Willkommen im Kinderparadies Deutschland! Jetzt wirft die Bundesregierung den Eltern einen neuen Knochen hin: Sie hat versprochen, dass bis zum 1. August jedes Kind zwischen einem und drei Jahren Anspruch auf einen Betreuungsplatz hat. In der Hoffnung, dass mehr Kitaplätze mehr Kinder produzieren. "Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates", so steht es im Grundgesetz. Diese Fürsorge ist dem deutschen Staat einiges wert, insgesamt mehr als 200 Milliarden Euro. Doch Eltern (und Kinder) lassen sich einfach nicht kaufen. 

In den USA gibt es kein Kindergeld, keine Elternzeit und keinen geförderten Kitaplatz. Kinderkriegen ist hier ganz klar Privatsache. Das geht schon vor der Geburt los. Selbst Amerikanerinnen, die krankenversichert sind, müssen einen Teil der Schwangerschaftsvorsorge selbst zahlen. Und nicht nur vor der Geburt, auch danach müssen Mamas (und Babys) für sich selber sorgen. You are on your own, baby! Die USA sind das einzige Industrieland, in dem es bis heute keinen gesetzlich garantierten, bezahlten Mutterschutz gibt. Wer in größeren Firmen arbeitet, bekommt maximal zwölf Wochen Mutterschaftsurlaub – unbezahlt.

Für Ganztagsbetreuung müssen Eltern in Amerika – je nach Ausstattung und Lage – durchaus 10.000 Euro im Jahr hinblättern. Damit ist Kinderbetreuung teurer als die Studiengebühr an vielen öffentlichen Universitäten. Wer sich keinen Kindergarten- oder Krippenplatz leisten kann, teilt sich eine Tagesmutter mit anderen Familien. "Nanny-Sharing" heißt das Modell. Kosten pro Stunde: etwa zehn bis zwölf Dollar für zwei Kinder. Für die Kosten kommt nicht der Staat auf, sondern es zahlen die Eltern. Trotzdem haben amerikanische Frauen mehr Kinder als deutsche. Und amerikanische Mütter machen eher Karriere als deutsche. Warum nur?

Vielleicht, weil Kinder einfach dazugehören. Weil sie keine Störfaktoren sind, sondern Normalität. Eltern mit Kindern werden gerne als Mieter akzeptiert. Im Restaurant bringt der Kellner selbstverständlich Hochstuhl und Wachsmalstifte an den Tisch. Buchläden und Leihbüchereien bieten kostenlose Vorleseprogramme an. In jeder größeren Stadt gibt es Museen für Kinder. 

Kinderfreundlichkeit sei durchaus ein Faktor, der den Trend zur Familie in den USA zumindest mit erklärt, bestätigt der US-Demografie-Experte Carl Haub. "Für Amerikaner hat Familiengründung einfach einen anderen Stellenwert. Es ist eine Mentalitätsfrage. Kinder zu haben, ist etwas Positives."

In Deutschland sind Kinder vor allem ein Problem

Hier bei uns in Deutschland ist Kinderkriegen dagegen offenbar vor allem eins: ein Problem. Menschen müssen dazu überredet werden, Kinder zu bekommen, denn Kinder sind anstrengend, ein Karrierehindernis, ein Kostenfaktor und eigentlich kaum zumutbar. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat kürzlich eine Studie mit dem Titel (Keine) Lust auf Kinder? vorgelegt. Darin präsentieren die Experten Daten und Zahlen über die Einstellung der Deutschen zu Kindern: "Nicht einmal die Hälfte (45  Prozent) der kinderlosen Deutschen zwischen 18 und 50 Jahren glaubt, dass sich ihre Lebensfreude und ihre Zufriedenheit verbessern würden, wenn sie in den nächsten drei Jahren ein Kind bekommen würden." Für Kinderlose ist der Job am wichtigsten, gefolgt von Freunden, Freizeit, Partnerschaft. Und: Immerhin acht Prozent aller Deutschen möchten nicht, dass Menschen mit vielen Kindern in ihrer Nachbarschaft leben. Da, wo es viele Kinder gibt, werden sie vor allem als laut und störend wahrgenommen.

Manchmal genügt schon ein Bummel durch die Wohnviertel einer beliebigen deutschen Großstadt, um zu sehen, was Kinder wert sind: Im Sandkasten auf dem Spielplatz liegen zerbrochene Bierflaschen. Die Sporthalle der Grundschule ist seit zwei Jahren baufällig und deshalb unbenutzbar. Im Supermarkt passt der Zwillingswagen nicht durch die Kasse, und niemand hilft der Mama beim Einpacken der Milchtüten und Tomatendosen. Beim Überqueren der Straße wird das trödelnde Kleinkind angehupt. Im schicken Café an der Ecke darf der Dreijährige die Toilette nur benutzen, wenn er vorher eine Bio-Rhabarberschorle konsumiert hat. Und draußen an den Baum pinkeln ist natürlich auch verboten, denn der ist für die Hinterlassenschaften der Möpse und Cockerspaniel der Stammkundschaft reserviert. Der Tierschutzbund hat in Deutschland mehr als 800.000 Mitglieder, der Kinderschutzbund 50.000. Willkommen im Kinderparadies?

Vielleicht geht es beim Kinderkriegen am Ende gar nicht so sehr ums Geld und die um Rundum-sorglos-Kinderbetreuung. Vielleicht geht es einfach darum, dass wir stinkende Windelbabys, brüllende Kleinkinder und vorpubertäre Achtjährige nicht als Störfaktoren sehen, sondern als das, was sie sind: Zukunft.