Der Vater muss zwischen Mutter und Sohn treten – Seite 1

Väter sind – so hat es die analytische Kinderpsychologie einmal genannt – die "Dritten", also diejenigen, die sich zwischen Mutter und Kind drängen. Das ist eine höchst aufregende, widerspruchsreiche, von elementaren Emotionen beladene Geschichte. Sie umschließt alle großen und kleinen Tragödien des Mensch-Seins – Liebe und Zorn, Vertrauen und Abhängigkeit, obwohl oder gerade weil von der frühesten Kindheit die Rede ist. Bekanntlich hat Freud sich nicht gescheut, zur Illustrierung des frühkindlichen Erlebens die großen Tragödien der Antike zu zitieren, vom Ödipus-Komplex bis zum Medea-Syndrom.

Was heißt der "Dritte"? Sind Väter nicht vom ersten Lebenstag an von Bedeutung? Nun ja, ein bisschen schon, aber nicht sehr! Man mag es drehen und wenden, wie man will: In den vorgeburtlichen Phasen, deren Bedeutung für Entwicklung und  Charakter eines Kindes uns erst ganz allmählich klar wird, spielt der Mann eben kaum eine Rolle. Im ebenso prägenden Geburtsvorgang auch nicht.

Die Stunde der väterlichen Erziehung beginnt so recht erst, wenn sich das Kind neugierig und vertrauensvoll seiner Umwelt zuwendet. Vorbehaltlos folgt es seiner Lust auf die umgebende Welt, die mit hundert Signalen, Tönen, Menschen und Dingen lockt. Jetzt ist Papa so richtig wichtig. Er ist von all den vielen beeindruckenden "Weltobjekten" das beeindruckendste.

Papa war ja von Anfang an auch immer da, neben Mama. Sein schwerer Schritt, seine dunkle Stimme, dies alles hat sich neben dem Mütterlichen eingeprägt, früh schon. Jetzt tritt es in das kindliche Bewusstsein. Papa ist der verlässlichste in dieser ungewissen, ängstigenden und spannenden Welt. Papa lockt das Kind aus der Mutter-Symbiose heraus. Aber er ist – anders als die Mutter – niemals in einer symbiotischen Bindung eingefangen, er ist von Anfang an immer und ausschließlich "Objekt", ein Gegenüber. Aber das erste und wichtigste "Objekt" im bewussten Erleben eines Kindes.

Damit stoßen wir in den modernen Kleinfamilien auf eine besondere Bedeutung des Vaters. In der emotionalen Enge und Dichte der relativ isolierten Kleinfamilien gibt es das Risiko, dass an einmal gelungenen emotionalen Bindungen festgehalten wird, dass sie nicht oder schwer aufgegeben werden – das gilt offenbar in besonderer Weise für die Beziehung zwischen Müttern und Kindern, den Söhnen zumal. 

Die Kinder werden "verwöhnt", und zwar in dem Sinn, dass sich ihre ganz kleine Welt und die Welt der Familie wesentlich um sie dreht. Der oben skizzierte "Aufbruch", das verwegene Abenteuer der Kulturwerdung, wird dann nur zögernd begonnen – an der fast symbiotisch-umhüllenden Bindung an Mama wird festgehalten. Sie wird von beiden, dem Sohn und der Mutter, in die ersten Erlebnisse des Kindergartens hinein fortgesetzt, überängstlich wird jedes Erleben des Kindes darauf hin überprüft, ob es ihn vielleicht überfordert, ob es Kränkungen – die sogleich mit seelischen Katastrophen verwechselt werden – ausgesetzt ist. Mama stellt sich wie eine Wand zwischen das Kind und die schwierigen, sperrigen widerständigen Anteile der Realwelt. Moderne Väter lassen sich in diesen fürsorglichen Sog oft hinein ziehen. Und damit sind wir bei dem zweiten Dilemma. 

Was ist heute "männlich", was ist "väterlich"? – die männliche Geschlechterrolle ist unbestimmt geworden und einem ganzen Füllhorn von Verdächtigungen ausgesetzt. Wo ein Vater dröhnend und polternd mit seinen Söhnen ein Fußballspiel auf dem Hinterhof des Kindergartens anfängt, muss er mit kopfschüttelnder Missachtung  rechnen: "Diese Männer, warum müssen sie immer so viel Krach machen, warum muss alles so laut und grob sein."

 Was ist heute noch männlich?

Wo für die Söhne und Väter gesellschaftlich keine verbindlichen positiven Männlichkeitsbilder mehr bereit stehen, droht jedes spontane Spiel zwischen Vater und Kind zu einem Nachweis der minder entwickelten erzieherischen Begabungen der Väter zu werden. Schon steht Mama wieder im Zentrum und muss alles richten. Eine sehr weiblich, sehr moralisch und aggressionsfrei bis körperfremd gestimmte offizielle Pädagogik verstört die Väter im Umgang mit ihren Kindern, den Söhnen.

Für die kleinen Jungen wird das zum Problem. Sie sind sehr viel körperbetonter, sehr viel rabiater im Zugriff auf die Dinge, sehr viel mehr dazu bereit, Konflikte mit Gleichaltrigen durch Rangeln und Hauen zu lösen als sie der pädagogische Mainstream akzeptiert. Denn dieser ist durch lernpsychologische Verhaltensmodelle mehr geprägt als durch die Beobachtung lebhafter Kinder.

