Stellen Sie sich vor, Sie halten Ihr soeben geborenes Baby im Arm und sprechen es auf Chinesisch an – könnte ja besser sein für seine berufliche Zukunft. Wie absurd würde sich das für Sie anfühlen. Wie viel Distanz würden Sie aufbauen, obwohl doch gerade nur Nähe und Gefühl zählen.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte in seiner Rede in Düsseldorf unter anderem gesagt, türkische Eltern sollten ihren Kindern erst Türkisch beibringen, bevor sie das Deutsche fördern. Empört hat zum Beispiel die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer daraufhin gesagt, die Sprache des Landes, in dem man auf Dauer bleibt, müsse Vorrang haben.

Was auch immer Erdogan sonst noch bezweckt, er hat den türkischstämmigen Deutschen jedenfalls nicht empfohlen, in Deutschland nicht heimisch zu werden, wie es der Europa-Politiker Martin Schulz von der SPD unterstellt. Im Gegenteil: Er fordert sie auf, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren, dabei aber ihre Muttersprache und Ursprungskultur nicht zu verleugnen. Das ist nicht sonderlich empörungswürdig, sondern ganz gesund. Denn alles andere wäre widersinnig für die Bindung zwischen Eltern und Kind – und auch für das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden.

Vorwerfen könnte man Erdogan allerdings, dass er verkennt, wie viele Enkel der türkischen Einwanderer längst deutscher sind als türkisch. Eltern, egal welcher Herkunft, werden deshalb selbst entscheiden, welche Sprache sie als erste an ihre Kinder richten und auch, ob die Kultur der Großeltern noch die ihre ist oder nicht. Assimilation soll zwar nicht verlangt werden – ist aber doch erlaubt. Frau Böhmer und Herr Erdogan können weder in die eine noch in die andere Richtung darüber bestimmen.

In den meisten türkischen Familien wird jedoch auch türkisch gesprochen. Und normalerweise halten wir Zweisprachigkeit – handelt es sich um Englisch und Deutsch oder auch Portugiesisch und Deutsch – für einen Wettbewerbsvorteil. Aber auf die Kombination Türkisch-Deutsch haben wir einen anderen Blick. Warum wollen deutsche Eltern, dass ihre Kinder möglichst schon in der Krippe Englisch oder Chinesisch lernen, obwohl der Unterricht einmal die Woche nichts mit deren Lebenswirklichkeit zu tun hat? Warum wünschen sie so selten die türkische Sprache? Läge die doch in vielen deutschen Stadtteilen viel näher.

Die Kindergartenfreunde können es, türkischstämmige Erzieherinnen werden sowieso schon beschäftigt. Beim Laden an der Ecke könnte das deutsche Kind die neue Sprache gleich ausprobieren. Die Einwandererkinder würden sich anerkannt fühlen und ihr Türkisch bereichern, die deutschen Kinder ganz natürlich eine Fremdsprache lernen. Die Grundschulen, die Unterricht in der Herkunftssprache anbieten, machen jedenfalls gute Erfahrungen.

Aber Türkisch gilt vielen Deutschen nicht als eine reiche Kultursprache wie jede andere, sondern als eine Sprache der Ungebildeten, weil sie hier nur in Debatten wie jener um Sarrazin vorkommt. Und türkischstämmige Kinder laufen in Deutschland tatsächlich Gefahr, dass die zwei Sprachen zwar in ihrem Leben eine große Rolle spielen, sie aber beide nicht richtig lernen. Sie sind weder in der einen, noch in der anderen richtig zu Hause. Das Türkische ist manchmal nur eine Sprache, die ausschließlich in der Familie gesprochen wird (dabei dann auch als Dialekt), und außerdem in der deutschen Öffentlichkeit als unerwünscht gilt. Deutsch lernen viele türkische Kinder viel zu spät. Damit einher geht dann, dass sie sich weder türkisch noch deutsch fühlen.

Der Streit um Entweder-Oder, um Zuerst oder Zuletzt führt nirgendwohin. Es muss vielmehr darüber gestritten werden, wie Deutschtürken beide Sprachen gleichberechtigt als ihre wahrnehmen und beide richtig lernen können.