Zwei Grundsätze vorweg, erstens: Man kann mit Kindern über so ziemlich alles reden. Zweitens: Das heißt nicht, dass man es immer tun soll. Im Zuge der aktuellen Ereignisse von sexuellem Missbrauch in Schulen werden vermehrt auch Kinder und Jugendliche Fragen an ihre Eltern, Lehrer und sonstige Bezugspersonen richten.

Wer daraufhin mit Kindern über sexuellen Missbrauch sprechen will, sollte sich mit den entwicklungspsychologischen Verständnisstufen in den verschiedenen Altersgruppen vertraut machen. Auch Zeitpunkt und Umstände solcher Gespräche sind wichtig - besonders wenn das Kind aktuell oder früher selbst oder ein naher Mensch betroffen war. Fragen, die sich darüber hinaus stellen, sind: Befindet sich das Kind sowieso gerade in einer Krise oder ist die Familie derzeit nicht stabil? Werde ich um ein vertrauliches Einzelgespräch gefragt oder möchte ich mit einer Gruppe, beispielsweise meiner Schulklasse, reden?

Wir Erwachsene sind verantwortlich, diese Fragen vorher zu klären und eine sichere äußere und innere Umgebung bereit zu stellen. Dazu gehört ein ungestörter Raum und ausreichend Zeit sowie Ruhe und Stabilität. Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen sollten wissen: je kritischer das Thema, desto wichtiger ist eine gewisse Distanz. Zu große Nähe kann dazu führen, dass sich eigene unsichere Gefühle mit dem eigentlichen Thema vermischen. In dem Fall ist es vielleicht sinnvoll, professionelle Hilfe hinzuzuziehen.

Ansonsten sollten wir uns ein Bild vom Vorwissen des Kindes machen, als würden wir eine "innere Landkarte" anfertigen. Was weiß das Kind bereits über Körper- und Sexualfunktion? Welche Begriffe benutzt es für die Bezeichnung der Geschlechtsteile? Hat es ein technisches Verständnis von Sexualität oder welche Gefühle sind damit verbunden? Ist die Scham groß? Wir sollten darauf vorbereitet sein, dass manche Kinder und Jugendliche mit dem Thema nur albern sein können oder - im Gegenteil  - zu ernsthaft und ängstlich sind.

Tempo und Takt des Gesprächs sollten wir den Bedürfnissen des Kindes anpassen. Dazu ist es hilfreich, das Gehörte zu wiederholen, um dem Kind zu spiegeln, dass es verstanden wurde. Wenn falsche Vorstellungen bestehen, können wir dennoch zunächst die kindliche Einschätzung bestätigen und erst dann relativieren. Auf diese Weise können wir einen peinlichen Rückzug und das Gefühl des Gesichtsverlusts verhindern und gleichzeitig notwendiges Wissen oder Bewertungen ergänzen. Durch diese Gesprächsführung lässt sich auch fortlaufend ein Feedback einholen und abschätzen, wann vielleicht eine Pause nötig ist oder ein neuer Zeitpunkt gesucht werden muss, um fortzufahren.

Je kleiner die Kinder, desto mehr sind vegetative Zeichen hilfreiche Wegweiser. Gesteigerte Aufregung, Hautveränderungen oder Atem- und Pulsbeschleunigung können Hinweise auf Überforderung sein. Jugendliche sollten auch nicht überschätzt werden. Es ist sinnvoll, Raum für Nicht-Wissen und eine "fehlerfreundliche Atmosphäre" zu schaffen.

Inhaltlich besteht die Kunst darin, sich zwischen Verharmlosung und Panik in der Realität menschlicher Verirrungen sicher zu bewegen. Dazu ist es nötig zu akzeptieren, dass es achtbare Personen gibt, die nicht mit ihren "dunklen Seiten" umgehen können. Eine klare Position zum Kinderschutz auf der gesetzlichen Grundlage ohne weltanschauliche Einschränkungen oder Verzerrungen versteht sich von selbst.