Sein Leben folgte jahrzehntelang der gleichen Routine: Täglich war Hasan A. nach der Arbeit unter Tage im Ruhrgebiet als Erstes in die Teestube geeilt, um sich dort zu den anderen Kartenspielern an den Tisch zu setzen. Er verzichtete oft auf das Abendessen, um keine Minute zu verlieren. Nie dachte er dabei an seine Familie.

An manchen Abenden konnte er nur zuschauen – er hatte kein Geld mehr. Niemand wollte ihm etwas leihen, er hatte bei allen Anwesenden Schulden, und von der Bank bekam er schon lange nichts mehr. Zu Hause war auch nichts mehr zu holen; er hatte alles verzockt. Für einen kurzen Moment brach Hasans Welt zusammen – bis der nächste Lohn kam. Hasan A. hat sich schon lange in seiner Sucht verloren, kritische Nachfragen verbietet er sich.

Der 63-jährige Kurde ist einer von geschätzt hunderttausenden Migranten, die spielsüchtig sind. Laut einer vom Institut für Therapieforschung München ausgewerteten Suchthilfestatistik haben 55,3 Prozent der erfassten Betroffenen mit der Diagnose "Pathologisches Glücksspiel" einen Migrationshintergrund. Eine gemeinsame Studie der Universitäten Greifswald und Lübeck kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass "Personen mit Migrationserfahrung oder -hintergrund" besonders anfällig sind für die Glücksspielsucht. Der Berliner Psychologe Kazim Erdogan geht davon aus, dass 40 Prozent der Spielsüchtigen ausländische Wurzeln haben – die meisten aus dem orientalischen Kulturkreis. Einige von ihnen landen dann in Erdogans Sprechstunde. Er bietet Deutschlands erste und bisher einzige Selbsthilfegruppe für türkische Männer an, in der auch über Spielsucht geredet wird.

Für Hasan A. ist die Teestube seit seiner Ankunft in Deutschland 1973 zu einer Ersatzheimat geworden. Hier trifft er auf andere Männer, die wie er wenig Deutsch sprechen, als ungelernte Arbeiter kamen und blieben. Die Teestube ist für viele Ältere ein Ruheort, hier sind sie unter sich. Frauen ist der Zutritt zwar nicht verboten, aber es sind Männerorte. Es wird gequalmt, gezockt und geredet.

Aber ganz so harmlos, wie es klingt, sind die Teestuben nicht immer. Nicht wenige Männer verzocken hier ihr Einkommen und verschulden sich. Die Behörden sind unsicher, wie sie auf das Treiben reagieren sollen. Eigentlich sind Glücksspiele in Deutschland streng geregelt, das Zocken für Geld ist nur in lizenzierten Spielcasinos erlaubt. Tatsächlich aber bleibt das die Theorie: Es lässt sich schließlich kaum verhindern, dass sich Männer hinter verschlossenen Türen zum Spielen treffen.

Hasan A. sagt, er sei da so hineingeraten. "Was hätte ich denn sonst machen sollen?", fragt er und schaut dabei fern. Gemeinsamkeiten zwischen ihm und seiner Frau gab es schon lange nicht mehr, für seine drei Kinder habe er sich nicht interessiert. Er ging arbeiten. Irgendwann hörte er auf, seine Sucht zu verheimlichen; er beruhigte, wiegelte ab oder log.

Wann wieder spielen, welche Karten, welcher Einsatz? Nur noch spielen, rauschhaft, fiebrig, immer öfter, immer hektischer, manchmal ohne geschlafen zu haben. Spielen in der Hoffnung, die nächste Runde doch zu gewinnen, beherrscht von einer einzigen Frage: Wie komme ich an Geld? Heute hat Hasan A. etwa 100.000 Euro Schulden bei der Bank. Wie viel es genau ist, weiß er nicht – es scheint ihn auch nicht zu interessieren. Selbst wenn sein Leben lang sein Einkommen gepfändet werde, sagt er, reiche es nicht mal für die Zinsen. Es ist ihm auch egal. Nachdem er sich nicht mehr vom Kartentisch lösen konnte, verlor er seine Arbeit, rutschte in Hartz IV ab. Seit zwei Jahren ist er Rentner.