Kinder haben kein Problem mit alleinerziehenden Eltern – Seite 1

Die knapp drei Millionen Alleinerziehenden in Deutschland gelten nach wie vor als Problemgruppe . Studien und Statistiken bestätigen, dass sie oft Geldsorgen haben. Viele Menschen glauben außerdem, dass Kinder eher vernachlässigt werden, wenn sie nur einen Erwachsenen an ihrer Seite haben.

Doch wie empfinden die betroffenen Kinder selbst ihr Leben? Mit dieser Frage befasst sich eine Studie des Erziehungswissenschaftlers Holger Ziegler von der Universität Bielefeld. Über Tausend Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren haben seine Forscher befragt. Um Vergleiche anstellen zu können, waren darunter Kinder aus wohlhabenden und armen Familien, sowie von Alleinerziehenden und Familien mit beiden Elternteilen.

Befragungen von Kindern sind wissenschaftlich immer eine Herausforderungen, schließlich kann man ihnen keinen komplexen Fragebogen vorlegen. Eine Frage an die Kinder sei daher gewesen, ob "oft doofe Dinge passieren", erzählt Ziegler. Er glaubt, dass die Antworten eine "Realitätsebene" haben, "die man mit den Aussagen der Eltern und anderen Studien abgleichen kann."

Das auch für den Erziehungswissenschaftler überraschende Ergebnis der Studie: Für die meisten Kinder von Alleinerziehenden spielt es kaum eine Rolle, dass sie nur ein Elternteil um sich haben. Wie gut es dem Kind geht, hängt laut Ziegler von zwei anderen Aspekten ab.

Wichtig sei zum einen die materielle Situation einer Familie. "Armut wirkt sich auf alle Bereiche des guten Aufwachsens aus, egal wie richtig die Eltern sonst alles machen", sagt Ziegler. Dabei ginge es nicht zwangsläufig nur ums Geld. Sondern zum Beispiel auch um die Frage, ob das Kind ein eigenes Zimmer habe. Erst dann könne es sich gut entfalten.

Die Befragung der Universität Bielefeld zeigt, dass Kinder aus unterprivilegierten Familien sich weniger zutrauen und schlechtere Noten haben. Selbst die, die ihre Leistungen als gut einschätzen, haben schlechtere Zensuren als Kinder aus wohlhabenderen Familien. Sie fühlen sich also oft gekränkt und demotiviert. Bei Kindern aus Familien ohne Geldsorgen ist die Situation umgekehrt. Diejenigen, die sich selbst als gut bewerten, haben auch gute Zensuren.

Schon sechsjährige Kinder aus armen Familien denken darüber nach, dass es an Geld fehlt, um wichtige Dinge anzuschaffen. Sie sind oft emotional angeschlagen, empfinden deutlich häufiger als Kinder aus reicheren Verhältnissen Wut, Scham oder Trauer, ohne zu wissen warum.

Kinder alleinerziehender Mütter mit Geldsorgen werden von ihren Mitschülern häufiger gehänselt und gemobbt als andere Kinder. Ziegler glaubt, dass Kinder von Alleinerziehenden sowohl von Lehrern als auch von Altersgenossen stigmatisiert werden.

 Alleinerziehende sind besser vernetzt als Paarfamilien

Der zweite zentrale Aspekt für das Wohlbefinden der Kinder ist die Fürsorge ihrer Eltern. Können Sie sich auf die Mutter und/oder den Vater verlassen? Werden sie getröstet und geherzt?

Dabei ist es unerheblich, ob die Eltern nach eigenen Angaben eher "autoritär" oder nach dem Prinzip "laisser-faire" erziehen. Für alle Kinder ist vor allem Zuwendung im Alltag wichtig. Hört mir jemand interessiert zu, nimmt sich Zeit für mich oder gibt es ständig Streit? Die Kinder von Alleinerziehenden geben an, mindestens genauso viel Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen wie ihre Altersgenossen. Tendenziell fühlen sie sich sogar besser aufgehoben – obwohl sie ihre gestressten Elternteile als etwas strenger empfinden und es etwas häufiger Streit gibt.

Alleinerziehende schaffen sich offenbar ein besseres Netzwerk als Paarfamilien: Sie sorgen für andere Menschen, die sich um die Kinder kümmern. Auch dies ist ein Ergebnis der Studie.

Auf das Wohlbefinden der Kinder wirken sich also sowohl Geborgenheit als auch die finanzielle Situation aus. Man dürfe daraus nicht ableiten, dass ein armes Kind automatisch weniger Fürsorge erhalte, betont Ziegler: "Aber wenn es um beide Bereiche schlecht steht, wird es dramatisch für das Kind."

Große Aufmerksamkeit brauchen demnach weniger die Alleinerziehenden, sondern eher arme und vernachlässigte Kinder. Erziehungswissenschaftler Ziegler sagt, auch ein Bildungspaket helfe dieser Gruppe nur wenig. Vielmehr brauche es eine Infrastruktur, die allen Kindern eine anregende Umgebung ermöglicht. Und Kommunen, die sich das auch leisten können.

Der Forscher fordert außerdem mehr Aufmerksamkeit für die alleinerziehenden Erwachsenen. "Wir können deshalb keine Entwarnung geben, weil es sich stark auf die Eltern auswirkt, wenn sie ihre Kinder alleine erziehen", sagt er. Sie lebten einfach oft in Armut und hätten es schon deshalb schwerer. Sie seien gestresster und erschöpfter als andere Eltern. Außerdem – und hier decken sich die Erfahrungen von Kindern und Eltern – fühlen sie sich oft ausgegrenzt und nicht fair behandelt.