Die Sprengkraft der Kartoffel – Seite 1

Warum steckt im Alltagswort "Kartoffel" großes Aufregerpotenzial und hat Ferda Ataman es tatsächlich benutzt, um Deutsche ohne Migrationshintergrund verächtlich zu machen? Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist Professor an der Freien Universität Berlin und seziert die Debatte um die angeblichen Äußerungen Atamans.

Privilegien sind etwas Zwiespältiges. Einerseits ist es angenehm, sie zu genießen. Wer von uns würde nicht gerne mit Vergünstigungen und Sonderrechten ausgestattet durchs Leben gehen? Andererseits ist es unangenehm, sie offen zu genießen. Wer von uns möchte sich schon für solche Vergünstigungen und Sonderrechte rechtfertigen müssen?

Um ein Privileg ohne schlechtes Gewissen auskosten zu können, müssen die Privilegierten es deshalb gut verstecken – am besten nicht nur vor den anderen, sondern auch vor sich selbst. Deshalb muss, wer einem solchen versteckten Privileg zu nahe kommt, damit rechnen, mit voller Wucht vom Zorn der Selbstgerechten getroffen zu werden.

Das erfährt gerade die designierte Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman. Vorgeblich entzündet sich dieser Zorn an der "Kartoffel" – mit diesem Wort habe Ataman Deutsche "verspottet", behauptete die Bild in einer Überschrift – um diese Behauptung im Artikel selbst dann dahingehend abzuschwächen, sie habe die Bezeichnung in einer Spiegel-Kolumne von 2020 "verteidigt". Damit begann die Empörung im konservativen Feuilleton, die (offensichtlich ohne Lektüre der als Beweisstück vorgelegten Kolumne) schnell in vernichtenden Vorwürfen mündete. Etwa, dass sie selbst mit dem Wort Kartoffel "wiederholt" Deutsche diskriminiert und verächtlich gemacht habe. Oder dass sie – ein im konservativen Feuilleton beliebter Vorwurf – "Identitätspolitik" betreibe.

Diese Vorwürfe entbehren jeder Substanz. In Atamans Kolumne sucht man vergeblich nach einer verhöhnenden Verwendung des Wortes "Kartoffel". Ataman verteidigt auch diejenigen nicht, die das eventuell tun, sondern bezeichnet Mobbing mit diesem Wort ganz im Gegenteil als "völlig inakzeptabel". Sie erklärt lediglich, warum Deutsche ohne Migrationshintergrund so empfindlich auf dieses an sich harmlose Wort reagieren. Und diese Empfindlichkeit ergibt sich eben aus einem gut versteckten Privileg.

Um das zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie Privilegien und Diskriminierung zusammenhängen. Der erste Schritt einer Diskriminierung besteht darin, die Gesellschaft in zwei Gruppen aufzuteilen – etwa aufgrund bestimmter äußerer Merkmale wie Haar- oder Hautfarbe oder aufgrund diffuser Zuschreibungen wie "Migrationshintergrund". Der zweite Schritt besteht darin, diesen Gruppen Eigenschaften zu unterstellen, die mit der ursprünglichen Unterscheidung nichts zu tun haben – etwa Unterschiede in der Leistungsbereitschaft, der Intelligenz oder der Neigung zu Gewalt und Kriminalität. Im dritten und entscheidenden Schritt wird die Gruppe, die die Unterscheidung getroffen und der anderen Gruppe die negativen Eigenschaften zugeschrieben hat, dann als Gruppe unsichtbar gemacht. Sie wird aufgelöst in lauter Individuen, die dann auch nur an ihren individuellen Eigenschaften und Leistungen gemessen werden, denen also nicht schon aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit mit einer bestimmten Einstellung begegnet wird und die nicht für das (tatsächliche oder angebliche) Fehlverhalten anderer Mitglieder ihrer Gruppe in Haftung genommen werden.

Diese Unsichtbarkeit als Gruppe, diese Selbstverständlichkeit, ohne Vorurteile als Individuum wahrgenommen zu werden, ist das Privileg, auf das Ataman in ihrer Kolumne hinweist. Das Wort "Kartoffel" ist nicht deshalb verletzend, weil es Deutsche ohne Migrationshintergrund diskriminiert – das kann es schon deshalb nicht, weil es keine herabwürdigenden Vorurteile gegen diese Gruppe gibt. Es ist verletzend, weil es diejenigen, die mit diesem Wort bezeichnet werden (oder auch nur bezeichnet werden könnten), dazu zwingt, sich zur Abwechslung überhaupt einmal als Mitglied einer Gruppe zu verstehen.

Die unsichtbare Gruppe der "Normalen"

Für uns Menschen mit Migrationshintergrund, für Frauen, Schwarze Menschen und People of Color, jüdische Menschen, Menschen mit Behinderungen, Lesben und Schwule, trans Personen und all die anderen "Minderheiten" ist das eine alltägliche Erfahrung. Im besten Fall wird unsere Gruppenzugehörigkeit so lange übersehen, bis irgendetwas an unserem Handeln oder Sein daran erinnert. Im schlimmsten Fall wird unser Handeln oder Sein von vornherein nur durch den Filter stereotyper Vorstellungen gesehen oder wir werden – kaum weniger schlimm – wohlwollend zu einer Ausnahme von diesen Stereotypen ernannt.

Für Menschen ohne Migrationshintergrund, für Männer, für weiße Menschen und alle anderen Mitglieder der unsichtbaren Gruppe der "Normalen" gibt es diese Erfahrung nicht – ein Wort wie "Kartoffel" vermittelt höchstens ein schwaches Echo davon. Statt auf dieses schwache Echo mit einem verletzen Ego zu reagieren, könnte es ein erster Schritt zur Reflexion der eigenen Privilegien sein.

Das ist die Diskussion, die Ataman mit ihrer Spiegel-Kolumne anstoßen wollte. Dass die Kolumne stattdessen mit zweijähriger Verspätung ein feuilletonistisches Wutgeheul auslöst, ist immerhin das Zweitbeste, was passieren konnte. Denn dieses Wutgeheul zeigt, welch weiten Weg die Mehrheitsgesellschaft noch vor sich hat, um zu verstehen, dass der Kampf gegen Diskriminierung auch der Kampf für die Sichtbarkeit ihrer eigenen Privilegien sein muss.

Bevor das Wort "Identitätspolitik" zu einem konservativen Kampfbegriff wurde, beschrieb es eine Politik, in der Gruppen aus ihrer marginalisierten Identität heraus Forderungen entwickeln, die ihre Bedürfnisse auf dieselbe Stufe stellt wie die der Mehrheitsgesellschaft. Diesen Forderungen Gehör zu verschaffen, ist die zentrale Aufgabe einer Antidiskriminierungsbeauftragten.

Solange die Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft aber ignorieren, dass sie nicht nur Individuen sind, sondern Mitglieder einer Gruppe, deren Bedürfnisse sich ebenso aus ihrer Identität ergeben, wie die von anderen Gruppen, kann das nur schwer gelingen. Der Vorwurf der Identitätspolitik beruht ja auf der Fiktion, dass die Bedürfnisse der Mehrheit individuell und universell seien. Wenn Minderheiten ihren Wunsch nach Gleichstellung anmelden, lässt sich das dann als Forderung nach Sonderrechten darstellen.

Dass Ataman keine Angst hat, diese Fiktion zu hinterfragen, ist die beste Qualifikation, die sie für ihre Aufgabe als Antidiskriminierungsbeauftragte mitbringen könnte.