ZEIT ONLINE : Frau Pott, Sie haben gut 3500 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren befragt. Wie ehrlich sind Jugendliche, wenn es um etwas so schambesetztes wie Sex geht?

Elisabeth Pott: Sie sind ehrlich. Wir stellen sehr unterschiedliche Fragen. Bei der Auswertung sehen wir dann, ob die Antworten stimmig sind oder große Widersprüche enthalten. Außerdem fragen wir bewusst nichts, mit dem wir Lügen herrufen würden. Also alles, was Leistungsdruck erzeugt, zum Beispiel.

An bestimmten Punkten kann man die Aussagen der Jugendlichen mit anderen Daten und Studien vergleichen. So korrespondieren die Aussagen der Jugendlichen über ihr sehr verantwortungsbewusstes Verhütungsverhalten mit den niedrigen Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. Dass Teenager hier an Verhütung denken, belegen auch die Studien, die im Zusammenhang mit AIDS-Kampagnen durchgeführt wurden.

ZEIT ONLINE: Wie verhüten denn deutsche Jugendliche?

Pott: 2010 haben wir das beste Verhütungsverhalten seit wir die Studien durchführen – und das sind inzwischen 30 Jahre. Nur acht Prozent der deutschen Mädchen und Jungen haben beim ersten Mal nicht verhütet. Bei Jungen aus Migrantenfamilien sieht es jedoch schlechter aus. Kondome werden vor allem am Anfang benutzt. Später wechseln die Jugendlichen oft zur Pille. Auch das Verhalten von deutschen Jungen und Mädchen hat sich fast angeglichen, was unter anderem ein Hinweis auf ein vermehrtes partnerschaftliches Verhalten ist. Wenn doch nicht verhütet wird, dann vor allem während spontaner Sexualkontakte, mit denen man vorher nicht gerechnet hat.

ZEIT ONLINE: In der Öffentlichkeit ist der Eindruck verbreitet, Jugendliche werden viel früher reif und haben immer früher unverbindlichen Sex. Letzteres stimmt laut ihrer Studie nicht. Mädchen und Jungen schlafen später miteinander als noch vor vier Jahren. Wie kommt das?

Pott: Eine eindeutige Erklärung dafür, dass die Jugendlichen später Geschlechtsverkehr haben, gibt es nicht. Aber die Aussagen deuten darauf hin, dass Treue und Partnerschaft im Vordergrund stehen. Die meisten Jugendlichen haben Sex in einer festen Beziehung. Viele hatten oft auch erst einen Partner.

Die Skandalisierung der Jugendsexualität trifft jedenfalls nicht die Realität. Auch das Interesse an Pornografie ist weniger hoch als angenommen. Aber das Kinder heute biologisch früher reif werden, stimmt. 1980 gaben 8 Prozent der Mädchen für ihre erste Periode ein Alter von 11 Jahren oder früher an. Heute haben 14 Prozent der Elfjährigen schon ihre erste Regelblutung gehabt.

ZEIT ONLINE: Gibt es in bestimmten Szenen auch eine spürbare Tendenz zur Abstinenz vor der Ehe? Oder ist das ein Gerücht?

Pott: Aus unseren Befragungen lässt sich jedenfalls keine solche Mode ableiten. Viel wichtiger ist den Jugendlichen, ob sie den richtigen Partner finden. Allerdings legen stark religiös geprägte muslimische Mädchen Wert auf Abstinenz vor der Ehe.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie eine bestimmte Risikogruppe ausmachen, die besonders früh oder besonders riskanten Sex hat?