"Sie können einen Körper haben wie ein Mann, aber das Gehirn einer Frau." Potzblitz. Was der Humanethologe Karl Grammer da von sich gibt. Wir befinden uns auf dem Düsseldorfer Männerkongress mit fast vierhundert Teilnehmern, Titel Neue Männer – muss das sein? Über den männlichen Umgang mit Gefühlen . Erstmalig sollten sich Wissenschaftler unterschiedlicher Couleur mit dem Mann, wenn es einen solchen gibt, auseinandersetzen.

Was der in schwarz gekleidete Mann auf dem Podium erzählt, hat allerdings eher Gassenhauercharakter. Die Stimmung im Auditorium ist gut, so viel Gelächter hört man bei wissenschaftlichen Kongressen selten. "Männer geben im Schnitt 15 bis 20 cm mehr an, wenn sie ihre Körpergröße benennen." Grammer selbst trägt Schuhe mit einem Absatz von mindestens sieben Zentimetern. Er scheint zu wissen, wovon er spricht.

Alte Bekannte der Männerforschung treten bei diesem Kongress auf, Gerhard Amendt etwa, der vor einiger Zeit mit der Forderung von sich reden machte, man solle Frauenhäuser abschaffen. In seinem Vortrag geht es diesmal um den verlassenen Mann. Männer leiden unter Scheidungen und Trennungen, so seine Kernaussage. Psychoanalytiker Matthias Hirsch untersucht derweil traumatische Aspekte der männlichen Sozialisation. Stichwort Penisneid und ödipales Dreieck.

Steht es wirklich so schlimm um den Mann?

Die Frauenbewegung hat ihm einige Privilegien abgenommen, sicherlich. In einem Gymnasium, zehnte Klasse, sitzen deutlich mehr Mädchen als Jungen. An den Universitäten das gleiche Bild: mehr junge Frauen als junge Männer. Zudem sterben Männer früher, sie achten einfach zu wenig auf ihren Körper. Die Selbstmordrate unter Männern ist höher als die der Frauen. Alles keine neuen Erkenntnisse.
Wenn es jedoch hart auf hart kommt, zeigt sich: Die gut bezahlten Posten, die Aufsichtsratsplätze etc. – all das ist männlich besetzt. Die vielen Absolventinnen sind in der Universität auf Doktorandenstellen oder gar Professuren kaum zu finden. Männer verdienen mehr Geld bei gleicher Qualifikation, die Familienarbeit bleibt an ihren Frauen hängen.

Und doch scheint das die Männer nicht mehr glücklich zu machen. Die Psychoanalytiker unter den Teilnehmern berichten von einer Verunsicherung, die ihre Patienten befalle. Überhaupt belegt das Tagungsprogramm den Mann mit negativen Attributen. Krank sei er, verlassen, entwertet, vaterlos. Eine Konferenz der Jammerlappen? Klagen ohne Lösungsvorschläge?

Auftritt Klaus Hurrelmann . Der Autor der letzten beiden Shell-Studien ist ganz in schwarz gekleidet. Er trägt allerdings keine hohen Absätze und tritt mit wohltuend klaren und wissenschaftlich fundierten Aussagen nach vorne. Ja, Frauen seien den Männern überlegen. Der Bildungserfolg von jungen Frauen und Mädchen sei größer, und zwar nicht, weil sie sich besser an das System anpassen könnten. Nein, die PISA-Studie zeige ganz deutlich, dass ihre Kompetenzen in fast allen Bereichen die der Jungen übersteige, auch in den Naturwissenschaften und Technik. Früher war das eine Domäne der Jungen – nun seien die Mädchen besser. Einzig in der Mathematik hätten die Jungen die Nase vorn, fraglich nur, wie lange noch.

Die letzte Shell-Studie von 2006 zeigt zudem, dass die meisten jungen Frauen (80 Prozent) ein flexibles Modell im Kopf haben, sie wollen Familie und Beruf vereinbaren. Viele junge Männer dagegen halten am traditionellen Ernährerbild fest (60 Prozent). Wie sie überhaupt an die Jobs kommen wollen, die dafür nötig sind, bleibt offen: "Die Jungen gehen davon aus, dass sie schon irgendwie dahin kommen, wo ihre Geschlechtsgenossen schon sind. Dass ihnen die gut bezahlten Posten qua Geschlecht und Tradition zustehen."

Hurrelmann schaut verschmitzt. "Es ist nicht nur die Bildung. Sie können keine stabile Bindung aufbauen, haben viel flachere Wertorientierungen als die jungen Frauen und sind recht materialistisch orientiert." Mit einem Satz: "Junge Männer leiden an einer strukturellen Überschätzung des eigenen Selbst." Autsch. Die schlechte Lage der Männer, selbstverschuldet? Die Bildungsverliererdebatte obsolet?