Letzte Woche war ich auf einer mittelgroßen türkischen Hochzeit – zusammen mit 500 weiteren Gästen. In einem nicht ausgelasteten "orientalischen Hochzeitssalon", einem Veranstaltungsort, wie man ihn wegen des Platzbedarfs in den Gewerbegebieten jeder mittelgroßen deutschen Stadt findet.

Sie werden sich vielleicht fragen, was denn eine große türkische Hochzeit ist. Die anwesenden deutschen Arbeitskollegen des Paares haben jedenfalls schon angesichts des Andrangs der 500 ziemlich gestaunt. Sie saßen etwas eingeschüchtert am Rande, und man sah ihnen an, dass sie nicht nur dem Dresscode der Veranstaltung unverständig gegenüberstanden.

In Deutschland wird viel geredet über angeblich nicht zu vereinbarende kulturelle und religiöse Traditionen von Einwanderern und Einheimischen. Das meiste davon ist Unsinn. Ich erzähle Ihnen mal, was wirklich nicht geht: Eher würde ein Taliban seine Tochter zu einem Table-Dance-Kurs schicken, als dass eine türkische Familie eine Hochzeit nach deutschem Vorbild ausrichten würde. Eine winzige Feier mit 30 bis 80 Gästen, wo Diavorträge und Reden über das Paar gehalten und die Gäste zu seltsamen Gesellschaftsspielen animiert werden.

Denn 80 Gäste bedeuten, dass man 420 Menschen nicht eingeladen hat. Und hier kommt ein wichtiger kultureller Unterschied ins Spiel. Das gesellschaftliche Leben der Türken ist gekennzeichnet durch das Prinzip der Inklusion, das heißt zu allen Ereignissen werden alle einbezogen: Familie, Bekannte, Nachbarn und Arbeitskollegen. Die Eingeladenen bringen ihrerseits Gäste mit. Alle sind willkommen, niemand wird ausgeschlossen. Ein Hochzeitsfest ist ein zentrales soziales Ereignis, das nicht privaten, sondern gesellschaftlichen Charakter hat.

Eine deutsche Hochzeit dagegen bedeutet Exklusion und dieses Prinzip wird hochgehalten. (Ja, das können Sie durchaus als Seitenhieb auf die deutsche Integrationsdebatte lesen.) An der Tür hängt dann ein Schild: "Heute geschlossene Gesellschaft".

Natürlich setzen sich diese Traditionen nicht unhinterfragt fort. Viele türkische Migranten der zweiten und dritten Generation wollen eigentlich keine Hochzeit mehr, bei der sie die Hälfte der Gäste nicht kennen. Sie wünschen sich einen geschmackvollen Abend ohne übersteuerte Musikanlage, vielleicht sind sie sogar ganz aus der Art geschlagen und mögen keine Turmfrisuren, Baiser-Kleider und glitzernde Raumdekorationen.

Diese Paare werden aber langsam wieder auf die Spur gebracht – auf die türkische Art. Die Mütter heulen, bekommen Bluthochdruck und müssen ins Krankenhaus. Die Väter schweigen beleidigt und sehen aus, als trügen sie die ganze Last der Erde. Tanten tun verständnisvoll, um dann zur ultimativen Mahnung anzusetzen: Ob man denn wolle, dass die Familie gesellschaftlich ruiniert werde? Wie bitte schön, solle man denn die Cousine des Schwagers der Mutter nicht einladen?