Madonna oder Angelina Jolie – Kinder adoptieren scheint ein Trend zu sein. Nicht so in Deutschland. Hier hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der Adoptionen fast um die Hälfte verringert. Sie ist laut Statistischem Bundesamt von etwa 7.100 im Jahr 1991 auf rund 4.000 im Jahr 2010 gesunken.

Im vergangenen Jahr zeigte die Statistik zwar einen leichten Anstieg, aber der gilt nicht für Kinder, die eine komplett neue Familie finden müssen. Gisela Rust von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle in Norddeutschland erklärt, dass vor allem die Zahl der Kinder, die von einem Stiefvater, einer Stiefmutter oder von Verwandten adoptiert wurden (im Schnitt etwa 50 Prozent) im vergangenen Jahr so hoch ausfiel, dass das die Gesamtzahl nach oben getrieben hat. Erneut gesunken ist aber die Zahl der sogenannten Fremdadoptionen. Das gilt auch für die Auslandsadoptionen, die über staatliche Stellen abgewickelt wurden; sie wurden mitgezählt.

In Deutschland werden immer weniger Kinder geboren, deshalb werden auch weniger Kinder zur Adoption freigegeben. Doch reicht der  demografische Wandel nicht aus, um die extrem gesunkenen Adoptionszahlen zu erklären. Woran liegt es noch? Brauchen viele Kinder keine Adoptiveltern mehr, oder finden sie keine adoptionswilligen Eltern?

Unterstützung für die Väter

Wissenschaftliche Auswertungen dazu gibt es nicht. Rodika Quilitz von der Adoptionsstelle der Berliner Senatsverwaltung aber hält diese Entwicklung aus ihrer Erfahrung für überwiegend positiv, denn die Kinder bleiben häufiger bei ihren leiblichen Eltern. Deren Rechte seien gestärkt worden, Familien würden heute besser unterstützt – finanziell und mit ambulanten Erziehungshilfen, sagt sie. Die Jugendämter sähen ihre Aufgabe eher im Beraten als im Kontrollieren. Quilitz sagt: "Eine große Rolle spielt auch, dass die Väter ermutigt werden, Verantwortung zu übernehmen. Es geschieht viel öfter als früher, dass sie die Kinder versorgen, wenn die Mutter es nicht schafft."

Auch Rust aus Hamburg sagt, die soziale Situation für Alleinstehende sei nicht mehr so abschreckend. Außerdem schaue man inzwischen mehr auf die einzelne Biografie: "Heute würde man einer 18-jährigen Abiturientin nicht mehr raten, ihr Kind zur Adoption freizugeben, sondern sie unterstützen, zum Beispiel in Mutter-Kind-Heimen oder durch eine vorübergehende Pflege."

Weniger ungewollte Kinder

Es kommen also viele Faktoren zusammen. Im Osten Deutschland zum Beispiel gab es laut Quilitz vor 20 Jahren einen sprunghaften Anstieg der Adoptionen. Denn nach dem Mauerfall waren viele Schwangere so verunsichert, dass sie sich nicht zutrauten, ein Kind aufzuziehen. Dieses Phänomen trägt dazu bei, dass die Adoptionszahlen vor 20 Jahren so hoch waren. Die Angst legte sich aber bald; viele Mütter, die ihre Kinder damals zur Adoption freigaben, bereuen ihren Schritt heute sehr.

Heute kommen, das ist ein weiterer Faktor, aufgrund besserer Verhütung oder auch durch Abtreibungen auch weniger ungewollte Kinder zur Welt als früher.

Trotzdem ist Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein Paradies für Kinder geworden. Quilitz erklärt: "Es gibt trotz all der Hilfen Eltern, die, weil sie vielleicht selbst wichtige Dinge nicht erfahren haben, über begrenzte Möglichkeiten verfügen, und denen man den verantwortlichen Umgang mit Kindern auch nicht nahe bringen kann." In diesen Fällen nehmen die Jugendämter die Kinder seit den Aufsehen erregenden Fällen von getöteten und verhungerten Kindern sogar schneller aus der Familie als früher.

