Kommt nach dem Konjunktur- jetzt das deutsche Geburtenwunder? Das Statistische Bundesamt hatte schon vor der Jahreswende einen Anstieg der vorläufigen Geburtenzahlen zwischen Januar und September gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 18.000 gemeldet. Ein sattes Plus von 3,6 Prozent – und das bei gleichzeitig 300.000 weniger Frauen im Jahr, die überhaupt noch als potentielle Mütter infrage kommen.

Diese Woche legte das Wiesbadener Amt nach. In seiner Bevölkerungsschätzung für das Gesamtjahr 2010 geht es von 665.000 bis 680.000 lebend geboren Kindern aus. Das wäre gegenüber den Vorjahresdaten ein Anstieg zwischen drei und fünf Prozent. Unterm Strich lässt das auf einen deutlichen Zuwachs der Geburtenrate, also der Babys pro Frau, hoffen. Hat die Familienpolitik doch noch die Geburtenwende geschafft?

Die Fachleute zeigen sich verblüfft und uneinig in ihren Erklärungen. Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock vermutet einen Geburtenschub unter den Frauen, die zur Generation der Baby-Boomer der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehören. Nach Ausbildung und Berufseinstieg hätten viele ihre aufgeschobenen Kinderwünsche wohl im letzten Jahr verwirklicht. Dieses Verhaltensmuster sei aus anderen europäischen Staaten wie Frankreich bekannt.

Der Koblenzer Sozialexperte Stefan Sell nimmt an, dass die "Polarisierung der Familienstrukturen" Einfluss auf die Geburtenrate hat: Frauen blieben entweder kinderlos oder entschieden sich immer häufiger für zwei und mehr Kinder.

Der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg hingegen meint, es sei verfrüht, jetzt eine Trendwende auszurufen. Dafür müsste "die Geburtenrate über einen Zeitraum von vier oder fünf Jahren" steigen. Davon seien wir noch weit entfernt. Ähnlich skeptisch äußert sich der Berliner Familienforscher Hans Bertram. Für ihn ist noch offen, wie weit sich die keineswegs ausgestandene Wirtschaftskrise auf die Bevölkerungsentwicklung auswirkt. Der Börsencrash von 1929 und dessen Folgen hätten beispielsweise weltweit das Ende der Vielkindfamilie mit sich gebracht.

Selbst Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will – anders als ihre Vorgängerin und einige Kommentatoren – lieber noch nicht von einem Babyboom 2010 sprechen. Freilich gebe es angesichts der Zahlen schon jetzt Grund zu "Freude und Optimismus". So sei der Kinderwunsch der Deutschen weiter gestiegen und trotz der Wirtschaftskrise die Geburtenrate 2009 im Vergleich zu 2008 nicht "drastisch abgesackt".