Frauen im Osten sind erfolgreicher als ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen. Und viel emanzipierter, möchte man in Gedanken hinzufügen. Wahre Begeisterung dafür, wie Frauen im Osten ihr Leben meistern, lässt sich aus der Studie "Das volle Leben! Frauenkarrieren in Ostdeutschland" herauslesen.

Im Auftrag des Bundesinnenministeriums hat das Autorenteam Uta Bauer und Susanne Dähner 650 Frauen in Ost und West befragt und außerdem auf Daten der so genannten Brigitte -Studie zurückgegriffen, die 2008 von der Soziologin Jutta Allmendinger erstellt worden war. 

Dreißig Prozent der Führungspositionen in den Neuen Ländern werden von Frauen besetzt, im Westen gehen 24 Prozent der Führungspositionen an Frauen. Allerdings handelt es sich im Osten fast ausschließlich um mittelständische Unternehmen, die die Frauen an die Spitze lassen. Eigentlich logisch, gibt es doch im Osten deutlich weniger Großunternehmen als im Westen, die Unternehmen sind größtenteils mittelständisch strukturiert.  

Deshalb sind die Ergebnisse aber nicht so eindeutig, wie es sich anhört. Denn Erfolg und Führungsposition wurden in der Studie nicht genauer definiert. Wann und vor allem ab welcher Unternehmensgröße ist eine berufliche Position eine Führungsposition? Denn in Großunternehmen haben es die Frauen im Osten nicht leichter als im Westen. Im Gegenteil. In Großunternehmen im Westen, so heißt es in der Studie, "bieten sich für junge, oft kinderlose Frauen […] eher Möglichkeiten, durch Karrieresprünge nach oben befördert zu werden". Frauenfördermaßnahmen und Mentoring werden als mögliche Gründe dafür angeführt. Diese gibt es im Osten nicht.

Die besonders einflussreichen Positionen, nämlich die in den Großunternehmen, teilen die Männer auch in Ostdeutschland unter sich auf. Um genau zu sein: die zugezogenen Westmänner. Die Wissenschaftlerin Gisela Erler bringt es auf den Punkt: "Es gibt eben auch keine Ostmänner in den Führungspositionen von Großunternehmen." Einerseits, weil nach der Wende Kompetenz aus dem Westen gebraucht wurde. Andererseits, weil Westkonzerne Standorte in den Neuen Bundesländern aufgebaut haben und in der Führungsebene ihre Mitarbeiter mitgebracht haben.

Erler ist  Inhaberin der Familienservice GmbH, eines Unternehmens, das zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf forscht und berät und seit einigen Jahren die Kongresse "Frauen machen neue Länder" organisiert: "In der Mitte der Wirtschaft, Verwaltung, Behörden gelingt es im Osten Frauen, sicherer und solider aufzusteigen."

Das Spannende an der Studie ist, dass diese Frauen Kinder haben oder verheiratet sind. Das Vorurteil von der kinder- und partnerlosen Karrierefrau greift im Osten nicht. Jede zweite erwerbstätige Mutter im Osten arbeitet Vollzeit, im Westen sind es nur 22 Prozent. Sie haben eine hohe Erwerbsneigung, so der soziologische Fachausdruck. Und das kommt nicht von ungefähr. In der DDR waren fast alle Frauen erwerbstätig, die meisten von ihnen in Vollzeit. Und fast alle Frauen hatten Kinder. 1986  waren es 92 Prozent. Die Frauen in den Neuen Ländern übernehmen von ihren Müttern und Großmüttern also nicht nur die hohe Erwerbsneigung, sondern auch den Willen zur Familie.