Doch adoptiert werden diese Kinder meistens nicht. Rust sagt: "Der Staat hat das Recht, ein Kind woanders unterzubringen, wenn es schlecht behandelt wird. Aber das Recht der Eltern, dass das Kind ihr Kind ist, kann man ihnen nur in den seltensten Fällen nehmen." Und so werden diese Kinder in Pflegefamilien untergebracht, die laut Rust inzwischen händeringend gesucht werden.

 Ein Adoptivkind zu bekommen, ist schwierig

Selbst wenn sich die leiblichen Eltern ganz zurückziehen und sich nicht mehr kümmern, werden die betroffenen Kinder oft nicht zur Adoption freigegeben, sagt Quilitz. Denn es könnte sie erneut traumatisieren, wenn sie aus der Pflegefamilie wieder herausgerissen würden und sich noch einmal an neue Eltern gewöhnen müssten.

Rust erlebt allerdings auch, dass die Zahl der Bewerber für ein Adoptivkind gesunken ist. Manche Paare schrecke der aufwändige Prozess der Bewerbung ab und die geringen Chancen, wirklich ein Kind zu bekommen. Die Vorbereitungszeit könne durchaus so lange sein wie eine Schwangerschaft, sagt Quilitz. Aus gutem Grund, denn Adoptivkinder sind oft traumatisiert und manchmal auch behindert. Die Pubertät wird für sie oft besonders schwierig, weil sie sich in dieser Zeit bewusst mit ihrer Herkunft auseinandersetzen. Damit müssen Adoptiveltern umgehen können. Früher gab es, erzählt Rust, eine Warteliste, die abgearbeitet wurde. Heute sucht man für jedes Kind die richtigen Eltern. Das heißt auch, dass manche Menschen, die sich ein Kind wünschen, nie eines bekommen.

Auch die Reproduktionsmedizin mit ihren Erfolgen und Misserfolgen spielt eine Rolle bei der Erklärung der niedrigen Adoptionszahlen. Denn oft sind potenziellen Eltern, nachdem sie lange vergeblich versucht haben, auf natürlichem und dann auf künstlichem Weg ein eigenes Kind zu empfangen, zu alt, wenn sie sich um ein Adoptivkind bewerben. Zwar gibt es keine gesetzliche Altersgrenze, aber die Vermittlungsstellen wollen in der Regel, dass der Altersabstand zwischen Kind und Eltern nicht mehr als 40 Jahre beträgt. Sowohl Rust als auch Quilitz halten das für sinnvoll, weil ein Adoptivkind die Fürsorge der Eltern oft länger braucht als andere Kinder. Es braucht also ein starkes Gegenüber, das nicht schon mit den Wechseljahren oder dem Alter zu kämpfen hat.

Einen Trend, dass Adoptionskinder einmal ganz verschwinden, kann Quilitz aber nicht erkennen. "Es wird immer Eltern geben, die das Freigeben zur Adoption als eine verantwortungsbewusste Entscheidung sehen können. Das kann eine Studentin sein, die es sich noch nicht zutraut, ein Kind großzuziehen, aber es trotzdem von Anfang an in gesicherten Verhältnissen und liebevoll umsorgt wissen will. Oder eine Frau kurz vor den Wechseljahren, die schon erwachsene Kinder hat und sich nicht mehr in der Lage sieht, noch einen Säugling zu versorgen."

Anders als früher müssen Eltern, die ihre Kinder abgeben, heute auch nicht mehr befürchten, dass sie sie nie wieder sehen. Vielmehr werden sie im Sinne des Kindes ermuntert, den Kontakt zu ihren Kindern und den Adoptiveltern zu halten.

Die detaillierten Zahlen des Statistischen Bundesamts als Google-Doc