Die Elternfrage: Das neue Schuljahr hat begonnen. Eigentlich müsste unser Sohn jetzt mit guten Vorsätzen ans Werk gehen – das letzte Zeugnis fiel nämlich ziemlich bescheiden aus. Er aber wirkt ganz unbeschwert. Alles dreht sich um Freunde und Freizeit, und bei Schulischem höre ich nur das übliche Stöhnen über Hausaufgaben. Müssten wir ihm nicht Beine machen?

Eltern haben einen weiten Blick, sie peilen nicht nur Monate zuvor die nächste Klassenarbeit an, die den Karren herumreißen soll; sie sehen auch bereits die künftige Versetzung kommen, bangen schon jetzt um einen möglichst guten Abidurchschnitt – schließlich geht es um zukünftiges Einkommen und Lebensglück.

Kinder denken in anderen Zeitdimensionen, und sie setzen andere Akzente. Das letzte Zeugnis mag enttäuschend gewesen sein, und das magere Zeugnisgeld oder die Moralpredigten waren ärgerlich. Deshalb haben sie diese Pleite eben gut verdrängt und sich Bereichen zugewandt, in denen ihnen die Anerkennung sicherer scheint, die Geltung leichter fällt. Klar hoffen sie irgendwie auf bessere Noten, murmeln irgendwelche guten Vorsätze – aber eigentlich wissen sie nicht wirklich, wie man das anstellen könnte. Fleißiger sein, sich mehr anstrengen, besser aufpassen – diese diffuse Devise hat bislang wenig gebracht.

Aber es gibt ja uns Erwachsene, uns Eltern und Lehrer. Ist es nicht unsere Aufgabe herauszufinden, warum ein Kind in dem ein oder anderen Fach Schwierigkeiten hat, warum es insgesamt lustlos beim Lernen ist, gar Angst vor dem Schulbesuch hat? Wenn wir das nämlich erkundet haben, können wir auch Auswege anbieten. Kinder wollen eigentlich gerne etwas leisten – wenn sie nur gangbare Wege dafür sehen. Wer sich aber in einer Sackgasse wähnt, kann mit Mahnungen ("Jetzt lass' dich nicht so hängen!") oder Gewissenserforschung ("Warum fällt Mathe dir eigentlich so schwer?") wenig anfangen – viel allerdings mit dem Hinweis auf einen bisher übersehenen Ausgang.

Ein konzentrierter Sitznachbar, weniger Hetze zu Hause

Lehrer können auf falsche Arbeitstechniken hinweisen, sie finden vielleicht einen konzentrierteren Sitznachbarn für Ihren Sohn, bieten ihm spezifische Unterstützung an oder überraschen ihn mit einer Aufgabe, die sein Hobby aufgreift; eventuell nehmen sie sich auch einfach einmal Zeit, ein paar Wochen lang Hausaufgaben oder schulische Übungen besonders intensiv zu kontrollieren beziehungsweise kommentieren. Individuelle Förderung nennt man das heute.

Auch Sie als Eltern haben einiges in der Hand: Vielleicht hatten Sie sich zuletzt einfach zu wenig für das Lernen Ihres Sohnes interessiert (Kinder brauchen das nämlich), oder es ging insgesamt zu gehetzt bei Ihnen zu Hause zu. Möglicherweise haben Sie auch zu oft anspornend auf die fleißigeren Geschwister verwiesen – und damit nur Frust ausgelöst. Also nehmen Sie sich zukünftig öfter ein ruhiges Viertelstündchen, um gemeinsam über seine Sicht von der Schule oder auch andere Themen zu plaudern. Suchen Sie außerdem ruhig Kontakt zum Klassenlehrer – gemeinsam kommt man oft auf mehr Ideen.

Denkbar wäre auch, dass Sie einen interessanten Zeitungsartikel mitbringen oder einen Museumsausflug planen, durch den das unbeliebte oder schwierige Fach in neuem Licht erscheint. Manchmal sind Kinder auch froh über Nachhilfestunden. Und natürlich dürfen Sie einem Jugendlichen auch klarmachen, dass Sie ihm mehr zutrauen – und entsprechend mehr Einsatz von ihm erwarten. Er kann ja nicht im Ernst davon ausgehen, dass Sie jahrelang für ihn die Brötchen verdienen, er aber in wichtigen Entwicklungsjahren Däumchen dreht.

Wir sollten nicht nur auf gute Vorsätze der Kinder warten, sondern auch selbst nach guten Anstößen suchen. Junge Menschen sind einfach noch nicht so gut darin, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen – fällt uns Älteren das nicht auch verdammt schwer? Klar, es gibt auch Ehrgeizige, die einen Durchhänger schon von selbst nicht auf sich beruhen lassen. Den meisten lernunlustigen oder störfreudigen Kindern aber steht etwas im Weg, das sie selbst gar nicht benennen könnten. Wir Erwachsene dürfen ruhig mehr Gedanken darauf verwenden, solche Barrieren aufzuspüren – und bei ihrem Abräumen behilflich zu sein.