Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Am 19. November erhält er gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun im Frankfurter Rathaus den Preis "Gegen Vergessen – für Demokratie" für ihr gemeinsames Buch: "Die Kunst des Miteinander-Redens".

Vielleicht werden sich eines Tages, in einer anderen Zeit, wenn die Aufarbeitung des Kriegsgeschehens begonnen hat, Psychologinnen und Psychologen über all die Tweets und die Postings, die Anklagen und die Attacken beugen, die in den Tagen nach dem 15. November 2022 erschienen sind. Vielleicht werden sie das publizistische Versagen von einzelnen Medien und aufgeregt twitternden Politikern diagnostizieren und all die hastig formulierten Einschätzungen und die vermeintlichen Analysen als ein Musterbeispiel des kommentierenden Sofortismus einstufen, als emotionale Ad-hoc-Deutung, die dem Motto und Muster folgt: Die Interpretationen sind längst da, bevor die Fakten klar sind.

Und vielleicht werden diese Psychologinnen und Psychologen, konfrontiert mit der Entfesselung des Bestätigungsdenkens, die seit Dienstag zu erleben war, trotz allem zu dem Ergebnis kommen, dass eine hoch nervöse, von Kriegs- und Verlustängsten geschüttelte Mediengesellschaft Schritt für Schritt aus dem Geschehen gelernt, ihre kommunikativen Routinen angepasst und sich gegen die Verführung durch die Echtzeit-Hektik immunisiert hat. – Wer weiß?

Alles begann damit, dass Raketentrümmer am Dienstagnachmittag gegen 15.40 Uhr in einem Getreidelager der polnischen Stadt Przewodów einschlugen und zwei Menschen töteten. Es folgten, dies gehört zu einem gerechten Bild, besonnene Reaktionen aus Polen, den USA und anderen Ländern. Es gab die immer wiederholte Mahnung von einzelnen Politikern oder dem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, erst einmal abzuwarten, den Sachverhalt aufzuklären und ausfindig zu machen, woher die Raketentrümmer überhaupt kamen und wer die Rakete abgeschossen hatte. Aber es gab auch vorschnelle Stellungnahmen ukrainischer Politiker, die sich festlegten – vielleicht aus der Not des Augenblicks heraus. Und wer weiß schon, wie abgewogen und überlegt man selbst im Bombenhagel eines auf Vernichtung zielenden Krieges kommunizieren würde?

Aber Fakt ist: Wolodymyr Selenskyj, der seine Auffassung inzwischen relativierte, und der einstige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk sprachen zu Beginn von einem russischen Angriff. Ohne Not taten dies dann aber auch andere. "Wohl jetzt schon Klarheit: Polen bestätigt Einschlag russischer Rakete. Keine Flugabwehr der Ukraine, keine andere Ursache", schrieb der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, der sich später für diese Falschmeldung durch ein paar Sätzchen und ein knappes "Sorry" in einem Tweet entschuldigte. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, immerhin als Chefin des Verteidigungsausschusses in offizieller Funktion unterwegs, diagnostizierte in ihrem nun gleichfalls gelöschten Tweet, der mit einiger Häme als Screenshot-Trophäe derzeit im Netz herumgereicht wird: "Nicht nur haben russische Raketen offenbar Polen und damit Nato-Gebiet getroffen, sondern auch zu Toten geführt."

Russische Raketen, äußerte der Standard-Korrespondent Thomas Mayer ebenfalls auf Twitter, "schlagen in Polen ein: Putin eskaliert ohne Zweifel, sucht offenbar die große Konfrontation mit Europa. Wir müssen uns auf Krieg einstellen, so unvorstellbar das auch scheint." Auch ZEIT ONLINE hatte in seinem Liveblog zunächst von einer russischen Rakete geschrieben, diesen Fehler aber später korrigiert. Bild-Chefredakteur Johannes Boie ließ sogar in der Printausgabe seines Blattes die folgende Schlagzeile drucken: "2 Tote. Putin feuert Raketen nach Polen". Er selbst schrieb dann in einem Kommentar: "Der irre Tyrann bringt uns immer näher an einen dritten Weltkrieg." 

Und Fakt ist auch: Das bloß instrumentelle, auf die Stützung der eigenen Weltsicht zielende Denken und Deuten zeugte sich weiter fort – und zwar in ganz unterschiedlichen politischen Lagern und Milieus: von der AfD bis zu Sahra Wagenknecht bis hin zum einstigen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, der auf Twitter bekannt gab, was ihm so durch den Kopf ging: Nun ließe sich, so Medwedew, belegen, wie sehr und wie massiv der Westen eigentlich bereits in den Kampf gegen Russland verstrickt sei und in Richtung eines neuen Weltkrieges steuere