Nicht aus Nächstenliebe – Seite 1
"Ein Mädchen ist verschwunden", sagt eine Frau mit beiger Mütze, es ist ihre erste Stunde als Freiwillige am Berliner Hauptbahnhof. Sie hat eine Warnweste an, wie viele an diesem Samstagabend. Polizistinnen stehen zusammen mit Mitarbeitern der DB Sicherheit und Jannik Gabel, er ist einer der Koordinatoren der vielen Ehrenamtlichen. Überall im Bahnhof wird nach dem Mädchen gesucht. "Fehlalarm", sagt Gabel später. Dem Kind gehe es gut. "Aber vielleicht ist es wichtig, dass alle jetzt nochmal geprobt haben."
In der Telegram-Gruppe, in der sich die Helfenden organisieren, wird gerade mehrmals am Tag eine Warnung gepostet: "Laut der Polizei gibt es Leute, die sich unseren Freiwilligen und anderen Umstehenden nähern und ihnen Geld anbieten, um Frauen und/oder Kinder aufzunehmen." Die Bundespolizei bestätigt das im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Aber unter den Tausenden freiwilligen Helfenden seien nur die wenigsten dubios. Bisher habe es solche Vorfälle "im untersten zweistelligen Bereich" gegeben. Einmal habe ein Mann Kindern Schokolade angeboten. Männer hätten Frauen Geld geben wollen oder hätten sich auffallend lange in der Nähe von Minderjährigen aufgehalten.
Präventiv befragt
Trotz dieser einzelnen Versuche ist weder dem Landeskriminalamt Berlin noch der Bundespolizei ein Fall bekannt, in dem ein solcher Versuch Erfolg hatte. Bisher seien der Polizei nur Männer gemeldet worden, "die zwielichtige Angebote" unterbreitet hätten. Die meisten seien Deutsche, mal jung, mal alt, manchmal seien sie schon vom Aussehen her "auffällig dem Zuhälter-Milieu" zuzuordnen, sagt der Polizeisprecher. Wenn Helferinnen einen solchen Verdacht melden, werden die Männer präventiv befragt und ihre Personalien werden aufgenommen. Oft widersprächen sie sich selbst, sagt der Sprecher. Einer habe behauptet, er wolle Frauen mit dem Auto nach Süddeutschland bringen, er selbst lebe jedoch in Berlin und habe gar kein Auto. Gegen diesen Mann wurde ein Platzverweis ausgesprochen, so wie gegen mehrere weitere Männer. Deren Verhalten war jedoch noch nicht strafrechtlich relevant. Trotzdem tauscht sich die Bundespolizei bereits mit der Staatsanwaltschaft Berlin über das Phänomen aus, um Menschenhandel vorzubeugen.
Seit dem ersten Tag, an dem Menschen vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland flohen, waren Polizei und Helfende für das Problem sensibilisiert. Hilfsorganisationen hatten Warnzettel auf Ukrainisch, Russisch und Englisch unter den Ankommenden verteilt. Die Bundespolizei warnte ebenfalls dreisprachig mit Durchsagen und auf digitalen Werbetafeln vor unseriösen Angeboten von Männern, die nicht aus Nächstenliebe handelten. Gerade in den ersten Tagen, an denen Schlafplätze noch durch hochgehaltene Pappschilder direkt am Bahnhof vermittelt wurden, hatten einzelne Männer versucht, die Notsituation der Geflüchteten auszunutzen.
Helfende beobachten etwa ältere Männer, die ihr Zimmerangebot nur hochhielten, wenn attraktive alleinreisende Frauen an ihnen vorbeigingen – und es dann wieder versteckten. Vergangenen Mittwoch ging ein Mann auf Freiwillige zu und sagte, er könne fünf bis sieben Frauen mitnehmen, er habe viel Platz, er sei Millionär. Die Freiwilligen meldeten ihn der Polizei.
Kalte Nächte
Mittlerweile sollen private Betten nicht mehr im Chaos aus Koffern direkt am Gleis vermittelt werden, sondern zentral über das Internet. Anfangs sollen nach Informationen von ZEIT ONLINE auch bei Bettenbörsen unseriöse Angebote von Männern aufgetaucht sein, die explizit nur nach jungen Frauen gesucht hatten. Mittlerweile gibt es professionelle Vermittlungsplattformen wie Airbnb oder unterkunft-ukraine.de. Aus einer privaten Initiative mehrerer Sozialunternehmen ist in wenigen Tagen eine vom Innenministerium unterstützte Börse mit mehr als 330.000 Schlafmöglichkeiten geworden. Wer auf der Webseite eine Unterkunft anbietet, kann das nur für einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen tun. Zimmeranbieter müssten sich zudem mit Personalausweis und einer umfangreichen Registrierung bewerben und sie müssten in einem Videochat ihre Identität verifizieren, sagt Mitgründer Lukas Kunert.
Durch die Registrierung soll Ordnung am Hauptbahnhof entstehen und Sicherheit für die Geflüchteten. Wer sich registriert, so die Idee, begeht seltener eine Straftat. Auch die Berliner Stadtverwaltung verweist auf die Initiative. Am Bahnhof bleiben die vielen, die abends ankommen und morgens weiterfahren. Für diese Reisenden versuchen die Helfenden, möglichst viele Decken aufzutreiben. Kalt bleibe es trotzdem, sagt eine Helferin. Beheizte Züge werden für die Nächte an Gleise gefahren und wer darin Platz findet, hat es wärmer. Andere lagern irgendwo im Untergeschoss des Bahnhofs. "Wir können als Ehrenamtliche nicht für die Sicherheit dieser Geflüchteten garantieren", sagt Jannik Gabel. "Das ist gerade meine größte Angst."
