In Vorbereitung auf mein Seniorenleben habe ich festgestellt, dass es  nur zwei verschiedene Kategorien von über 60-Jährigen gibt, ich nenne sie im Folgenden die "Üses".

Die einen setzen alles daran, für jünger gehalten zu werden, indem sie ihr wahres Alter verschweigen, sich von ihren Enkelkindern mit Vornamen anreden lassen, sich schmerzhaften Bauchliftings unterziehen, um im bauchfreien Outfit immer noch lächerlich auszusehen, vermeintlich jugendliche Hobbys betreiben oder mit Jahrzehnte jüngeren Partnern durchs Leben hecheln.

Die zweite Kategorie ist zahlenmäßig erheblich kleiner. Diese Üses halten ihr Lebensalter für eine Art Verdienst, welcher sie mit dem Privileg des Immer-Recht-Habens ausstattet. Der Vorteil der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe liegt darin, dass die Mitglieder sich bequem kleiden, in altersgerechten Kreisen verkehren dürfen und keine mörderischen Sportarten ausüben müssen.

Ich möchte  keiner der beiden Kategorien angehören. Die erste ist mir zu anstrengend und die zweite zu langweilig. Zu Beginn meiner Recherchen glaubte ich noch an die Existenz einer dritten Kategorie: Ich traf auf Großmütter, die sich in aller Öffentlichkeit wieder mit "Omma" anreden ließen. Die können nicht zur Kategorie eins gehören, weil sie da Gabi oder Ingrid heißen würden. Sie können aber auch nicht der zweiten Kategorie zugerechnet werden, weil sie dort Großmutter oder zumindest Ohma (ggf. auch Omi) gerufen werden würden.

Noch beweiskräftiger schien mir zunächst folgender Vorfall: Lautstark weist eine Silberlocke den diensthabenden Schalterbeamten des DB-Service-Centers darauf hin, dass sie erstens laut Perso 61 sei und zweitens den Internetbonusvoucher  eingelöst haben möchte. Selbstverständlich kann diese Dame nicht der ersten Kategorie angehören, in der Personenstandsdaten nur im Todesfall übermittelt werden, aber auch die zweite Kategorie fällt aus, weil dort das Internet noch nicht benutzt wird.

Ich kam schließlich zu dem Schluss, dass es zwar Kategorie-eins- und zwei-Verweigerer gibt, diese jedoch nicht einer von mir gesuchten Kategorie drei angehören müssten. Das wurde mir zum Beispiel so vorgeführt:

In der Schalterhalle der örtlichen Sparkasse überhörte ich folgenden Dialog zwischen einem jungen Banker und einer Kategorie-eins-Dame, dem Äußeren nach zu schließen (blond gefärbte Haare, maskierte Gesichtszüge, hautenge Schläuche an den Beinen und Glitzertop). Spricht der Banker: "Gnädige Frau, sind Sie vertraut mit unseren Seniorenprodukten? Wir bieten unserem vermögenden Klientel für die Präseniorenphase eine innovative Hausratversicherung mit garantierter Nachkaufgarantie für durch Einbruchdiebstahl entwendetes Meißener Porzellan an, wahlweise in Kombination mit unserer Oberschenkehalsbruch-Police für Alzheimer basierte Sportunfälle, ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Produktwelt der Golden Ager." Schweigen. Dann ein gezischtes: "Junger Mann, was erlauben Sie sich? Für wie alt halten Sie mich denn?"