Im Hamburger Szene-Viertel Ottensen: unzählige Cafés und hohe Mieten, enge, gepflasterte Straßen, Gründerzeitbauten – und überall Kinderwagen. In den vergangenen Jahren sind hier viele neue Kitas und Krippen entstanden. Auch der Yoga-Kindergarten von Erzieherin Muktiar Dettmann und Kunstpädagogin Karolin Hoffmann.

Seit Sommer 2011 betreiben die beiden ihre Kita in einer ruhigen Seitenstraße im Souterrain eines Altbaus. Im Hinterzimmer lehnt ein Kaufmannsladen unbeachtet an der Wand. In den beiden vorderen Räumen bauen zwei Jungs aus Stühlen, Decken und einem Tau einen Bus, mit dem sie eine Exkursion nach Afrika planen. Durch die Küche geht es in den Mini-Garten, wo zwei Mädchen in Gummistiefeln kreischend durch die Pfützen patschen, während die anderen Kinder auf ihren Laufrädern eine Runde über den Schulhof der benachbarten Grundschule drehen.

Sieben Kinder zwischen zwei und fünf Jahren besuchen zur Zeit den Yoga-Kindergarten, zehn sollen es höchstens werden. Für die beiden Leiterinnen eine ideale Betreuungssituation. "Wir finden, Kindergärten müssen wirklich kindgerecht werden", sagt Karolin Hoffmann. "Nicht durch kleine Tische und Stühle. Sondern indem Platz da ist für die Gefühle eines Zwei- oder Dreijährigen, das mit einer fremden Umgebung, fremden Betreuern und fremden Kindern klarkommen muss." Klingt selbstverständlich, ist in der Kita-Landschaft Hamburgs aber doch eher die Ausnahme.

Hamburg zählt beim Kita- und Krippen-Ausbau mit einer Betreuungsquote von über 35 Prozent zu den westdeutschen Spitzenreitern. Gleichzeitig aber leidet die Qualität der Betreuung. Es fehle an Personal, sagt Bernhard Kalicki vom Deutschen Jugendinstitut: "Man kann nicht allgemein von einem Fachkräftemangel sprechen. Der Bedarf fällt regional ja sehr unterschiedlich aus. Aber besonders in den Metropolen fehlen Erzieherinnen und Erzieher."

Zweijährige in Settings, wo sie nicht hingehören

In Hamburger Krippen betreut eine Vollzeitkraft etwa fünf Ganztagskinder unter drei Jahren. Der von Experten geforderte Betreuungsschlüssel liegt für unter Dreijährige bei 1:3. Ein weiteres Problem sieht Kalicki in der Größe und Zusammensetzung der Gruppen: "Angesichts des Ausbaudrucks finden wir heute viele unter Dreijährige in Settings, wo sie eigentlich nicht hingehören. Also in Kindergartengruppen, die geöffnet werden für Zweijährige, ohne dass die Rahmenbedingungen und das pädagogische Konzept angepasst werden."

Dettmann und Hoffmann erzählen von Kindergärten, in denen bis zu 70 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren in einer Gruppe untergebracht werden. Die sogenannten offenen Gruppen gehen auf ein pädagogisches Konzept der siebziger Jahre zurück. Die Stammgruppen wurden aufgelöst, damit die Kinder sich frei bewegen und selbst Spielgruppen oder Aktivitäten aussuchen konnten. Was damals der natürlichen Neugierde und dem Entdeckerdrang der Kinder entgegenkommen sollte, ist heute oft aus der Not Realität, weil zu viele Kinder mit zu wenig Personal betreut werden müssen. 

Dettmann sagt: "Das ist so, als würde man ein zweijähriges Kind auf einen Marktplatz stellen und sagen: So, jetzt such Dir mal was aus. Das ist die pure Überforderung." Auch im Yoga-Kindergarten sind die unter Dreijährigen willkommen. "Bei unserer kleinen Gruppe herrschen ganz andere Voraussetzungen. Wir haben alle Kinder im Blick, gerade auch die beiden Zweijährigen unserer Gruppe. Wie in einer Großfamilie lernen so die Kleinen von den Großen und umgekehrt", erklärt Dettmann. "In großen Gruppen mit wenigen Erzieherinnen müssen die Kinder funktionieren, da ist oft kein Raum für ihre Gefühle. Bei uns wird nichts weggedrückt, und so geht auch kein Kind verloren."

Die haben sich selbstständig gemacht, weil sie selbst schlechte Erfahrungen hatten. Allerdings in einem anderen Kontext: Sie lernten sich in einem Hort kennen, einer Betreuungseinrichtung für Grundschüler. Auch in diesem Bereich ist Hamburg gut ausgestattet: Seit 2011 wurden die Grundschulen schrittweise zu Ganztagsschulen umgebaut, nachmittags gehen die Kinder in den Hort.

Damit erfüllt Hamburg eine Forderung von Experten wie Bernhard Kalicki nach Ganztagsbetreuung für Kinder. Allerdings entspricht die Situation in den Hamburger Horten jene in Krippen und Kindergärten: Der politische Wille ist da, aber an der Umsetzung hapert es. Personalmangel und fehlende pädagogische Konzepte machen aus vielen Horten Kinderverwahranstalten. : "In unserer Einrichtung betreuten am Ende zwei Erzieher 30 Kinder", erzählt Hoffmann. "In den Räumen herrschte ein infernalischer Lärm. Da konnte sich kein Kind konzentrieren. Von individueller Förderung konnte keine Rede sein."