Was ist ein Baby?

Die leuchtend gelben Vorhänge strahlen Behaglichkeit aus. Auf dem Boden laden farbenfrohe Gymnastikmatten und Bälle zum Liegen und Sitzen ein. Touchscreens an der Wand zeigen wechselnde Ansichten von Babys in verschiedenen Entwicklungsstadien. Wasser, Saft, Obst und Gemüseschnitze stehen auf einem kleinen Tisch. Alexanders Freundin Milena ist im siebten Monat schwanger.

Es ist das Jahr 2052. Das Leben von Milena und Alexander ordnet sich langsam. Ihre Jobs scheinen halbwegs stabil zu sein , das Paar lebt schon seit fünf Jahren gemeinsam in einem hübschen Loft in der Hamburger Innenstadt . Außerdem haben sie gespart. Genug, um sich entscheiden zu können, Eltern zu werden.

Alexanders Mutter hat nur den Kopf geschüttelt, als sie von diesen Plänen hörte. Nicht wegen des Kindes, schließlich hat sie selbst schon vielen Babys auf die Welt geholfen, ein Wunder, jedes Mal. Aber die Begründung: Das Loft. Die Jobs. Das Geld. So rational, so überlegt. Bis Milena auf einmal mit glänzenden Augen vor ihr stand. "Ich habe sein Gesicht gesehen, ganz plastisch. Und diese kleinen Füße!"

Nun nehmen Milena und Alexander also ihren gesetzlich vorgesehen Babyvorbereitungsurlaub. Denn sie müssen einen Kurs für werdende Eltern besuchen. "Den Elternschein machen", nennen sie das. In den kommenden fünf Tagen wird das Paar alles Wesentliche über die Geburt und die Säuglingspflege lernen und erste Tipps für die Nachsorge nach der Geburt bekommen. Verordnet wurde der Kurs vom Staat, sobald sie die Schwangerschaft angemeldet hatten. Gezahlt wird er von der Krankenkasse.

Beim ersten Treffen finden sich Milena und Alexander mit acht weiteren Paaren in einem Raum wieder, der einst als Büro diente. "Seien Sie froh, dass die Firmen uns heute solche Zimmer zur Verfügung stellen", sagt die Kinderkrankenschwester. Früher hätten Kursteilnehmer in Praxen oder Krankenhäuser kommen müssen. "Das war dann entweder ein Geburts- oder ein Säuglingsvorbereitungskurs nach der Arbeit, neben Arztterminen, Schwangerschaftsyoga oder Schwimmen. Stress pur – glauben Sie mir."

Muss ein Baby nachts gewickelt werden?

Die Krankenschwester ist seit dreißig Jahren im Geschäft. Sie hat miterlebt, wie aus den freiwilligen Kursen am Abend und intensiven Schulungen am Wochenende ein Pflichtprogramm samt staatlich vorgesehenem Urlaub für werdende Eltern wurde. Die Grundlagen der Säuglingspflege sind den meisten der Kursteilnehmer völlig fremd. Der Umgang mit Babys ist so selten geworden, dass er geradezu unnatürlich ist.

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"Ich hatte noch kein einziges Mal ein Baby auf dem Arm. Keine Ahnung, wie man es richtig hält", gesteht eine junge Frau. Einer der Männer erzählt, er habe gehört, dass Windeln nachts nicht gewechselt werden dürften. Ein anderer fragt, ob beim Neugeborenen nach der Geburt etwas kaputt gehen könne, wenn es nicht direkt an die Brust der Mutter komme.

"Wir haben genug Zeit, alle Ihre Fragen zu beantworten", versichert die Kursleiterin. Es sind seit Jahrzehnten dieselben. Und es wird immer wichtiger, sie gut zu beantworten; die wenigen Kinder der Republik müssen schließlich gepflegt werden. "Deshalb ist es so widersprüchlich, dass immer mehr Leute fordern, das Geld solle in die Altersvorsorge und Seniorenheime fließen und nicht in die Kindergärten", sagt Milena. Der Kampf um die Mittel wird erbittert geführt.

Wieder lernen, auf den Körper zu hören

Darum soll es heute jedoch nicht gehen. Rasch bringt die Kursleiterin das Gespräch zurück auf die wesentlichen Dinge: "Wenn sie voll Stillen wollen, achten Sie darauf, dass Sie zur Sicherheit Milchpulver im Haus haben. Die Muttermilch geht Ihnen garantiert dann aus, wenn sie es am wenigsten gebrauchen können." Oder auch: "Wenn das Kind normal angezogen ist,  sollte die Temperatur im Raum nicht über 20 Grad liegen. Wenn sie das Baby baden, drehen sie die Heizung vorher auf."

Einige zeichnen den Vortrag mit  ihren Smartphones auf. Die wichtigsten Schritte werden sie aber ohnehin als dreidimensionale Animationen geschickt bekommen, um sie sich daheim in Ruhe anschauen und nachmachen zu können. "Seien Sie versichert: Eine Schwangerschaft können Sie nicht planen. Sie funktioniert nicht automatisch, wie ihr Smartphone oder das Netzwerk. Sie müssen wieder lernen, auf ihren Körper zu hören", mahnt die Krankenschwester. Milena wackelt unsicher auf ihrem Sitzball hin und her. "Mein Körper hätte mir aber nicht sofort gesagt, wenn unser Kind einen Gendefekt hätte. Ich bin froh, dass wir die Tests gemacht haben", flüstert sie ihm zu.

Noch vor ihrer Entscheidung, ein Kind zu bekommen, haben sich Milena und Alexander von ihrem Genetic Counselor auf mehr als 7.000 monogene Erbkrankheiten testen lassen. Ein Tropfen Blut auf einem Biomarker genügte. Das Verfahren ist schnell und einfach und lieferte dem Paar zugleich die Gewissheit, dass sein Baby gesund sein wird. Die beiden hätten es für unverantwortlich gehalten, Nachkommen zu zeugen, wenn wegen schwerwiegender Mutationen das massive Risiko einer Erkrankung bestanden hätte.

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"Wie wird Ihr Kind denn aussehen?", fragt Milenas Sitznachbarin in der Pause. Sie und ihr Mann hätten sich für blonde Haare, einen olivfarbenen Teint und braune Augen entschieden. "Wir lassen die Natur entscheiden. Mein Mann hat griechisches Blut, das macht es irgendwie spannend", antwortet Milena. Ausführlich hatte sie die Möglichkeiten der Eigenschaftswahl diskutiert, dann aber beschlossen, das Geld lieber in ein Kindermädchen zu investieren.

Denn sowohl Alexanders Eltern als auch Milenas Vater und Mutter sind noch einmal voll in den Job eingestiegen. Die fitten Alten haben keine Zeit, sich um ihr Enkelkind zu kümmern. "Wir haben uns auch nicht vorab auf ein Geschlecht festgelegt", fügt Alexander schnell hinzu, obwohl er schon gern ein Mädchen gehabt hätte. Das Paar gegenüber wirft sich einen vielsagenden Blick zu: "Ökos also". Stimmt, denkt Alexander. Aber wer will schon so vorherbestimmt leben?