Routinierte Betriebsamkeit. Ärzte eilen über den Flur. Rechts befindet sich ein Kreißsaal, zurzeit unbelegt und halbdunkel. Etwas abseits hinter einem Vorhang aus milchig-warmen Stoffbahnen liegt ein ruhiges kleines Zimmer der Abschiedsraum. Der schmale Eingangsbereich zur ehemaligen Abstellkammer bildet einen Übergang zwischen der Klinik und dem Ort der Stille, geschützt wie der Kern in der Nussschale. Das blaue Sofa mit den weißen Kissen, der halbrunde Sessel und der Tisch, auf dem eine Holzschale steht, bilden eine tröstliche Dreiergruppe. In die Schale legen die Hebammen das verstorbene Kind.

Jährlich verlieren etwa dreitausend Eltern ihr Kind in den ersten Stunden, Tagen oder Wochen nach der Geburt, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). So öffentlich wird selten über den Tod von Babys getrauert, wie gerade im Fall der Babys, die in Mainz an verunreinigten Infusionen starben. Über viele Generationen hindurch war der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema. Meist haben Mütter und erst recht Väter ihr totes Kind nie gesehen. Erst seit den 1980er Jahren entwickelt sich eine Trauerkultur auch für die früh verstorbenen Kinder.

Anja Scholz hat die leidvolle Erfahrung gemacht, Kinder vor der Geburt zu verlieren. Keines der Kinder hat sie gesehen. Hätte es das Angebot für sie und ihren Mann gegeben, dann, da ist sich Anja Scholz heute sicher, wären sie beide besser mit dem Verlust zurecht gekommen: "Es wäre etwas da gewesen, zum Sehen, Anfassen, Spüren und Wahrnehmen", sagt sie. So ist nur die Trauer geblieben. Inzwischen sind sie Eltern eines gesunden Kindes. Aber manchmal genügt die Frage, "wie viele Kinder habt ihr?" und die Wunden reißen wieder auf. "Was soll ich darauf antworten?", fragt Scholz.

Klinikmitarbeiter erfahren die enorme Verzweiflung der Eltern, die im Begriff sind, ein Kind zu verlieren oder bereits verloren haben. Auch dem Gynäkologen Jan-Peter Siedentopf der Charité-Klinik für Geburtsmedizin, Campus Virchow geht das nahe und ist deshalb froh, dass es nun einen Ort für die Trauer im Krankenhaus gibt. "Ein totes Baby berührt mich immer wieder, egal wie viele Kinder bei uns täglich gesund zur Welt kommen", sagt Siedentopf.

Unabhängig vom Zeitpunkt und den Umständen ist der Verlust ein tiefer Einschnitt im Leben der Eltern. Einträge in Internetforen des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e.V. oder der Initiative Regenbogen, Glücklose Schwangerschaft e.V. zeigen, wie wenig Verständnis verwaisten Eltern entgegengebracht wird. "Betroffene Frauen hören solche Sachen wie: Das ist ganz normal, das muss man eben verkraften, man soll nur recht schnell wieder schwanger werden", berichtet Ellen Grünberg, Beratende Hebamme beim Deutschen Hebammenverband.

Auf die Initiative der Hebamme Cornelia Brust und der Arbeitsgruppe Stille Geburt – Verwaiste Eltern hin wurde der Abschiedsraum im Virchow Realität. "Es ist uns gelungen, aus einem Es-Geht-Nicht – wir haben ja überhaupt keine Räumlichkeit und kein Geld – ein Und-Es-Geht-Doch zu machen", sagt sie. Sie arbeitet seit 1985 als Hebamme. "Wir wollten unbedingt einen Raum im Kreißsaalbereich", erklärt Brust. Jahrelange Berufserfahrung hat gelehrt, dass etliche Betroffene nach der Geburt ein, zwei oder auch drei Tage Zeit brauchen, um ihr Baby anzusehen und sich dann sehr spontan entscheiden, ihr totes Kind sehen zu wollen.

Diesem verständlichen, aber unplanbaren Bedürfnis können die Hebammen jedoch angesichts der dünnen Personaldecke und der Verpflichtung während der Dienstzeit im Kreißsaalbereich zu bleiben, nur nachkommen, wenn sich der Abschiedsraum in der Nähe befindet. Die Oberärztin der Klinik für Geburtsmedizin am Virchow Christine Klapp betont, dass die verwaisten Eltern dazugehören: Sie werden nicht ins stille Kämmerlein abgeschoben und ausgegrenzt, sondern sind mitten im Leben.