Ist dieses role model der perfekten Karrierefrau-Mutter-Liebhaberin wirklich erstrebenswert? Ist es tragisch, wenn Frauen nicht gleich nach Verlassen des Kreißsaals wieder eine Topfigur haben? Wie sehen eigentlich die Männer dieser Frauen aus? Verbirgt sich nicht hinter der französischen Fassade der uralte anti-emanzipatorische Gedanke, dass eine Frau, die nicht (immer) gut aussieht, nichts wert sei – und auch noch dem Gespött ihrer schreibenden Kolleginnen ausgesetzt ist? So etwas wie Solidarität ist bei den Frankreich-Apologetinnen unter den pädagogisierenden Journalistinnen nicht im Entferntesten zu spüren. Am Rande erfährt die geneigte deutsche Leserin, dass die deutschen Männer im Haushalt mehr mitmachen als die französischen. Vielleicht haben letztere auch deshalb weniger gegen ein weiteres Kind einzuwenden: von ihnen wird weniger erwartet.

Neben aller Kritik am französischen Frau-Mutter-Liebhaberin-Modell können einem aber durchaus berechtigte Zweifel an den deutschen Erziehungsmethoden aufkommen, wenn man den Blick nach Westen wirft und dort Kinder im Alltag erlebt. Man muss zwischen dem französischen Anspruch an die attraktive, durchorganisierte, erfolgreiche Mutter und Frau und dem – weitaus realistischeren – Blick auf Kinder und Erziehung stark unterscheiden. Beide Aspekte können nicht miteinander verwechselt werden.

Alle nach Frankreich ausgewanderten Deutschen, ob Gutverdiener oder Geringverdiener, ob in der Metropole oder auf dem Land zu Hause, sind sich darüber erschreckend einig, dass französische Kinder bessere Manieren haben, höflicher sind, ihre Eltern weniger oft unterbrechen, sich länger mit sich selbst beschäftigen können und als Teenager sogar in der Lage sind, Besuch der Eltern mit mehr als einem mauligen "Hi" zu begrüßen. Und das alles ist menschenmöglich, ohne besonders autoritäre Erziehungsmaßnahmen, die auch in Frankreich weitgehend verpönt sind seit der Siebziger-Jahre-Pädagogik der immer noch extrem populären Françoise Dolto. Sie ist den Franzosen, was den Deutschen und Schweizern Remo Largo oder den Amerikanern Benjamin Spock ist. Der französische Clou: la pause, Warten lernen, Frustrationstoleranz entwickeln, die Bedürfnisse der Kinder nicht grundsätzlich über alle Bedürfnisse der Eltern zu stellen.   

Mütterliches Aufspringen bei Sandkasten-Querelen

Was im Falle der damaligen Justizministerin Dati überzogen und kalt wirkt, hat in dosierter Form seine Meriten: Mütter springen auf dem Spielplatz nicht sofort in kampfesbereiter Verteidigungshaltung auf, wenn Sandkasten-Querelen drohen, sondern sind in der Lage, eine Zeitung zu lesen oder ein halbwegs vernünftiges Gespräch miteinander zu führen. Ehepartner erklären ihren Kindern, dass sie morgens erst das elterliche Schlafzimmer betreten dürfen, wenn die Eltern die Tür geöffnet haben. Jeder, der mal in Frankreich Urlaub gemacht hat, wird sich über die friedlich mit ihren Eltern im Restaurant essenden Kinder gewundert haben. Kinder, die von Anfang an lernen, dass es nicht immer eine Extrawurst für sie gibt, essen erstaunlicherweise einigermaßen normal mit ihren Eltern mit – inklusive Anchovis und Artischocken. In französischen Restaurants gibt es nicht einmal spezielle Kindergerichte (die in Deutschland und den USA bezeichnenderweise gemüsefrei sind).   

Fazit: Der derzeitige Frankreich-Hype nervt. Insbesondere das Ausblenden der Rolle der Väter in der Erziehung verstimmt. Über die Rolle der Frau kann man in erster Linie erfahren, wie man sich selbst weitere Pflichten auferlegt, Hauptsache, man gefällt dem Ehemann.

Über den Umgang mit Kindern kann man aber einiges lernen, unter anderem, wie man kleine Tyrannen am familiären Aufstieg hindert, indem man von Anfang an klare Regeln vereinbart, ihnen schlicht etwas mehr Verantwortung und Einsicht zutraut.

In Deutschland meinen viele Eltern, die kindliche Welt müsse die Welt der Erwachsenen aushöhlen, ersetzen – und nicht parallel neben ihr existieren. Eigentlich wollen Kinder ja das Leben der Erwachsenen kennenlernen, sie wollen groß werden und lieben es, die Erwachsenen zu kopieren. Aber viele Eltern scheinen sich aus dem Stress und Frust, den das Erwachsenenleben so mit sich bringt, in die Welt ihrer Kinder wie in eine Oase zu flüchten, sich selbst infantilisieren, eigentlich aus ihrem eigenen Leben fliehen zu wollen. Die kindliche Sphäre wird als erstrebenswerte Gegenwelt zur als unübersichtlich und disharmonisch erlebten Welt der Erwachsenen begriffen – und als solche konserviert.