Grüne untersuchen ihre pädophile Vergangenheit – Seite 1

Sex zwischen Kindern und Erwachsenen: Die Schwulengruppe Rosa Biber wollte Pädophilie legalisieren. Die Frauengruppe Wandsbek hielt im Mitglieder-Rundbrief der Hamburger Grünen – damals noch Grün-Alternative Liste (GAL) – dagegen. Es war nur der Streit zwischen zweien der vielen kleinen Spezialzirkel, die es 1984 innerhalb der GAL gab – aber immerhin existiert überhaupt ein Dokument, das bezeugt: Über das Thema wurde damals gestritten.

Schon 1982 stand im Programm der GAL zur Bürgerschaftswahl im Kapitel Schwule und Lesben, dass die Paragrafen, die Sex zwischen Erwachsenen und Kindern verbieten, abgeschafft werden sollten – wie es bereits 1980 im Grundsatzprogramm der Bundesgrünen formuliert worden war. Aber nicht nur das: Im Kapitel Kinder steht die Forderung ebenfalls, wenn auch viel schwammiger getarnt als "freie, selbstbestimmte, ungestörte Entfaltung der kindlichen Sexualität". Sie wurde zwar relativiert: "Wenn wir auch für ein zärtliches Verhalten zwischen Erwachsenen und Kindern eintreten, meinen wir damit nicht, mit ihnen unsere gewohnte Erwachsenensexualität zu praktizieren. Das ist Kindesmisshandlung und hat mit Zärtlichkeit, Gleichberechtigung, etc. nichts zu tun." Doch macht dieser Satz es wirklich besser?

1982 hatten einige Mitglieder in Hamburg beantragt, den Punkt zu streichen – aber am Ende wurde er trotzdem einmütig beschlossen. Wie kam es dazu? Warum gaben die Kritiker klein bei? Und wieso taucht die Forderung dann im nächsten Wahlprogramm der GAL-Fraktion 1986 nicht mehr auf? Hatte eine Mehrheit explizit gesagt: Den Mist wollen wir nicht mehr?

Katharina Fegebank und Manuel Sarrazin, heute Landesvorsitzende der Grünen in Hamburg, wollen nicht nur auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Analyse der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter und Stephan Klecha warten. Sie wollen selbst auf die Suche gehen nach Dokumenten und Verantwortlichen. Und sie versprechen sich neue Einsichten durch die öffentliche Diskussion: Am Mittwochabend ließen sie deshalb nicht nur den Forscher Klecha zu Wort kommen. Auch der taz-Redakteur Marco Carini stellte sich der Debatte. Er hatte im Alter von 19 Jahren als einer der Landesvorsitzenden das Programm von 1982 mitbestimmt.

Gemischtwarenladen aller Strömungen und Minderheiten

Carini sagt, die GAL ist damals ein Gemischtwarenladen aller möglichen linken Strömungen und Minderheiten gewesen. Das erschwert die historische Aufarbeitung ebenso wie die chaotische Dokumentation: Vieles, was die Grünen diskutierten, existiert nicht in Schriftform. Und wenn Protokolle geführt wurden, sind sie heute manchmal schwer zu lesen. Wer war denn wohl Heiko? Nachnamen sind nicht festgehalten. Die Partei hatte auch noch kein Archiv. Wem hätte man es auch anvertrauen sollen, fragt Stephan Klecha. Dem Stadtarchiv, also dem repressiven Staat? Deshalb hätten einzelne Mitglieder die Akten zu Hause in den Keller gestellt – und im Zweifel beim nächsten Umzug weggeschmissen.

Klecha und Walter haben dennoch bereits vieles herausgefunden, wie ihr Zwischenbericht zeigt. Zuallererst machen sie deutlich: Der Zeitgeist traf nicht nur die Grünen. Nachdem Sexualität in den fünfziger und sechziger Jahren tabu war, wurde sie seit den Siebzigern idealisiert. Nun sollten alle Tabus gebrochen werden. Die sexuelle Befreiung sollte sich auch auf Pädophile und Kinder erstrecken. Eine Debatte über die Schattenseiten der Sexualität, über den Missbrauch passte dazu nicht. Hinzu kam noch, dass Wissenschaftler die Pädophilie verharmlosten. Und die Grünen seien wissenschaftshörig gewesen, halten die Forscher fest.

Zeitgeist und Kampf gegen Repression

Aber Klecha sagt trotzdem, es könne keine Rede davon sein, dass dieser Punkt den Grünen einfach so durchgerutscht sei. Denn in der linken Szene gab es durchaus einen Gegendiskurs, den Günter Amendt und Alice Schwarzer in der Emma führten. Es gab auch Landesverbände der Grünen, die sich anders entschieden. In Tübingen etwa meldeten sich während einer Debatte Missbrauchsopfer zu Wort und überzeugten die Parteimitglieder, dass Sex zwischen Kindern und Erwachsenen niemals legalisiert werden dürfe.

