Kristina Schröders Plan ist nur ein Trostpflästerchen – Seite 1

ZEIT ONLINE: Frau Wehrmann, 130.000 Krippenplätze fehlen offiziell noch bis zum 1. August 2013. Glauben Sie, Kristina Schröder kann den Rechtsanspruch ab diesem Datum halten?

Ilse Wehrmann: Ich halte das nicht für möglich. Nach meinem Kenntnisstand fehlen sehr viel mehr Plätze. Es sind nicht 130.000, sondern um die 400.000.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von Kristina Schröders 10-Punkte-Programm ?

Wehrmann: Es ist natürlich gut, dass der Bund reagiert und mehr Geld in das Ausbauprojekt steckt. Der 10-Punkte-Plan von Frau Schröder ist aber nur ein Trostpflästerchen. Das reicht nicht aus. Die Qualität wird auf der Strecke bleiben.

ZEIT ONLINE: Zu wenig Geld?

Wehrmann: Kredite in der Höhe von 350 Millionen Euro finde ich dürftig. Es müssten Milliarden sein. Von dem geplanten Geld kann man vielleicht gerade 100 Einrichtungen bezahlen. Mindestens 1.000 bis zu 4.000 wären nötig.

ZEIT ONLINE: Welche Qualitätseinbußen befürchten Sie?

Wehrmann: Die Krippenkinder werden in zu großen Gruppen untergebracht, mit zu wenigen und schlecht ausgebildeten Pädagogen. Dann geht es nur noch darum, dass keine Unfälle passieren. Die Bildung bleibt auf der Strecke. Personalnotlösungen mit FSJlern halte ich für zweifelhaft. Pädagogische Quereinsteiger sind gut, müssen aber eine Ausbildung haben.

ZEIT ONLINE: Kristina Schröder betont jedoch, dass die Qualität nicht leiden soll. Bis 2020 sollen verbindliche, wissenschaftlich fundierte Mindeststandards und Qualitätskontrollen eingeführt werden.

Wehrmann: Bis 2020? Meiner Ansicht nach könnte man sich im Herbst auf Standards einigen. Wir haben in Deutschland kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.

ZEIT ONLINE: Wie sehen denn die Qualitätsstandards jetzt in deutschen Krippen aus?

Wehrmann: Sie sind überhaupt nicht zu vergleichen und hängen oft von der Finanzkraft einer Kommune oder den Prioritäten des Bürgermeisters ab. Die Länder haben ganz verschiedene Ziele. In Nordrhein-Westfalen sollen jeweils drei Fachkräfte pro Gruppe für zehn Kinder unter drei Jahren da sein. Das ist sehr nah an dem, was Wissenschaftler fordern. In Niedersachsen hingegen steckt man 15 Kinder zwischen acht Wochen und dreieinhalb Jahren in eine Gruppe mit einer Erzieherin und einer Helferin. Kinder mit 8 Wochen brauchen aber eigentlich eine Eins-zu-eins-Betreuung. Das würde ich meinem Kind nicht antun. Die Qualität der Einrichtungen kontrolliert übrigens außer Berlin überhaupt kein Bundesland.

Erzieher brauchen eine akademische Ausbildung

  ZEIT ONLINE: Und was müssten kleine Kinder eigentlich vorfinden?

Wehrmann: Sie brauchen verlässliche Strukturen, gut ausgebildete Pädagogen, die den Kindern kompetent die Welt erklären. Kleine Kinder brauchen weniger Projekte, sondern eine ganzheitliche Bildung: musisch, technisch, ästhetisch, sprachlich. Also zum Beispiel keinen Sprachkurs, sondern Menschen, die viel und kompetent mit ihnen reden und Räume, die ausreichend Platz und Anregung bieten. Dazu brauchen die Erzieher Zeit und sollten einen Entwicklungsplan für jedes einzelne Kind erstellen.

ZEIT ONLINE: Kristina Schröder will auch etwas gegen den Erziehermangel tun: mehr anwerben und ausbilden, sogar bessere Gehälter zahlen. Was müssen Erzieher Ihrer Ansicht nach können?

Wehrmann: Leider hat sie keine konkreten Maßnahmen damit beschlossen. Erzieher müssten genau wie Lehrer eine Universitätsausbildung haben und in den ersten Dienstjahren noch theoretisch begleitet werden. Wir wissen, das vieles irreparabel ist, was in den frühen Jahren geschieht, nicht nur in der Wissensvermittlung, sondern auch wenn es um soziale und emotionale Kompetenzen geht. Es gibt inzwischen ja viele Studiengänge, die so etwas bieten – aber sie werden nur von den Kultusministern anerkannt, nicht von den Jugendministerien, die für Kindergärten zuständig sind. Also machen die Absolventen ihren Master und gehen nicht in die Praxis. Die Tarife müssten natürlich auch sehr viel höher sein, um die Akademiker in die Kitas zu holen.

ZEIT ONLINE: Frau Schröder setzt auch darauf, schnell mehr Tagesmütter auszubilden. Was halten Sie davon?

Wehrmann: Tagesmütter können eine gute Ergänzung sein, sind aber für viele Eltern nicht verlässlich genug. Fällt die Tagesmutter öfter aus, muss immer einer zu Hause bleiben. Sie sollten außerdem nicht zulasten guter Einrichtungen gefördert werden. Oft läuft es so, dass die Einjährigen zur Tagesmutter gehen und dann als Zweijährige in den normalen Kindergartengruppen untergebracht werden, die auf die Kleinen gar nicht eingestellt sind. Das ist ein Verbrechen an den Kindern.

ZEIT ONLINE: Und was halten sie von der Idee, Betriebskindergärten zu stärken?

Wehrmann: Unternehmen können Leuchttürme sein im Hinblick auf Qualität und Qualitätssicherung. Sie fürchten den Fachkräftemangel und machen sich deshalb selbst auf den Weg. Trotzdem müssen Eltern wählen können, ob es für sie besser ist, ihr Kind in der Nähe des Wohnorts oder der Arbeit unterzubringen. Außerdem müssen diese Kitas eingebunden werden. Sie sollten einen bestimmten Anteil von Kindern aus dem Stadtteil aufnehmen.

ZEIT ONLINE: Was hätte Kristina Schröder Ihrer Ansicht nach statt ihres 10-Punkte-Programms verkünden sollen?

Wehrmann: Ich wünschte, frühkindliche Bildung würde neben der Energiewende das zentrale Thema der Bundesregierung sein. Es sollte ein Krippengipfel aus Bund, Ländern, Kommunen sowie Gewerkschaften und Wirtschaft unter Leitung der Kanzlerin einberufen werden, der sich mit Experten berät. Das könnte sehr kurzfristig geschehen. Das Ziel sollte so etwas wie ein Staatsvertrag zur frühkindlichen Bildung sein, der für alle Bundesländer als Orientierung gilt.

ZEIT ONLINE: Wie kann man gute Kitas noch bezahlen?

Wehrmann: Für Kinder unter drei Jahren kostet ein guter Krippenplatz etwa 1.400 bis 1.500 Euro pro Kind und Monat. Bund, Länder, Kommunen und Wirtschaft könnten in eine sogenannte Kinderkasse einzahlen. Eine Einrichtung würde dann daraus und aus dem Elternbeitrag bezahlt – pro Kind, nicht pauschal. Gute Kinderbetreuung ist teuer. Volkswirtschaftlich lohnt sich die Investition aber allemal. Mein Vorschlag wäre, das Geld für das Betreuungsgeld und aus dem Ehegattensplitting für die frühkindliche Bildung auszugeben.