"Wir haben einen humanitären Ausnahmezustand"
Manche Freiwillige vermitteln private Unterkünfte an der Registrierung vorbei, das erscheint ihnen weniger gefährlich, als die Nacht am Bahnhof zu verbringen. "Wenn die Vermittlung über die offiziellen Stellen nicht funktioniert, machen wir es eben selber", sagt Jonas Gerik*. Er ist 16 Jahre alt und wollte ursprünglich gemeinsam mit seiner Mutter am Hauptbahnhof zwei Schlafplätze anbieten. Sie kamen jedoch zu spät, am Bahnhof sollten keine Unterkünfte mehr vermittelt werden. Doch Jonas wollte das nicht akzeptieren. Er trug eine Warnweste und brachte vor dem Hauptbahnhof Geflüchtete mit Menschen zusammen, die einen Schlafplatz anbieten konnten. Jonas notierte sich die Nummer von denen, die Menschen aufnahmen und jenen, die mitgingen. Jedes Mal habe er nachgefragt, ob alles okay sei. Drei Abende stand er vor dem Bahnhof und eigentlich will er auch weitermachen. Aber nicht alle Freiwillige fanden diese Hilfe gut. Inzwischen hat sich Jonas zurückgezogen.
Zivilstreifen patrouillieren
Die DB Sicherheit und die Bundespolizei sind sich der Gefahr für die Reisenden bewusst. Streifen von Uniformierten und in Zivilpolizisten patrouillieren im Bahnhof und nehmen die Verdachtsfälle der Helfenden auf. Diana Henniges vom Verein Moabit hilft! fordert mehr Sicherheit für die Ankommenden, einen offiziellen Schutzraum. Kinderschutz sei Aufgabe des Staates und wenn eine Mutter mit ihrem Kind im Untergeschoss des Hauptbahnhofs schlafe, sei der Schutz nicht gewährleistet. "Wir haben einen humanitären Ausnahmezustand", sagt sie. "Wir brauchen feste Stationen von Polizei und Rotem Kreuz im Untergeschoss, wo die Geflüchteten hinkommen."
Am Zentralen Busbahnhof in Berlin-Charlottenburg ist es ruhiger, die Polizei konnte bisher keine Straftaten feststellen. Dennoch haben Helfer verdächtige Situationen beobachtet. Frank Amman* hilft hier oft "bis es hell wird". Vor allem in den ersten Tagen, an denen Busse mit Menschen aus der Ukraine ankamen, seien Autos zu dem Plateau gekommen, auf dem große weiße Zelte stehen. Dort werden die Geflüchteten empfangen. Es seien mal drei, mal fünf Autos gekommen, sagt Amman. Hinter dem Lenkrad hätten Männer gesessen, manchmal mit heruntergelassenem Fenster. Große Männer, sagt Amann, keine, mit denen man sich anlegen wolle. Dass sie unlautere Motive haben, bleibt bisher nur ein Verdacht.
Verdächtiger in Krakau
Auch an der ukrainisch-polnischen Grenze und den Sammelpunkten in Polen war die Situation für Frauen und Kinder in den ersten Tagen unübersichtlich. Am Bahnhof in Krakau beobachtete eine Helferin des deutschen Vereins Wadi e.V. vergangene Woche einen Mann, der am Gleis stand, eine Deutschlandflagge in den Händen hielt und auf Deutsch rief "Deutschland, Deutschland, nur für Damen". Zwei andere Männer trugen gelbe Westen und selbstgemachte Ausweise um den Hals, konnten sich aber auf Nachfrage nicht als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation ausweisen. Sie waren aufgefallen, weil sie von Frau zu Frau liefen und eine Wohnung und Versorgung für ein Jahr versprachen. Dafür müssten die Frauen nur in den bereitgestellten Bus einsteigen.
"Wir können nicht sagen, dass dies Menschenhändler waren, aber oft arbeiten sie so", sagt Shirin Tinnesand von Wadi. Alleinstehende junge Frauen würden strategisch von Personen angesprochen, die sich als Helfer ausgeben. Einmal in den Fängen von Kriminellen, liefen sie dann "Gefahr, Opfer von Menschenhandel, Prostitution oder Organhandel" zu werden. Mittlerweile ist die Aufnahme von Geflüchteten aus der Ukraine am Bahnhof in Krakau zentral organisiert, Hilfsorganisationen müssen sich registrieren und alle Fahnen und Schilder von privaten Anbietern sind verschwunden.
Dass die Gefahr real ist, zeigt ein Fall aus Wrocław. Hier wurde vor wenigen Tagen ein Mann festgenommen, der verdächtigt wird, eine 19-jährige Frau vergewaltigt zu haben. Zuvor soll er ihr eine Unterkunft angeboten haben. "Wegen der Tatsache, dass diese Frau aus der kriegszerütteten Ukraine geflohen war, kein Polnisch konnte, die Stadt nicht kannte und noch nie in Polen war, muss die Tat umso mehr verurteilt werden", sagt ein Sprecher der Polizei Wrocław dem Portal Onet.pl.
Die meisten Freiwilligen jedoch sind nur da, um zu helfen, ohne sie würde in Berlin gerade wenig funktionieren. Als nachts ein voller Zug aus Polen ankam, gab Maximilian Lohmann, ein Freiwilliger, einer Frau einen 20-Euro-Schein. Er habe sich hilflos gefühlt, vielleicht konnte wenigstens das Geld helfen. Ein anderer Mann habe ihn gleich angesprochen, was er da mache, was das solle. "Wir müssen aufpassen und vorsichtig sein", sagt Lohmann. "Aber ehrliche Freiwillige werden gerade gebraucht, wir müssen uns unterstützen."
* Name geändert