ZEIT ONLINE: Herr El-Mafaalani, Sie haben muslimische Kinder und Jugendliche untersucht, die sich in Deutschland schwer integrieren. Welche Rolle spielt die Religion ?

Aladin El-Mafaalani : Der Schwerpunkt unserer Untersuchung lag auf türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen. Der Islam bedeutet für sie ganz Unterschiedliches und hat meistens wenig Einfluss darauf, wie gut sich ein Kind in die Gesellschaft integrieren kann. Problematischer sind die Traditionen, die aus muslimisch geprägten Gesellschaften mit nach Deutschland gebracht wurden.

ZEIT ONLINE: Die Kultur bereitet also mehr Schwierigkeiten als die Religion?

El-Mafaalani: Es ist eine Mischung aus kulturellen und sozialen Faktoren. Manche Eltern schreiben ihren Kindern traditionelle Werte und Denkweisen aus den armen, ländlichen Regionen ihrer Heimatländer vor, die sich hier nicht mehr umsetzen lassen. Was die Kinder in der deutschen Schule erleben, steht im Gegensatz dazu. Beide Überzeugungen prallen aufeinander und die Jugendlichen werden mit diesem Konflikt alleine gelassen.

ZEIT ONLINE : Können Sie ein Beispiel nennen?

El-Mafaalani: Mein Co-Autor Ahmet Toprak hat drei typische Erziehungsstile in muslimischen Familien definiert. Der konservative, autoritäre betrifft zwar nur 30 bis 40 Prozent der Familien, kann aber sehr problematisch werden. Er setzt auf sichtbaren Respekt. Zum Beispiel: Ein Vater, der mit seinem Kind schimpft, erwartet, dass das Kind schweigt und erträgt. Fragen sind immer rhetorisch und dürfen nicht beantwortet werden. Es macht gar nichts, wenn das Kind genervt guckt, aber es darf die Autoritätsperson nicht anschauen. Verhält sich dasselbe Kind aber einem deutschen Lehrer gegenüber genauso – es guckt genervt, schweigt, wenn es gefragt wird, schaut den Lehrer nicht an – findet der das Verhalten respektlos. Und das Kind versteht gar nicht, was die Lehrer von ihm wollen.

ZEIT ONLINE : Doch inzwischen sind viele Eltern mit Migrationshintergrund selbst in Deutschland zur Schule gegangen. Sie wünschen sich auch eine gute Bildung für ihre Kinder.

El-Mafaalani: Zum Teil sind türkischstämmige Eltern tatsächlich noch Analphabeten. Die Eltern, die hier schon zur Schule gegangen sind, waren damals oft in reinen Ausländerklassen untergebracht oder lebten in Vierteln, in denen die meisten Klassenkameraden aus der Türkei kamen. Sie fühlten sich selbst diskriminiert. Die Bildungswünsche sind zwar wirklich vergleichsweise hoch. Das hat aber keine Konsequenzen, weil die Eltern nicht wissen, was die deutsche Schule von ihnen erwartet.

ZEIT ONLINE : Welche Missverständnisse entstehen zwischen deutschen Lehrern und muslimischen Eltern?

El-Mafaalani : Die Schule hat in der Türkei oder in arabischen Ländern einen umfassenderen Auftrag. Da wird auch erzogen. Lehrkräfte fordern nichts von den Eltern. Ruft also ein deutscher Lehrer die Eltern wegen einer vermeintlichen Lappalie an, wird der Lehrer als inkompetent wahrgenommen. In benachteiligten Milieus werden die Eltern infolgedessen vielleicht noch strenger, als sie ohnehin schon sind, weil sie glauben, dass das vermeintliche Laissez-faire der deutschen Schule ihren Kindern schadet und zu der Erfolglosigkeit in der Schule führt. Der Lehrer wiederum denkt: Die Eltern sind desinteressiert und müssten ihre Kinder mehr unterstützen. Dabei sind beide Seiten eigentlich am Erfolg interessiert.