Eine Zahl beunruhigt das Land, seit Monaten schon:  130.000 Krippenplätze fehlen offiziell in Deutschland , um den für 2013 versprochenen Rechtsanspruch einhalten zu können.

Vor einigen Jahren hat man ausgerechnet, dass für 35 Prozent der Kinder zwischen einem und drei Jahren Krippenplätze benötigt werden – das sind 750.000 Plätze. Der größte Teil der Plätze ist also vorhanden, und auch der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg , glaubt, dass in dem einen Jahr bis zum Rechtsanspruch sicher noch einiges geschehen wird. Man müsse ein bisschen großzügiger sein und nicht von jeder Kita verlangen, dass sie einen eigenen Spielplatz zu bieten hat. Statt eines Kita-Platzes tue es auch eine Tagesmutter, und außerdem sollen doch bitte Unternehmen mehr Verantwortung übernehmen und Betriebskindergärten einrichten. Wenn dann noch die Eltern nicht allzu wählerisch und bereit sind, auf die Wunschkita zu verzichten, dann könnte es klappen. Also alles gar nicht so schlimm?

Große regionale Unterschiede

Die Zahl der 130.000 fehlenden Plätze gibt dazu nur bedingt Auskunft. Denn entscheidend für die Betreuungsmöglichkeiten in Deutschland ist der Wohnort der Eltern. In Ostdeutschland werden heute schon fast 50 Prozent der ganz Kleinen betreut und manche Städte haben trotzdem noch mehr Bedarf. Auch in Westdeutschland rechnen viele Großstädte mit einem Betreuungsbedarf von mindestens 50 oder 60 Prozent, obwohl im Westen insgesamt nicht einmal 20 Prozent der unter Dreijährigen in die Krippe oder zur Tagesmutter gehen. Was Eltern brauchen und was sie angeboten bekommen, ist also in einem Dorf in Niedersachsen , in einer sächsischen oder einer bayerischen Großstadt jeweils völlig verschieden.

Ebenso sind es Motivation und Möglichkeiten der Länder und Kommunen. Mancherorts hat der Bürgermeister kein Geld für weitere Kitaplätze, oder er streitet mit dem Land darum. Ein anderer fürchtet um seine konservativen Wähler und richtet deshalb keine weiteren Krippenplätze ein. Außerdem ist gar nicht klar, ob die Zahl 130.000 insgesamt überhaupt stimmt. Manche Experten schätzen, dass der Bedarf viel höher sein wird – dass 200.000 Plätze fehlen könnten, oder sogar 400.000.

Die Zahlen erhellen also eher wenig. Sie verschleiern aber, worum es wirklich gehen müsste: um sehr kleine Kinder, denen man Schaden zufügen kann, wenn man nun Hals über Kopf irgendeinen Platz für sie einrichtet. Zu einer angemessenen Kinderbetreuung gehört mehr.

Die Arbeit der Erzieher würdigen

So benötigt man sehr gut ausgebildete Erzieher (viele Experten fordern ein Hochschulstudium), deren Arbeit endlich entsprechend honoriert und anerkannt werden muss. Nur so wird die Betreuung dem gerecht, was ein ein- oder zweijähriges Kind an Zuwendung und Einfühlung braucht. Und was man unter dem viel verwendeten Stichwort "frühkindliche Bildung" allerorten fordert. Aber Erzieher werden überall gesucht. Sie lassen sich zwar durch Praktikanten und Tagesmütter mit dreiwöchiger Ausbildung unterstützen aber nicht ersetzen.

In einer Krippengruppe sollte laut Psychologen ein gut ausgebildeter Erzieher oder eine Erzieherin nur drei, höchstens vier Kinder betreuen müssen, damit die Kleinen zum einen Vertrauen und Bindung aufbauen , und zum anderen, damit sie angemessen gefördert werden können. Es gibt Bundesländer, die diesen Anspruch erfüllen wollen. Doch beispielsweise in Ostdeutschland, die ja gute absolute Zahlen liefern, wird er nicht annähernd erreicht.

Einen Rechtsanspruch nur auf Platzzahlen zu gründen und dabei auf bundesweit geltende Qualitätsstandards zu verzichten, ist also nicht nur verwirrend, sondern auch falsch. Damit schafft man Betreuungsplätze für den Rechtsanspruch, aber nicht für die Menschen, die sie brauchen. Eltern brauchen nicht nur einen Platz für ihr Kind, sondern ebenso das Vertrauen, dass der dem Kind auch gut tut.