Im Urlaub fuhren wir mal wieder mit Luise nach Bayern auf den Bauernhof. Das machen wir schon immer, denn es ist wunderschön dort. Diesmal war es anders. Luise ist nicht mehr in dem Alter, in dem Mädchen auf Bauernhöfen brav auf den gepflasterten Wegen bleiben und stets in Sichtweite der Eltern. In dem man ihnen sagen kann: "Bleib weg vom hohen Gras, da sind Zecken! Bleib weg vom Stall, da sind Tiere!" Luise ist in dem Alter, in dem man aus dem Auto springt, auf Nora, die gleichaltrige Enkelin der Bäuerin, zusteuert und dann Hand in Hand mit ihr im Kuhstall verschwindet.

Meine Liebste und ich wechselten überraschte Blicke.

"Keine Sorge!", lachte die Bäuerin. "Nora kennt sich aus!"

Unter dem Vorwand, schnell die Tiere begrüßen zu wollen, ging ich hinterher. Abgesehen von 20 Kühen, 40 Schwalben und 400 Fliegen war der Stall leer. Ich rief Luise. Keine Antwort. Ich sah in die Futtertröge (zwei Mäuse) und unter jede Kuh (gottlob nichts).

Als ich aus der offenen Tür auf der anderen Stallseite stürzte, sah ich unsere Tochter. Sie stand Auge in Auge mit einem Kalb und kraulte es an der Stirn, während Nora neben ihr eine Katze auf den Arm genommen hatte.

Entspannt lächelnd schlenderte ich zu meiner Liebsten zurück. "Was ist mit dir?", fragte sie erschrocken.

Wir baten Luise, als sie heil und mit der Katze auf dem Arm wieder auftauchte, sich gründlich die Hände zu waschen. "Gleich!", rief Luise und rannte mit Nora zum Ziegengehege.

"Nimm die Hände nicht in den Mund!", rief ich ihr hinterher.

Als wir unsere Tochter wiedersahen, saß sie mit ihrer neuen besten Freundin vor einem tropfenden Jauchewagen im Gras und stopfte sich mit beiden Händen etwas in den Mund. Glücklicherweise handelte es sich um selbst gebackenen Kuchen der Bäuerin. Luise räumte ein, in der Zwischenzeit nicht nur die Ziegen, sondern auch den nassen Hofhund gestreichelt zu haben. "Aber: Ich habe mir die Hände gewaschen!"

"Wo denn?", fragte die Liebste betont harmlos.

Luise zeigte auf eine algenüberwucherte Badewanne mit trüber Brühe an der Hauswand. "Macht Nora auch immer so!"

Wir entrissen unserer aufbrüllenden Tochter den Kuchenrest und eskortierten sie zum Waschbecken. Danach, sie zeigte keine Vergiftungserscheinungen, durfte sie zurück zu Nora – nachdem sie hoch und heilig versprochen hatte, die Wanne zu meiden, nichts Schmutziges mehr anzufassen und danach zu essen, und ihren Sonnenhut aufzubehalten. Wir baten sie auch eindringlich, die Schuhe anzulassen, wenigstens in der Wiese, in der es vor Bienen wimmelte. Wenige Minuten später war sie barfuß, denn Nora war das auch.