Kurzum, Väter müssen zwischen die Mütter und die Kinder treten, sie sind die Dritten, aber sie sind in gewisser Weise bewusst oder unbewusst unwillkommen – was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass ihnen ihre Vaterrolle nach mütterlichem Vorbild vorgeschrieben werden soll. Ein Vater, der behutsam Buchstaben mit dem Zweijährigen ausschneidet oder sein Kleinkind wickelt gilt fraglos als "guter Vater".

Aber das ist nicht genug. Er muss auch der Gegenentwurf zum Weiblichen, zum Versorgenden und Verwöhnenden der frühkindlichen Muttererfahrung sein, und da lassen ihn die pädagogischen Theorien und Bilder im Stich. Ein anderes Thema ist übrigens auch, dass die Frauen diese frühe Mutterrolle zu Teilen verlassen müssen. Auch sie finden dabei kaum orientierende Vorbilder in den pädagogischen Entwicklungsmodellen.

Kinder brauchen Väter, Jungen zumal – das steht außer Frage. Aber was ist in einer modernen technologisch-informationellen Gesellschaftsordnung "männlich"? Eine Fülle von offenen Fragen und paradoxen Verhaltensanforderungen kommen auf die Jungen und Väter zu.

Zum einen ist es ganz richtig, dass in einer hochtechnokratischen und hoch organisierten Gesellschaft Körperkräfte kaum noch von Relevanz sind; aber  in der seelisch-geistigen Entwicklung eines kleinen Jungen spielt das Körperliche durchaus eine große Rolle, auch im Sinn von massiver Selbstdurchsetzung, Selbst- und Sozialerfahrung. Stattdessen wachsen die kleinen Jungen in eine artifiziell gestimmte Medienwelt hinein. Das Ergebnis: In den digitalen Medien spielen die kleinen und großen Jungen Krieger, omnipotente Kämpfer und kämpferische Horden, ganz so, wie die Jungen der fünfziger Jahren in ihren Wäldern und Hinterhöfen. Väter müssen nun beides verkörpern: Körperkraft mit Wucht beim Fußballspiel oder beim Streit am Abendtisch, und zugleich vernünftig ausgleichende, gelassene und – wo immer es ihnen gelingt überlegene – moralische Instanzen.   

Stärke und Klarheit verlangen die modernen Kinder von ihren Vätern, vielleicht mehr als frühere Kindergenerationen. Es verlangt sie sogar nach Autorität, nach Eindeutigkeit in den väterlichen Anordnungen. Auch dies auf dem Hintergrund einer hochkomplexen, verwirrenden sozialen Wirklichkeit, die nicht mehr von stabilen  Normen geprägt ist, gegen die sich die Jungen wie frühere Generationen mit Macht zur Wehr setzen können und müssen. Die Bekämpfung der Väter-Autorität ist nicht das Problem moderner Kinder, der Mangel an guter beschützender, klarer und komplexer Väter-Autorität ist es.

 Gebraucht wird eine beschützende, klare und komplexe Väter-Autorität

Das alles macht es Vätern nicht leicht. Eindimensionale Identitätsbilder, die realitätstauglich sind, nicht-widersprüchliche Vorbilder für moderne Kinder gibt es nicht mehr. So wie die Kinder als Erwachsene nicht nur in unterschiedliche Berufe, sondern ebenso in sehr verschiedenartige soziale Verhaltensweisen und komplexe Identitäten hineinwachsen müssen, so sollten sie in ihren Vätern Klarheit und Komplexität vorfinden. Das fällt schwer genug!

Auf der anderen Seite hört es sich komplizierter an als es ist. Auch heute reicht für gute Väter, ihre Kinder von Herzen zu lieben, mal verspielt und vergnügt und manchmal lautstark und kräftig und mal, wenn schon der letzte Nerv angekratzt ist, in einen doch noch liebevollen Tonfall zu erklären: "Schluss jetzt." Kinder haben ein feines Ohr für väterliche Fürsorge und für väterliche Anmaßung – und reagieren entsprechend.

Ein Letztes: Bis in die Neurophysiologie hinein lassen sich die Unterschiede der Geschlechter gerade in den unterschiedlichen Beziehung zum Kind nachweisen – nicht die Aufhebung, sondern die Verwebung der Differenz der Geschlechter, der Kreislauf zwischen dem Männlichen und Weiblichen, dem Mütterlichen und Väterlichen, stärken das Kind.

Fließt beides ineinander, dann erschließt es seine Welt, dann erwirbt es Stück um Stück die Erfahrbarkeit der Weltdinge, erwirbt sein Körper-Selbst inmitten von Zeit und Raum, greift und begreift das Bauklötzchen und andere Objekte und benennt sie, staunend und beglückt, mit immer bewussteren Lauten, die zur Sprache reifen. Muttersprache, Vatersprache. Dann ist es ein glückliches Kind.

Das Elternbuch © Beltz Verlag

Wolfgang Bergmann ist Kinder- und Familientherapeut. Er ist Autor von Sachbüchern zu psychologischen und pädagogischen Themen.Einen ausführlichen Beitrag von Woflgang Bergmann zu diesem Thema finden Sie in "ElternBuch", Claus Koch, Sabine Andresen, Micha Brumlik (Hg.), Beltz