibel gelesen, Werke von Platon und jeden einzelnen Känguru-Comic auf ZEIT ONLINE. Jeden Morgen liest er zu einer Kanne schwarzen Tees die ZEIT und den Spiegel auf seinem Smartphone. Er ist gebildet und reflektiert, wählt meistens die Linken und sagt, dass man als Taxifahrer kein Rassist sein dürfe und dass er niemals jemanden fragen würde, wo er oder sie herkomme, weil die Gespräche dann viel interessanter wären – so ohne Vorurteile. 

Aber weil er wegen Corona gerade kein Taxi fahren kann, verlässt Hartmud Lamprecht die Wohnung gerade nur, wenn er zum Arzt muss. Er spielt Billard bis zum Mittagessen und besucht ab und zu seinen Nachbarn, um ihm beim Rentenantrag zu helfen. 

Hartmud Lamprecht sagt, er habe vor nichts Angst. Nicht mal vor Annalena Baerbock. Und wenn er die Wohnung verlöre, sagt er, ziehe er halt in eine WG.

Die Einsamkeit und die Freiheit

Hartmud Lamprecht sagt: "Ich bin frei." © Lucas Wahl für Zeit Online

Seit seine Frau ihn verlassen hat, sei die Welt dunkler geworden, sagt er. Im Dezember 2019 ließen sie sich scheiden. Dann folgte eine Gelenk-OP, Lamprecht wurde krankgeschrieben und weil gleich darauf die Corona-Pandemie über die Welt einbrach, blieb Lamprecht von da an in seiner Wohnung. "Ich war eine offene Wunde", sagt er. "Ich hab mich einfach eingeigelt." Lamprecht ging noch nicht mal mehr zu seinem Billardverein. Die meiste Zeit hatte der eh geschlossen. Weil das Alleinsein ihm aber doch schwerfiel, kaufte er schließlich die Katze. "Ohne Borsti wäre es finster", sagt er.

Lamprechts Fenster in die Welt ist seitdem eine Dachluke. Auf einem Podest steht ein Sessel, darauf liegt ein Fernglas. Von hier aus beobachtet Lamprecht die Amseln, Rotkehlchen und Sperlinge vor seinem Haus. Vor Kurzem wurde direkt vor dem Fenster ein Vogelbeerbaum gefällt. Da rief Lamprecht die Polizei. Aber außer ihn kümmerte es keinen.

Wie kommt man raus aus so einem Loch? 

Man müsse Träume haben, hatte Lamprecht doch gesagt, dann wolle man auch.

Was ist sein Traum?

"Dass ich nicht mehr arbeiten muss", sagt Lamprecht. "Ich freu mich auf die Rente. Das Prinzip der Lohnarbeit passt mir nicht."

Warum unternimmt er nicht mehr, um da rauszukommen? Das könnte man fragen, aber vielleicht ist diese Frage nicht sinnvoll. Vielleicht ist die bessere Frage eine andere: Warum bekommt einer wie Lamprecht nicht den Respekt, der ihm zusteht?

Denn es ist so: Hartmud Lamprecht will gar kein Gewinner sein, auch wenn er könnte. Er will einfach seine Ruhe. 

Reicht das? 

"Ja", sagt er. "Das hört sich vielleicht traurig an. Aber ich bin frei."

Wenn man in Deutschland gefragt wird, was man ist, dann antwortet man meistens in Berufen. Anwältin oder Arzt zu sein, ist dann respektabler, als arbeitslos zu sein – oder Taxifahrer. Wie erfolgreich ein Mensch ist, wird oft in Geld gemessen. Oder am Titel. Wer viel Geld hat, denken viele, ist auch viel wert. Wer weder Geld hat noch Erfolg, der ist ein Loser.

Nur macht sich Hartmud Lamprecht nichts aus diesem Prinzip. 

"Wenn ich heute noch mal Kind wäre, dann würde ich mir sagen: 'Streng dich in der Schule mehr an. Dann kannst du was machen aus deinem Leben!'", sagt Lamprecht. "Aber Geld habe ich mir nie gewünscht."

Und doch funktioniert unser System nun mal so. Deshalb die Rente. Das wäre die Lösung all seiner Probleme. Die Grundsicherung würde ihm reichen, die Miete übernimmt dann im Zweifel der Staat. Und Hartmud Lamprecht müsste nichts mehr sein als er selbst. Keiner würde mehr irgendetwas von ihm erwarten.

"Früher hab ich immer gesagt: 'Ich will 50 werden.' Jetzt will ich 60 werden. Dann kommt die Rente und dann hab ichs geschafft", sagt er. "Ich seh die Zukunft gar nicht so pessimistisch."

Und bis dahin?

"Ich fahr einfach wieder Taxi, wenn die Pandemie vorbei ist."

Er arbeitet nicht für Geld

Einige Tage nach dem Treffen berichtet Lamprecht in einem Telefonat, dass es endlich wieder losgehe. Er dürfe wieder Taxi fahren. Nachdem die Ausgangssperren aufgehoben und die Hygieneregeln für die Restaurants gelockert wurden, war das Hamburger Schanzenviertel endlich wieder voller Menschen, die angedüselt nach Hause gefahren werden wollten.

Hartmud Lamprecht fuhr einen Pianisten in die Elbphilharmonie, kutschierte einen Kunden bis nach Schleswig-Holstein und plauderte mit einem Ehepaar aus München, das auf Heimatbesuch in Hamburg war. 

Als er von seinen Fahrten erzählt, wirkt Lamprecht wie elektrisiert. Er kommt aus dem Erzählen gar nicht mehr heraus. "Das hat so Spaß gemacht", sagt er. Und einen Wunsch hätte er vielleicht doch noch, sagt Lamprecht. Eines Tages, sagt er, führe er gern sein eigenes Taxi. 

Obwohl er nach seiner Schicht total erledigt war, fragte er seinen Chef direkt, ob er auch am Sonntag arbeiten könne. Er konnte. "Das war der einkommensstärkste Sonntag, seit ich Taxi fahre", sagt er. Ein erfolgreicher Sonntag, könnte man also sagen. Aber Hartmud Lamprecht arbeitet ja nicht fürs Geld. Für ihn zählt das Vergnügen. Er arbeitet gern, wenn es dafür sorgt, dass es ihm gut geht.

Am Wochenende ging es ihm gut.

Und das ist doch vielleicht schon mal gar keine schlechte Idee für ein besseres Deutschland. Eine Gesellschaft, in der man nicht nach seinem Einkommen gemessen wird, sondern nach seiner Zufriedenheit. In dieser Welt wäre Hartmud Lamprecht jeden Morgen, wenn er von der Nachtschicht nach Hause kommt, ein Held.