Die elfjährige Chantal kam von einer Familie, die nicht für sie sorgen konnte, in die nächste, die es auch nicht geschafft hat. Sie starb im Januar in Hamburg in Obhut von Pflegeeltern an einer Methadonvergiftung.

Es ist gut, dass der Staat eingreift und Kinder vor überforderten oder gewalttätigen Eltern schützt. Aber nicht immer wird die Pflegefamilie sorgfältig genug ausgewählt. Wie in Chantals Fall. Ihre leiblichen Eltern waren drogenabhängig, die Mutter trank noch dazu. Sie gab das Mädchen 2010 ab. Im selben Jahr ist sie gestorben. Chantal ist jedoch nicht aufgefangen worden in einer heilenden Umgebung, sondern war Pflegeeltern ausgeliefert, die ebenfalls drogenabhängig waren. Beide nahmen die Ersatzdroge Methadon.

Was braucht ein Pflegekind?

"Ein wahrscheinlich vorgeschädigtes Kind in eine wie auch immer belastete Familie zu geben, das geht gar nicht", sagt Bettina Bonus. Die Ärztin, die mit traumatisierten Adoptiv- und Pflegekindern arbeitet, hat Chantal zwar nicht kennengelernt, sagt aber: "Die Geschichte deutet darauf hin, dass Chantal früh traumatisiert wurde. Diese Kinder brauchen nicht nur Fürsorge, sondern Heilung." Die Familie müsse ganz nah beim Kind sein, eigene Bedürfnisse zurückstellen und alle Zeit und Kraft dem Kind widmen. Für Chantal fehlte es allerdings schon am Grundlegendsten: Nicht einmal ein eigenes Bett hatte das Mädchen.

Familien bewerben sich im Normalfall selbst um eine Pflegestelle. Für die Bewerber in Hamburg gelten laut Bezirksamt Hamburg-Wandsbek, das in Sachen Pflegefamilien die Federführung hat, einige formale Voraussetzungen: Sie dürfen nicht zu jung oder zu alt sein. Sie müssen ein Führungszeugnis vorlegen. Als Reaktion auf Chantals Tod muss das Führungszeugnis in Zukunft alle Straftaten zeigen, nicht nur Kindesmisshandlung oder -missbrauch. Außerdem wird seit Kurzem ein Gesundheitszeugnis mit Drogentest verlangt. Die potenziellen Pflegeeltern sollen wirtschaftlich so abgesichert sein, dass das Pflegegeld nicht zum Lebensunterhalt gebraucht wird. Ausreichend Wohnraum muss zur Verfügung stehen und sie müssen genug Zeit haben.

Ausbildung zur Pflegefamilie

Darüber hinaus durchlaufen potenzielle Pflegeeltern eine kurze Ausbildung vom Pflegefachdienst PFIFF – 30 Stunden abends und am Wochenende. Die gemeinnützige GmbH führt parallel dazu Gespräche mit den künftigen Pflegeeltern und besucht sie auch zu Hause.

Familien, die mit ihrem Pflegekind verwandt sind, oder die ein Kind aus der Nachbarschaft aufgenommen haben, bevor sie offiziell zur Pflegefamilie wurden, bekommen jedoch nur eine abgespeckte Ausbildung. So lief es im Fall von Chantal. Sie scheint in die Familie hinein gestolpert zu sein, in deren Obhut sie starb. Laut FAZ war Chantal mit der achtjährigen Ashley befreundet, dem ersten Pflegekind und der leiblichen Enkelin der Pflegefamilie. Sie ging in der Familie ein und aus. Als Chantals Mutter sie abgab, blieb sie offenbar einfach dort – mit Billigung des zuständigen Jugendamtes. Ob und von wem die Eignung der Familie überprüft wurde, müssen die Ermittlungen noch klären. Doch weil Chantal mit ihren leiblichen Eltern direkt nebenan gewohnt hatte, schien diese Lösung sinnvoll.

Kinder brauchen Konstanten – aber das gewohnte Umfeld muss nicht immer ein Vorteil sein.

Dahinter steckt die Überzeugung, dass Kinder, die schon von ihren leiblichen Eltern getrennt werden, andere Konstanten brauchen und deshalb möglichst nicht ihr ganzes gewohntes Umfeld verlieren sollen. Das Prinzip nennt sich im Behördenjargon "sozialräumliche Unterbringung" oder wird mit dem Begriff "milieunah" umschrieben. Es wird auch von den Hamburger Jugendämtern verfolgt. Die Sprecherin vom Bezirksamt Hamburg-Wandsbek sagt jedoch einschränkend: "In jedem Einzelfall wird geguckt, ob eine sozialräumliche Unterbringung geeignet ist“

Der Erziehungswissenschaftler Klaus Wolf, der an der Universität Siegen zu Pflegekindern forscht, bestätigt das grundsätzlich Problem: "Ortswechsel und Beziehungsabbrüche rufen bei Kindern und Jugendlichen eine starke Unsicherheit hervor." Bettina Bonus hält nichts von milieunaher Unterbringung: "Wichtig ist nicht, wo die Familie wohnt, sondern, ob sie die Ressourcen hat, das Kind zu betreuen und zu heilen."