Zu Weihnachten bekam Luise ein schönes großes Puppenhaus. Mit vielen tollen Möbeln, darunter eine Waschmaschine, deren Trommel sich wirklich dreht, und mit einer netten Puppenfamilie. Luise war kaum noch vom Puppenhaus wegzubekommen und nach drei Tagen fing ich an, mir Gedanken zu machen.

"Fällt dir auf", fragte ich meine Liebste, "dass unsere Tochter die Puppeneltern ständig ins Bett legt?"

Meine Liebste sah mich amüsiert an.

"Nackt?"

"Nein", sagte ich. "Aber es ist doch auffällig: Die Puppenkinder sind auf der Toilette, werden aus- und angezogen, spielen in der Puppenküche mit der Katze, fahren Oma und Opa besuchen. Und die Eltern – liegen nur im Bett. Wie kommt sie nur darauf?"

Meine Liebste sah schon weniger amüsiert aus. Denn wir gehören nicht zu den Eltern, die am Wochenende um 6.30 Uhr aus dem Bett federn und mit ihrer Tochter erst auf den Waldspielplatz gehen, dann ein paar Englischlektionen einlegen und vor dem Mittagessen noch schnell ins Schwimmbad und/oder ans Meer fahren. Wir sind Eltern, die am Wochenende einige Zeit brauchen, bis sie mit verquollenen Augen am Frühstückstisch kauern. Was Luise manchmal ungeduldig macht. Bisher glaubten wir aber, dass das keine negativen Folgen für ihr Elternbild habe.

"Du willst sagen, es liegt an uns?", fragte meine Liebste.

"Kann das nicht sein?", fragte ich. "Spielen Kinder nicht das nach, was sie erleben – und was sie daraus schlussfolgern?"

"Du meinst, sie meint, wir sind..."

"Faule Säcke. Eltern, die den ganzen Tag im Bett liegen, statt sich um ihr Kind zu kümmern."

"Aber das ist doch nicht so!"

"Natürlich nicht", sagte ich. "Aber vielleicht sind die Morgenstunden die wichtigsten bei der kindlichen Urteilsbildung."

"Wir stehen werktags doch immer früh auf."

"Vielleicht kommt es vor allem aufs Wochenende an", sagte ich. "Weil Kinder wissen, dass ihre Eltern dann Zeit mit ihnen verbringen sollten. Und nicht im Bett. Ich habe das mal gegoogelt. Luise ist gerade in der Phase der Wahrnehmungsentwicklung. Nicht, dass sie uns völlig falsch wahrnimmt und dass sich das später nicht mehr ändern lässt..."

Leicht beunruhigt ging meine Liebste zum Puppenhaus und wartete, bis Luise nicht hinguckte. Dann setzte sie den Puppenvater in die Badewanne und stellte die Puppenmutter in die Küche. Als meine Liebste nicht hinguckte, setzte ich die Mutter in die Wanne und stellte den Vater in die Küche.

Es half nichts. Luise hatte kaum ein bisschen gespielt, da lagen beide Puppeneltern wieder im Bett. Diesmal mit den Gesichtern nach unten.