Neben dem allgemeinen Zeitgeist erklärt auch die spezielle Ausrichtung der Grünen ihre Haltung. Eines ihrer wichtigsten Anliegen war und ist es, Minderheiten zu vertreten. Und in Hamburg waren damals die Homosexuellen besonders präsent, mit Corny Littmann hatten sie einen schillernden Vertreter. Pädophilengruppen wiederum seien sehr gut organisiert gewesen, sagt Klecha, und hätten nicht nur bei den Grünen erfolgreich für ihre Ziele geworben. Vor allem hätten sie die Schwulengruppen überzeugt: Ihr müsst uns mitvertreten, denn wir werden heute noch so diskriminiert wie ihr damals.

Waren Schwulen- und Lesbengruppen auch sonst in vielen Belangen zerstritten, in der Pädophiliefrage waren sie sich einig. So fand dieses Thema viel besser seinen Weg in die Debatten der Grünen. Klecha sagt sogar, die Hamburger Grünen hätten nicht einfach den Anliegen aus der Szene nachgegeben, sondern offensiv angeboten, die Forderung ins Programm zu schreiben. Und schließlich gibt einer aus dem Publikum zu: "Wir hätten damals jeden Scheiß erzählt für die Wählerstimmen."

Ein weiterer dominanter grüner Diskurs war laut Klecha, jegliche Form der Repression abzulehnen. Strafen für Sex konnten aus dieser Perspektive nur falsch sein. Carini sagt dazu, er habe das Thema zwar "schwierig" gefunden, sei aber auch absolut überzeugt gewesen, dass Haftstrafen die falsche Reaktion seien. In der Diskussion wurden postpubertäre Jugendliche oft nicht von Kindern getrennt betrachtet, ergänzt Klecha.

Wie verschwand nun aber der Absatz im nächsten Wahlprogramm der Hamburger Grünen? Wahrscheinlich weniger durch eine offensive Auseinandersetzung als mit einem generellen Umbau der Grünen. Obwohl im Streit zwischen Fundis und Realos die Pädophiliedebatte gar keine Rolle spielte, hält Klecha ihn für mitverantwortlich für den Perspektivwechsel. Die Grünen hatten sich für die Realos und damit für den Rechtsstaat entschieden. Das sei so etwas gewesen wie eine Schlussstrichdebatte, meint er. Bestimmte Themen waren vom Tisch. Außerdem fanden die Ziele der immer stärker werdenden Frauengruppen Eingang ins Programm. Ihnen ging es unter anderem explizit um den Kampf gegen Missbrauch von Frauen und Mädchen – und das passte mit der Forderung nach Legalisierung von Sex mit Kindern einfach gar nicht mehr zusammen.  

Die Bewertung fällt unterschiedlich aus

Das Publikum lacht trotz des ernsten Themas immer wieder, wenn sich die Alt-Grünen Anekdoten erzählen, sich an ihre Unordnung von damals und ihre Grabenkämpfe erinnern. Freundliche Ermunterung kommt von einem Missbrauchsopfer: Angelika Öttken koordiniert ein lockeres Netzwerk von Institutionen, die sich um Missbrauchsopfer kümmern. Sie sagt, die Grünen hätten nun die Chance, einen Standard zu setzen. Toleranz für die Täter dürfe es nicht mehr geben, die müssten die Grünen nun auch "über die Rampe schubsen". Auch wenn sie noch so nett wären.

Doch die Aufarbeitung wird schwer, nicht nur wegen der schlechten Aktenlage: Die Bewertung der Vergangenheit fällt sehr unterschiedlich aus. Die jungen Landesvorsitzenden sind entsetzt, dass die Grünen nicht schon früher und von selbst ihre Fehler angeschaut haben – und wie viele der älteren Kollegen offenbar nun unter Amnesie leiden. Carini hingegen sagt, er wisse heute zwar, dass es die Büchse der Pandora gewesen wäre, Sex mit Kindern zu legalisieren. Die Opfer wären manipuliert worden, zu behaupten, alles sei freiwillig passiert. Aber damals sei die Haltung der Grünen trotzdem kein Fehler gewesen. Die Diskussion von den fünziger Jahren bis heute sei ein notwendiger Weg gewesen, den man habe gehen müssen.

Andere entschuldigen sich mit "Aufmerksamkeitsdefiziten", weil sich jeder mit den Splittergruppen seiner eigenen Arbeitsgruppe aufrieb. "Wie ich damals abgestimmt habe? Ich erinnere mich nicht mehr." Und schließlich gibt es auch einen im Publikum, der sich traut zu sagen, er glaube noch heute, dass es freiwilligen Sex zwischen Erwachsenen und Kindern gebe. Gegen Gewalt sei man doch schließlich auch vor 30 Jahren schon ausdrücklich gewesen.

Am Ende steht jedoch ein guter Vorsatz: Kinderschutz sei ein Thema, das die Grünen lange vernachlässigt hätten, sagt Katharina Fegebank. Er soll nun ins Programm, nicht nur um sich deutlich gegen Missbrauch zu positionieren, sondern auch wegen der vielen getöteten Kinder, die es in Hamburg gegeben habe. Lange sei es Konsens gewesen, dass staatliche Strukturen möglichst nicht in die Familien eingreifen dürften. Die Hamburger Grünen brauchten dazu eine eigene Position.